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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.08.2005

Gibt es einen freien Willen?

Hirnforscher Libet entfacht mit "Mind Time" eine philosophische Debatte

Rezensiert von Susanne Billig

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Der amerikanische Physiologe Benjamin Libet hat mit seinen Experimenten zur Bewusstseinsforschung unter Hirnforschern und Philosophen eine Debatte über den freien Willen entfacht. Libet fand heraus, dass im Gehirn unbewusste Prozesse ablaufen, die vor der Wahrnehmung liegen. Dennoch enthält sich Libet in seinem Buch "Mind Time" jeglicher Schlussfolgerung hinsichtlich der Entscheidungsfähigkeit des Menschen.

Der amerikanische Physiologe Benjamin Libet gehört zu den Pionieren der Bewusstseinsforschung. Schon in den fünfziger Jahren begann er Fragen zu erforschen wie: Was ist Bewusstsein? Kann man das mit Experimenten erforschen, möglicherweise sogar im Gehirn messen und lokalisieren? Libets Experimente wurden berühmt und stießen unter Hirnforschern und Philosophen weit reichende Debatten über den "freien Willen" an – Debatten, die noch heute heftig geführt werden. In seinem 2004 erschienenen und vor kurzem auf Deutsch publizierten Buch "Mind Time" präsentiert Benjamin Libet zum ersten Mal eine eigene Deutung seiner Experimente.

Wir hinken der Zeit hinterher


Das wohl berühmteste Ergebnis von Libets Forschung am menschlichen Bewusstsein lautet: Wir hinken der Zeit hinterher. Libet hat in ausgetüftelten Experimenten herausgefunden, dass unser Gehirn schon aktiv wird, bevor wir eine bewusste Handlung vollziehen. Wir entscheiden uns, etwas zu sagen oder zum Telefon zu greifen oder einen Satz in den Computer zu tippen – doch unser Gehirn hat diesen Prozess schon vorher eingeleitet, und zwar eine halbe Sekunde.

Auch die Wahrnehmung dessen, was "jetzt" in diesem Augenblick um uns herum vor sich geht, hinkt der Zeit hinterher – eine halbe Sekunde. Libet hat auch herausgefunden, dass unser Gehirn die Gegenwart rückdatiert: Wir werden uns der Ereignisse der Gegenwart mit einer halben Sekunde Verspätung bewusst, doch das Gehirn rechnet die Wahrnehmung zurück, so dass wir subjektiv das Empfinden haben, ganz genau in der Gegenwart zu leben.

Diese berühmte halbe Sekunde, die unser Bewusstsein braucht, um aktiv zu werden oder wahrzunehmen, nennt Libet "Mind Time" – daher der Titel seines Buches.

Haben wir einen freien Willen?


Libet ist kein Freund philosophischer Spekulationen, sondern ein höchst akkurater, geradezu akribischer Wissenschaftler, der seine Experimente sehr genau durchdenkt. Umso weit reichender sind die Fragen, die seine solide gewonnenen Daten aufwerfen:

Wenn unser Gehirn schon aktiv wird, bevor wir bewusst etwas entscheiden – ist unser Bewusstsein dann pure Illusion? Gibt es überhaupt einen freien Willen? Oder wird alles, was wir denken, sagen und tun, von unbewussten und damit auch unkontrollierbaren Impulsen unserer Physiologie diktiert?

Es gibt in der Tat Forschungskollegen und Philosophen, die aus Libets Ergebnissen genau diesen Schluss gezogen haben. Libet selbst tut das in seinem Buch nicht. Er rettet den freien Willen mit folgender Überlegung:

Wir haben, so sagt er, die Chance eines bewussten Vetos. Wir können dem Impuls, der sich in uns aufbaut, widersprechen. Und hier sitzt laut Libet unser freier Wille: Wir können entscheiden, etwas nicht zu tun. Wir können einem Impuls folgen oder es bleiben lassen, darin bestehen unsere Freiheit und unsere Verantwortung.

Forschung statt Spekulation


Benjamin Libet ist sehr stolz darauf, und das spürt man in seinem Buch auf jeder Seite, seine Überlegungen ausschließlich auf experimentelle Nachweise zu stützen. Er möchte nicht philosophieren und spekulieren, sondern wissenschaftliche Hypothesen aufstellen, die sich auch tatsächlich experimentell nachweisen oder widerlegen lassen. Seine Liebe zur naturwissenschaftlichen Logik gibt dem Buch eine angenehme Klarheit.

Streckenweise aber wird die Lektüre deshalb sehr anspruchsvoll. Libet scheut sich nicht, das Design seiner Experimente genauesten zu erläutern – hier wiederholt er sich häufig und möglicherweise hätte der Verweis auf Originalpublikationen an einigen Stellen ausgereicht.

Sympathisch ist, dass Libet auch vermeintlich wissenschaftlichen Spekulationen eine Absage erteilt. Gemeinhin sieht sich ja derjenige am ehesten dem Vorwurf ausgesetzt, unbewiesene Behauptungen in die Welt zu setzen, der sagt, dass die Naturgesetze vielleicht auch Grenzen haben und dass es möglicherweise so etwas wie eine ewige Seele, ein Leben nach dem Tod oder ein geistiges Prinzip gibt, das in der Welt wirkt. Wer dagegen strikt sagt, der Mensch habe keinen freien Willen und wir seien nichts anderes als Molekül-Maschinen – der wähnt sich nahe an der harten Wissenschaft.

Libet lässt das nicht so stehen. Er sagt ganz klar: Es ist sind beides bislang unbewiesene und sehr wahrscheinlich auch immer unbeweisbare Spekulationen - sowohl die Annahme, dass unser Geist in einem gewissen Umfang vom Wirken der Naturgesetze frei sei, als auch die Annahme, dass all unsere Regungen ausschließlich von chemischen und physikalischen Vorgängen determiniert seien.

Auch Libet kann nicht erklären, was unser Bewusstsein ist oder wie es zustande kommt. Bewusstes, subjektives Erleben ist für ihn am ehesten noch zu verstehen als eine fundamentale Eigenschaft der lebendigen Natur: Wir wissen nicht, warum die Natur diese Eigenschaft hervorbringt und wie sie das macht – genau so wenig, wie wir wissen, warum Materie die Eigenschaft der Schwerkraft hat.

Libet hat sein Leben der exakten Vermessung des Bewusstseins gewidmet. Heute, mit fast neunzig Jahren, legt er in seinem Buch das Resümee eines Forscherlebens vor und da heißt es:

"Viele Wissenschaftler und Philosophen scheinen nicht zu verstehen, dass ihre starre Meinung, der Determinismus sei wahr, auf einem Glauben beruht. In Wirklichkeit sind sie nämlich nicht im Besitz der Antwort."

Benjamin Libet: Mind Time - Wie das Gehirn Bewusstsein produziert
Übersetzt von Jürgen Schröder
Suhrkamp Verlag 2005
304 Seiten, 19,80 Euro

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