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Freitag, 24.11.2017

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 10.02.2017

GiftspinnenWie die Spinne in die Küche kommt

Von Udo Pollmer

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Eine Jagdspinne (Cupiennius salei)  (picture alliance / dpa / Tom Weihmann / FSU)
Für Udo Pollmer ist klar: Bananen, die nicht mit Pestiziden behandelt werden, bergen Risiken - wie die Ausbreitung von Giftspinnen. (picture alliance / dpa / Tom Weihmann / FSU)

Das kann in der Küche schon mal passieren: Eine handtellergroße Jagdspinne krabbelt aus den Bananen. Sind solche Funde nur eklig oder auch riskant? Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer hat den Spinnen mal auf die Giftdrüse gefühlt.

Immer wieder finden tropische Spinnen ihren Weg nach Deutschland. Die Einreise erfolgt meist in Bananenkartons als blinde Passagiere. Glücklicherweise ist die Mehrzahl der Reisenden nicht giftig, auch dann nicht wenn handtellergroße, haarige Exemplare mit ihren acht Augen in der Obstabteilung des Supermarktes die Kunden beobachten.

Da Obst kühl gelagert wird, sind die Tiere zunächst noch träge, so dass sie meist bei ihren Bananen bleiben, aber in der Küche erwachen sie in der Wärme zu neuem Leben. Wird im Markt ein Exemplar von einem Kunden gesichtet, fordert der Marktleiter einen Schädlingsbekämpfer an, damit dieser - geschützt durch Spezialkleidung - das Vieh einfängt. Daheim ist man auf sich selbst gestellt.

Spinnenforscher: Die meisten sind harmlos

Denn regelmäßig sind üble Exemplare darunter wie die aggressive Brasilianische Wanderspinne, auch Bananenspinne genannt (Phoneutria ssp.). Ihr Biss verursacht kaum erträgliche Schmerzen, Krämpfe und Herzrasen. Der Tod kann innerhalb weniger Stunden durch Atemlähmung eintreten. Nicht selten heften Spinnen ihren Kokon an die Früchte, in dem Hunderte von Babyspinnen darauf warten, endlich herauskrabbeln zu können.

Eine Brasilianische Wanderspinne (Phoneutria boliviensis) sitzt auf einem Blatt in Costa Rica (imago / blickwinkel)Eine Brasilianische Wanderspinne (Phoneutria boliviensis), auch Bananenspinne genannt. (imago / blickwinkel)

Es gibt noch andere Giftspinnen, die per Südfrucht zu uns gelangen - wie Einsiedlerspinnen oder Schwarze Witwen. Doch Spinnenforscher warnen vor Paranoia. Sie raten, Ruhe zu bewahren, denn die meisten Krabbler seien schließlich harmlos. Da Bananenspinnen manchmal ihre Opfer anspringen, ist dennoch respektvoller Abstand ratsam. Bei einem Biss sei besonders wichtig, keine Panik zu entwickeln – denn sonst pulsiert das Blut heftiger und das Gift wird schneller im Körper verteilt.

Das Reisegefährt: Bio- und Fairtrade-Obst

Der Pressesprecher der Augsburger Feuerwehr rechnet damit, dass in Zukunft häufiger Unappetitliches den Obstkisten entsteigen wird. Nachdem seine Kollegen wiederholt zu Spinneneinsätzen in Märkte gerufen wurden, verriet er der Presse den Grund: "Bio-Bananen werden nicht mehr begast. Deswegen überleben die Tiere die lange Reise einfacher".

Gerne wird der Klimawandel als Ursache für die Ausbreitung genannt. Doch die Spinnen landen bei uns, weil sie importiert werden, weil sie mit Biobananen und Fairtrade-Obst zu uns kommen. Und nicht weil sie sich entschlossen haben, ihrer tropischen Heimat den Rücken zu kehren und einen Bananendampfer besteigen, um ins gemäßigte Europa auszuwandern.

Wenn man darauf verzichtet, die Bio-Bananencontainer zu entwesen, dann muss halt die Wohnung mit Pestiziden begast werden, wenn eine unbekannte Jagdspinne aus der Obsttüte flüchtet. Niemand weiß, ob sich der unscheinbare Nachwuchs schon auf den Weg zur Couch gemacht hat.

Gefangene Spinnen werden im Netz versteigert

Von Fachleuten eingefangene Spinnen werden zur Auffangstation gebracht. Die Betreiber bieten die Funde aus den Obstregal im Internet an, um sie in gute Hände abzugeben. Während die Öffentlichkeit hingebungsvoll über Restrisiken von Kunstdünger diskutiert, widmen sich Naturschützer der Weitergabe von Giftspinnen. Und nicht nur diese. Im Internet gibt es einen lebhaften Handel mit Gifttieren. Sie werden von privaten Züchtern an Interessierte weiterveräußert und per Post zugestellt.

Um eine alte Phrase zu bemühen: Spinnen sind nicht rückholbar. Sie vermehren sich. So geschehen beim Ammen-Dornfinger – eine kleine orange-gelblich-grünliche Spinne – die vermutlich in unbehandelten Obstkisten zu uns kam: Ihre Bisswunde fühlt sich meist an wie der Stich einer Wespe, kann sich aber böse entzünden. Inzwischen ist der Dornfinger in Berlin und Brandenburg heimisch; er liebt das hohe Gras. Experten raten nun, man möge dort nur mit langen Hosen in der Natur unterwegs sein. Und bei einem Biss heißt es: nicht kratzen, sondern lieber gleich in die Notaufnahme.

Giftspinnen sind eine reale Gefahr – besonders für Kinder mit ihrer geringen Körpermasse. Doch aus Sorge vor bedeutungslosen Spuren von Pflanzenschutzmitteln kaufen Mütter reflexartig lieber gesunde Bio-Bananen. Hoffentlich ohne Achtbeiner - Mahlzeit!

Literatur

Jäger P, Blick T: Zur Identifikation einer nach Deutschland eingeschleppten Kammspinnenart (Araneae: Ctenidae: Phoneutria boliviensis). Arachnologische Mitteilungen 2009; 38: 33–36

Vetter RS et al: Spiders (Araneae) found in bananas and other international cargo submitted to North American arachnologists for identification. Journal of Medical Entomology 2014; 51: 1136-1143

Florez ED et al: Accidentes pôr mordedura de la araña de las bananeras Phoneutria boliviensis(Araneae, Ctenidae) en la región de Uraba, Colombia. Entomólogo 2003; 96: 1-4

Kobelt M, Nentwig W: Alien spider introductions to Europe supported by global trade. Diversity & Distributions 2008; 14: 273–280

Hoxha R: Two Albanians die from black widow spider bites. BMJ 2006; 333: 278

Rahmani F et al: Poisonous spiders: bites, symptoms, and treatment; an educational review. Emergency 2014; 2: 54-58

Mebs D: Gifttiere. WVG, Stuttgart 2000

Steeb N: Feuerwehr: Immer mehr exotische Spinnen wegen "Bio" - Augsburger-Allgemeine Online v. 10. Okt. 2012

Diaz JH: The global epidemiology, syndromic classification, management, and prevention of spider bites. American Journal of Tropical Medicine & Hygiene 2004; 71: 239–250

Anon: Ammen-Dornfinger: Gefährliche Giftspinne breitet sich in Berlin aus. Welt-Online am 30. Juli 2016

Lenz L: Für den Menschen gefährlich. Die giftige Dornfingerspinne breitet sich in Deutschland aus. Forschung und Wissen.de vom 13. Sept. 2016

Anon: World’s deatliest spiders nesting on my banana from Sainsbury’s: Family forced to spend three nights in hotel and have their property fumigated. Daily Mail Online, 4. Nov. 2013

Anon: Spinnen in Deutschland: Immer mehr neue Arten. T-Online, ohne Datum

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