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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 11.01.2011

Gestresste Gymnasiasten und die "Pädagogik der Ermäßigung"

Warum Hausaufgaben nicht abgeschafft werden sollten

Von Michael Felten

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Oft sind Hausaufgaben ein wichtiges Mittel, das neue Wissen neuronal zu verankern. (AP)
Oft sind Hausaufgaben ein wichtiges Mittel, das neue Wissen neuronal zu verankern. (AP)

Nordrhein-Westfalen will die armen Gymnasiasten mit Nachmittagsunterricht von der Last der Hausaufgaben erlösen. Heute buhlt man um die Zustimmung der Kinder – aber morgen müssen diese die Folgen solcher Rabatt-Mentalität ausbaden.

Hausaufgaben, wer hat sie schon in guter Erinnerung? Jetzt will Nordrhein-Westfalen die armen Gymnasiasten an Ganztagsschulen – durch G8-Stress angeblich ohnehin gebeutelt – von dieser Last erlösen, zumindest an Tagen mit Nachmittagsunterricht. Da kommt natürlich mancher Beifall auf: Bei Schülern, die jetzt mehr Zeit wittern, auch für heimische Ballerspiele, schlüpfrige Chats oder die nachmittäglichen Mini-Jobs. Oder bei Eltern, die die ewigen Kämpfe am Küchentisch leid sind. Und ebenso bei Lehrern, die lieber im Stoff voranschreiten, als Heimarbeit kontrollieren wollen.

Die Frage ist allerdings, wie das gehen soll: Immer mehr höhere Abschlüsse in immer kürzerer Lernzeit – oder sind Gymnasiasten heute intelligenter als früher?

Nun will natürlich niemand die Hausaufgaben ersatzlos abschaffen. Man könne – so ein Vorschlag – das Üben doch stärker in den Unterricht verlegen, in Form von "Schulaufgaben" – aber sagt einem nicht schon der gesunde Menschenverstand, dass dafür Anderes wegfallen muss? Außerdem würden – so eine andere Idee – die Schüler durch neue Lernformen ja in Zukunft ohnehin vertiefter lernen. Dem widerspricht indes alle empirische Lernforschung – und auch PISA-Siegerländer wie Finnland, die vorwiegend auf Frontalunterricht setzen. Selbst eine viel zitierte Studie der TH Dresden, nach der Hausaufgaben ohnehin wirkungslos seien, hält nicht, was sie verspricht. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich nämlich nur um eine einfache Meinungsumfrage unter Lehrkräften – und nicht um seriöse Wirksamkeitsforschung.

In der Praxis wird es im Rheinland demnächst so aussehen: Für weniger behütete Gymnasiasten endet der Lerntag um 16 Uhr, der begüterte Nachwuchs dagegen wird dann zur privaten Nachhilfe gekarrt. Von mehr Bildungsgerechtigkeit jedenfalls keine Spur! Dabei sollte das Gymnasium doch allen Kindern mit genügend Begabung und Ehrgeiz eine Perspektive bieten, ob nun aus Migrantenkreisen, bildungsfernen Schichten oder Professorenfamilien. Gerade Schüler mit verzögerter Lernentwicklung brauchen zusätzliche Lernzeit – und die Schule sollte diese auch einfordern, ja kann sie durch ergänzende Silentien aktiv und sinnvoll unterstützen. Hausaufgaben zu kontrollieren oder über eine Nacharbeit zu wachen, das ist natürlich nicht die angenehmste Seite des Lehrerseins – aber wird man nicht auch für Unliebsames bezahlt?

Das Wackeln an der Hausaufgabenfront folgt – ebenso wie der Wegfall der Kopfnoten – einem pädagogischen Zeitgeist, den Fulbert Steffensky als "Pädagogik der Ermäßigung" bezeichnet hat. Heute buhlt man um die Zustimmung der Kinder – aber morgen müssen diese die Folgen solcher Rabatt-Mentalität ausbaden. So mag man Wähler-Beifall ernten, wohl kaum aber bessere Lern-Früchte. Gegen vordergründige Kinderfreundlichkeit und verständliche Bequemlichkeit ist festzuhalten: Oft sind Hausaufgaben ein wichtiges Mittel, das neue Wissen vom Schulvormittag neuronal zu verankern, bevor es dem ersten Vergessen anheim fällt – und dabei in wirklicher Selbständigkeit zu testen, ob man es für’s Erste kapiert hat, denn im Unterricht denken viele Schüler eben nicht lange nach, sondern erkundigen sich flugs beim Nachbarn.

Japans Schüler jedenfalls schneiden nicht deshalb so gut ab, weil man es ihnen besonders leicht machte, sondern weil sie sehr anspruchsvolle Schriftzeichen lernen müssen und nachmittags viel üben – und die Suizidrate bei Jugendlichen ist dort entgegen früheren Klischees niedriger als hierzulande. Übrigens hat schon Johann Sebastian Bach, der Sohn eines Stadtpfeifers, gesagt: "Ich habe stets sehr fleißig sein müssen. Wer ebenso tut, wird es auch weit bringen." Wem aber der G8-Alltag wirklich zu anstrengend ist: An Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen kann er sich für das Abitur ja mehr Zeit nehmen. Das Gymnasium jedoch ist eine Schulform mit höchstem Niveau und höchster Verheißung – und das erfordert auch besondere Anstrengungen.

Michael Felten, geboren 1951, arbeitet seit 30 Jahren als Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln. Er ist Autor von Unterrichtsmaterialien, Elternratgebern und pädagogischen Essays. Dabei geht es ihm darum, den Praxiserfahrungen der Lehrer in der öffentlichen Bildungsdebatte mehr Gehör zu verschaffen. Frühere Veröffentlichungen: "Kinder wollen etwas leisten" (2000), "Neue Mythen in der Pädagogik" (2001), "Schule besser meistern" (2006), "Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule" (2010).
http://www.eltern-lehrer-fragen.de/

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