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Tonart | Beitrag vom 16.09.2015

Glen HansardIm Herzen immer noch Straßenmusiker

von Ina Plodroch

Der Musiker Glen Hansard auf einer dunklen Bühne stehend, mit einer Gitarre, in ein Mikrofon singend (dpa/picture alliance/Herbert P. Oczeret)
Der Musiker Glen Hansard (dpa/picture alliance/Herbert P. Oczeret)

Glen Hansard ist auch nach 25 Jahren im Musik-Business ein Folk-Sänger geblieben. Der Oscar-Ruhm – für seinen Song "Falling Slowly" in dem Film "Once" – scheint nichts daran geändert zu haben, die Pop-Industrie konnte ihn nicht komplett vereinnahmen. Jetzt hat der Ire ein neues Album vorgelegt.

Glen Hansard: "Ich will als Künstler verbinden. Wenn ich einen Song singe, dann will ich, dass man ihn hört. Nicht nur im Hintergrund. Sondern, auch auf den Text hört und denkt: Oh, was ist das?"

Als Musiker gehört werden. Einen Song schreiben, den die Leute lieben. Den sie hören, mitsingen und - das ist das schönste Kompliment für Glen Hansard – den sie zu spielen lernen. Der Musiker kommt immer wieder auf diesen Punkt zurück.

"Mich interessiert die Idee von Popmusik nicht. Was mich interessiert ist die Idee, dass eine indische Frau irgendwo einen Song von mir hört. Dass sie überhaupt die Möglichkeit dazu hat. Denn dieser Moment ist entscheidend. Aber dadurch, dass sich das Radio verändert hat, und überall immer das Gleiche läuft verlieren wir das eklektische in unserer Kultur."

Wenn Glen Hansard über die heutigen Schwierigkeiten eines Musikers spricht, dann erzählt er nicht wie all die anderen, dass Streaming auch nicht die Lösung, sondern nur ein weiterer Teil der Ausbeute ist. Ihn stört, dass die Hörer immer weniger auf Musik stoßen, die nicht genau so klingt wie ihre Lieblingsband. Auch deshalb wirkt Hansard nicht wie einer, der seit über 25 Jahren im Musikbusiness sein Geld verdient und mit der Zeit ein wenig verbittert, weil ihn das ganze System anödet. Er scheint immer noch dieser Straßenmusiker zu sein, der mit der ganzen Pop-Industrie nichts zu tun hat. So hat er schließlich begonnen. Mit 13. Nachdem er die Schule geschmissen hatte. Um dann über 20 Jahre später einen Oscar zu gewinnen. Für einen Song, der auf die Straße passt.

"Das war ein Höhepunkt. Völlig aus dem Nichts und total verrückt und wunderbar. Aber Erfolg ist ein interessantes Biest. So wie mit 'Falling Slowly' und 'Once'. Das hatte seinen eigenen Erfolg, der sich verselbstständigt hat. Leute kamen zu mir und sagten: Wir haben den Song auf unserer Hochzeit gespielt. So etwas haut mich um. Oder Patti Smith, die sagte: ‚Hast du diesen Song geschrieben? Ich habe ihn auf der Beerdigung einer Freundin gesungen."

Der rote Bart wird langsam grau

Das Besondere ist für Hansard also wieder: Gehört werden. Menschen erreichen. Das will er seit 2012 auch als Solo-Musiker. Mit dem ersten Album „Rhythm and Response". Weil er nicht mehr nur der Sänger der Indierock-Band „The Frames" sein wollte – die er mit 17 gegründet hat. Und auch nicht nur der Typ mit den roten lockigen Haaren und den treuen Knopfaugen aus dem Film „Once". Sondern: Glen Hansard, dessen roter Bart mittlerweile auch grau schimmert.

"Als ich älter wurde fand ich einfach: Die ehrlichste Version meiner Songs muss unter meinem Namen erscheinen. Ich möchte sie besitzen."

Auch die Songs auf Hansards zweitem Soloalbum „Didn't He Ramble" wirken wie er selbst: nachdenklich, gutmütig, und oft ein bisschen zu pathetisch. Hansard schreibt anders als so viele Singer/Songerwriter keine Nabelschau-Moll-Akkorde. Sondern Songs über die Welt, den Alltag, das Leben. Allgemeingültige Texte, die niemals zu eindeutig und gerade deshalb reizvoll sind. Vielleicht auch, weil er für dieses zweite Album so intensiv an den Songs gearbeitet hat wie noch nie. Grund dafür: die vier vor der Null.

Für „Didn't he Ramble" hat Glen Hansard die Songs auch mal wieder zur Seite gelegt. Die erste Idee manchmal komplett über den Haufen geworfen und Texte noch mal hinterfragt. Dass es nachdenklich wird auf „Didn't he Ramble" macht Hansard direkt im ersten Song deutlich.

Ganz ohne Gitarre. Fast unerträglich langsam baut sich dieser Song auf, bis sich die Streicher, das Klavier und Hansard endlich treffen.
Glen Hansard hat zehn sehr einfühlsame und hoffnungsvolle Songs geschrieben fast wie kleine Gebete oder uralte Folk-Songs, die mit Geigen an seine Heimat Irland erinnern. Trompete und Mandoline, die durch drei Song-Minuten preschen. Und klassischer Singer/Songwriter-Gitarre-Sound, der den Hörer wie eine Decke einlullt.

"In 'My Little Ruin"' geht es eigentlich um einen Freund, der so talentiert ist aber so chaotisch. Es geht um die Angst vor dem Urteil und um den sich quälenden Künstler, der leiden muss. Darüber musste ich viel nachdenken. Aber es ist einfach so: Komm, du kannst dich wirklich zeigen und verletzlich sein."

Hansard präsentiert sich offen, auch im Gespräch. Als ein Musiker, der zwar im Pop-Business agiert, aber im Grunde eher ein Folk-Musiker ist. Der Songs schreiben will, die immer weiter gesungen werden trotz Streaming und musikalischem Überangebot. Mit dem Oscar-Song „Falling Slowly" hat er das fast geschafft. Dabei sind seine Solo-Alben sogar reizvoller und beständiger als dieser Song.

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