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Studio 9 | Beitrag vom 06.05.2017

GesundheitMehr Aufmerksamkeit für die Füße

Von Anke Petermann

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Frauenfüße in Flip Flops. (Imago / Rainer Unkel)
Ein Ziel der Fußschule in Mainz ist es, Kraft und Beweglichkeit der Zehen zu trainieren. (Imago / Rainer Unkel)

Deformierte Füße können zu Beschwerden im ganzen Körper führen. In der Mainzer "Fußschule" lernen Betroffene, ihre Füße zu kräftigen und besser zu bewegen. Ein Angebot, das Menschen aus ganz Deutschland nutzen.

Christine Kreßmann: "Guten Abend, hallo zusammen, ich würde gern damit beginnen, Übungen, die wir bisher gemacht haben, zu wiederholen."

Christine Kreßmann blickt in die Runde: sechs Teilnehmer mittleren Alters, alle in Sportzeug und barfuß. Auf Hockern sitzen sie im Kreis, die bloßen Füße auf Turnmatten davor abgestellt. Die Physiotherapeutin ruft eine Übung gegen den Schiefstand des großen Zehs in Erinnerung, den Hallux Valgus.

"Dass man mit eigener Kraft den Großzeh hochzieht und nach außen abspreizt und auf den Boden stellt."

Joachim, einziger Mann in der Runde, müht sich, aber sein schiefer großer Zeh will nicht, wie er will.

"Hat das geklappt, haben Sie das zuhause mal geübt?",

fragt die Kursleiterin. Joachim und Birgit nicken. Das Ehepaar übt zuhause auf dem Sofa, fast jeden Abend. Auch Britta hat ihre Hausaufgaben gemacht. Trotzdem schaffen sie und Joachim nur, den großen Zeh mit der Hand anzuheben, die erlaubte Notlösung, um dem Ballenschmerz vorzubeugen.

Britta: "Aus eigener Kraft geht da gar nix."

"Ich hatte Gleichgewichtsstörungen"

Kraft und Beweglichkeit der Zehen zu trainieren, ist ein Ziel der Fußschule. In der vorletzten Doppelstunde sollen die Teilnehmer das Wichtigste rekapitulieren:

Kreßmann: "Ferse gerade hinstellen!"

Außerdem, so die Physiotherapeutin: die Ballen gleichmäßig belasten, die Spannung im erschlafften Fußgewölbe wiederherstellen.

"Die Zehen sollten noch locker bleiben, und dann: Flamingo auf einem Bein! Ja, super – klasser!"

Sechs etwas wacklige Flamingos im Ein-Bein-Stand. Einer davon in roter Jogginghose: Britta, kräftiger Typ, grau-melierter Zopf, mit Eifer dabei.

"Ich kann mich erinnern, ich hatte irgendwie Gleichgewichtsstörungen."

Kreßmann: "Merken sie eigentlich, dass Sie besser geworden sind, jedes Mal?"

Britta: "Ja!"
Joachim: "Merkt man!"

Kreßmann: "Klasse, ich seh' das auch. Ganz toll. Gehen sie mal ein paar Schritte im Raum jetzt und setzen die Sachen ein, was wir bis jetzt alles gemacht haben."

Die zierliche Birgit bewegt sich bedächtig auftretend durch die Gymnastikhalle.

"Ich hab schon immer Schmerzen gehabt, schon als Kind. Schmerzen mit diesem Fuß. Ich hab auch so' n Hallux Valgus und schon immer mit der Hüfte so' n paar Probleme, dass der Fuß nicht gerade steht. Und ich war schon bei mehreren Orthopäden und die haben gesagt, irgendwann operieren."

Birgit setzt den Problemfuß auf – schon forscher.

"Ich merke jetzt auch, ich gehe ganz anders, ich belaste den Fuß besser -gleichmäßiger. Von der ersten Stunde an hatte ich das Gefühl, es bessert sich. Und man kann selbst was tun. Ich muss nicht warten, bis ich irgendwann operiert werde, und dann gucken, wie es weitergeht, sondern ich mach' selber was für mich."

Füße parallel, die Kursleiterin macht es vor. Wichtig:

"Dass der Schultergürtel beim Gehen mit bewegt wird."

Astrid, ein sportlicher Typ, lässt die Schultern baumeln, lockert sich.

"Also, ich zieh oft die Schultern auch hoch. Ich bin Krankenschwester. Mir tun oft die Füße weh, mir tun auch oft die Beine weh. Man hat so viele eingeschliffene falsche Haltungsmuster, und wenn man so was macht, kann man immer mal wieder so bisschen fein tunen. Man kriegt es wahrscheinlich nie ganz weg, aber man kann so ein bisschen fein tunen. Ich hab' einen Beruf, wo ich viel laufen muss, und da kann man immer mal dran denken: locker lassen, Schultern bewegen."

Der Fuß eines Patienten in der Fußschule Mainz (Adam Ptak)Der Fuß eines Patienten in der Fußschule Mainz (Adam Ptak)

In vielen Fällen macht Training Operationen überflüssig

Astrid, Birgit, Britta und die anderen heben jetzt im Gehen je einen Fuß im Wechsel, runden ihn und die Hand gegenüber zur Kralle, imitieren damit den Raubkatzen-Gang der Kursleiterin. Auch Britta hat manchmal Schmerzen. Schwaches Bindegewebe, zu viel Fußball gespielt, hat ihr Arzt diagnostiziert. Die Übungen helfen:

"dass meine Füße nicht so schnell ermüden wie vor der Fußschule. Und viele der Übungen, die wir hier gezeigt bekommen und machen, kann ich, wenn ich nach der Arbeit auf meinen Zug warte, auf dem Bahnsteig einfach machen. Das geht ganz gut, vieles in den Alltag zu integrieren."

"Flamingo auf dem Bahnsteig", lacht Britta. Und das alles, um ihr Hobby - das Wandern - noch möglichst lange ausüben zu können. Sie weiß jetzt, was sie dafür tun muss. Und Birgit glaubt, dass ihr das Training in der Fußschule sogar die drohende Operation ersparen kann.

Gegen Ende des Kursabends kommt ein Mann im weißen Kittel herein. Der Leiter des Instituts für Physikalische Therapie setzt sich auf eine Bank, schaut zu. Ulrich Betz hat die Mainzer Fußschule gegründet. Und er hat schon oft erlebt, dass sie Operationen überflüssig macht.

"Die Fuß-Operationen werden häufig durchgeführt, weil der Fuß fehlstatisch ist. Und die Statik ist aktiv beeinflussbar. Das braucht eine Anleitung, und die bieten wir hier. Bundesweit haben wir Teilnehmer, die eben genau diese Alternative, selbst Einfluss zu nehmen, selbst kompetent zu werden, suchen."

Birgit und Britta bleiben jedenfalls aktiv: ob beim Üben auf dem Sofa oder als Flamingo auf dem Bahnsteig.

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