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Studio 9 | Beitrag vom 29.12.2015

Getarnte Kinderprostitution in JapanMänner, die auf Schulmädchen stehen

Von Kathrin Erdmann

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Passanten laufen durch eine Einkaufsstraße mit greller Leuchtreklame an den Geschäften in der japanischen Hauptstadt Tokio. (picture alliance / dpa / Foto: Friso Gentsch)
Einkaufsstraße in der japanischen Hauptstadt Tokio. (picture alliance / dpa / Foto: Friso Gentsch)

Wenn es dunkel wird in Tokio, stehen sehr junge Mädchen im Schul- oder Dienstmädchenkostüm auf den Straßen und versuchen, Kunden in Cafés zu locken. Sie bewegen sich in einer Grauzone zwischen Kinderprostitution und Kellnertätigkeit - mit oftmals gravierenden Folgen.

Es ist noch früh am Abend in Akihabara, einem Stadtteil Tokios mit vielen Elektronikgeschäften. In der Tsukumo-Dori, einer schmalen Seitengasse, stehen jetzt viele blutjunge Mädchen, verteilen Handzettel für die Cafés in denen sie arbeiten. Wir sprechen eine an, nehmen verdeckt auf. Sie gibt ihr Alter mit 18 an und klingt, als hätte eine Tüte Helium verschluckt:

"Ich habe meinen eigenen Mantel an und dann mein typisches Kostüm. Das sieht so aus wie es früher die Dienstmädchen von reichen Leuten trugen. Heute ist viel los bei uns im Laden…"

Sie trägt ein blau-weißes Kleid mit großer Schleife, die Haare baumeln in langen Zöpfen lustig hin und her während sie spricht und kichert.  

"Kommt doch zu uns rein, das ist der beste Laden von den ganzen Maido-Cafés, kommt doch rein..."

Pro halbe Stunde 37 Euro

Wer sich in einem der zahlreichen Cafés bedienen lässt, zahlt pro halbe Stunde etwa 37 Euro, die eine Hälfte bekommt das Mädchen, die andere der Ladenbesitzer. Dieses Geschäft wird im Japanischen nur kurz "JK Business" genannt. JK steht für "Joshi kosei" und bedeutet Oberschülerin. Yumeno Nito hat früher selbst hier gearbeitet, jetzt unterstützt sie mit ihrer Hilfsorganisation "Colabo" die Mädchen.

"JK das ist eine Abkürzung für "joshi kosei" und steht für Oberschülerin. Das Geschäft wirbt mit der Jugend und der damit verbundenen sexuellen Anziehungskraft der Mädchen. Es gibt mehrere Varianten – zum Beispiel "rifure", da massieren die Mädchen die Männer und legen sich neben sie auf die Liege. Oder 'osanpo'. Das heißt Spaziergang, meint aber ein Date."

Und damit im Anschluss oft Sex, erklärt Yumeno Nito. Beides ist unter 18 verboten. Damit es aber trotzdem weitergehen kann, werden die Angebote zur Tarnung jetzt anders bezeichnet – zum Beispiel "Wahrsagen mit Schulmädchen". Nur eine Präfektur in Japan hat das JK-Business bisher komplett verboten.

"Die meisten Mädchen rechnen gar nicht damit, dass es zum Verkehr kommt. Die meisten fangen mit Varianten wie Händchen halten, Massage und kuscheln an, doch es geht immer weiter. Dann kommt: Darf ich mal Deinen Busen anfassen. Die Mädchen merken selbst nicht, dass sie im Grunde schon die Beine breit machen und sich prostituieren."

Eine Rolle, die manche perfekt spielen

Immer wieder würden Mädchen vergewaltigt, weiß Nito. Manche hätten bereits versucht, sich das Leben zu nehmen vor lauter Scham. Für sie sind die Mädchen Opfer, die nicht nein sagen können. Dabei gehört zur Wahrheit auch dazu – alle Einnahmen aus dem "Liegeservice" dürfen die Mädchen zu 100 Prozent für sich behalten. Für viele Schülerinnen sei es ein Spiel, eine Rolle – und ein Reiz, den Männern mit ihrer Jugend den Kopf zu verdrehen. Eine Rolle, die manche perfekt spielen, wie dieses Mädchen, das ein Stofftier dabei hat.

"Ich arbeite in einem Spielzeugcafé, und wir tragen keine Namen sondern Herstellungsnummern. Ich bin das Spielzeug vom Pandabär."

In dieser Grauzone zwischen Kinderprostitution und einfacher Kellnertätigkeit sind Kontrollen schwer. Oder auch nicht gewollt.

Einige Meter weiter, auf der Hauptstraße in Akihabara. Eine Videothek spezialisiert auf Videos junger Frauen, auf den ersten Blick. Im zweiten Stock, etwas versteckt, blicken einem eindeutig Grundschülerinnen im Bikini von den Filmcovern entgegen. Über der Videothek hat die Polizei vor einigen Monaten ein Bordell ausgehoben, doch im Internet ist der Anbieter immer noch aktiv. Die Kunden kommen zwar aus allen gesellschaftlichen Schichten, sagt Yumeno Nito von der Hilfsorganisation Colabo – eines aber sei allen gemein: Sie hätten kein schlechtes Gewissen.

"Die Kunden sind auf den ersten Blick sehr verschieden. Es gibt Oberschüler, Studenten, Angestellte oder Rentner. Aber was allen gemein ist: Sie haben alle kein schlechtes Gewissen."

Im Gegenteil: Sie hätten sogar den Eindruck, eine gute Tat zu tun, schließlich würden dazu beitragen, dass es den Schulmädchen finanziell besser gehe. 

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