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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 25.06.2015

Gesichtserkennung 2.0Was unser Aussehen über uns verrät

Von Lydia Heller

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Verschwommener Gesichtsausschnitt - Mund und Nase sind zu sehen (picture alliance / Klaus Rose)
Emotionen können sich durch Faltenbildung dauerhaft im Gesicht verankern. (picture alliance / Klaus Rose)

Physiognomonika – so nannte Aristoteles die Schrift, in der er Korrelationen von Körpermerkmalen und Charakterzügen von Menschen auflistete. Heute helfen Technologien wie 3D-Scanner oder Bilderkennung dabei, in Gesichtern zu lesen.

Stimmen: "Doch, man kann vom Gesicht die Laune ablesen." / "Manche haben ein Strahlen im Gesicht und andere die rennen mit mürrischen Gesichtern rum." / "Das spiegelt schon die Seele eines Menschen wider."

Lars Penke: "Ob wir wollen oder nicht – das Gesicht ist für uns, für Menschen, ein sehr relevanter Stimulus. Und die Wissenschaft will natürlich auch verstehen, was Menschen aus dem Gesicht ablesen können und wie sie das ablesen können."

Stimmen: "Am Lächeln." / "An den Augen." / "Wie frisch die Haut ist zum Beispiel." / "Ob er Schmerzen hat, keine Schmerzen hat." / "Obs ihm gut geht oder nicht."

Nachdem die Erforschung der Zusammenhänge von Aussehen, Verhalten und Gesundheit – vor allem durch ihre Nähe zu Phrenologie und Rassentheorien Anfang des 19. und 20. Jahrhunderts in Verruf geraten war, suchen Psychologen etwa seit Mitte der 1990er-Jahre wieder in menschlichen Gesichtern nach Hinweisen auf Persönlichkeit und Gesundheit. Lars Penke, Professor an der Georg-August-Universität Göttingen:

"Man muss unterscheiden, was aktuell gemacht wird, wo geguckt wird, was steckt wirklich so im frontalen Gesicht drin – oder ob man sich die Forschung anguckt, die tatsächlich mal ganze Schädel vermessen hat und da probiert hat, irgendwelche Schlussfolgerungen über kognitive Fähigkeiten zu schließen."

Studien zum Zusammenhang von Erscheinungsbild, Verhalten und Gesundheit basieren heute – unter anderem – auf Erkenntnissen aus Genetik und Entwicklungsbiologie.

Carmen Levefre: "… dass unsere Gene und andere biologische Mechanismen, zum Beispiel Hormone, natürlich unser Aussehen bestimmen. Wir wachsen ja aus unserem genetischen Material heran. Und gleichzeitig können die gleichen biologischen Prozesse auch unser Verhalten beeinflussen. Und diese Zusammenhänge untersuchen wir."

Breite Wangenknochen, hohes Testosteron

Die Psychologin Carmen Lefevre etwa hat an der Northumbria University erforscht, wie sich Gesichter von Männern mit hohen Testosteron-Niveaus unterscheiden von Gesichtern von Männern mit einem niedrigen Spiegel des Sexualhormons.

"Wir haben festgestellt, dass ein – auf englisch: facial width to heigth ratio –, das ist die Breite der Wangenknochen, relativ zur mittleren Höhe, das ist der Abstand der Oberlippe bis zur Nasenbrücke, dass dieses Verhältnis bei Männern mit höherem Testosteron höher ist. Sie haben ein verhältnismäßig breiteres Gesicht."

Mehrere Studien, so Carmen Levefre, haben hohe Testosteronwerte mit einer Tendenz zu dominantem und aggressivem Verhalten in Verbindung gebracht. Der Schluss liegt also nahe, dass Männer mit breiteren Gesichtern möglicherweise dominanter und aggressiver sind. Allerdings:

"Wir sprechen von Korrelationen und Tendenzen. Also nicht jeder, der hohes Testosteron hat, ist aggressiv. Es ist eine generelle Tendenz, wenn man sich den Durchschnitt der Population anguckt. Das ist wichtig."

Für ihre Forschungen wertete Carmen Levefre Fotos von Probanden aus, die in genau definierten Haltungen in einem Raum mit genau definierten Lichtverhältnissen aufgenommen wurden. Zudem Bilder aus einem 3D-Scanner, die Tiefenstruktur und Profil der Gesichter und Köpfe erkennen ließen. Forscher um Christoffer Nellaker von der University of Oxford dagegen arbeiten derzeit an Gesichtserkennungstechnolgie, die auch übliche, zweidimensionale Fotos analysiert. Ziel: Die Diagnose von Erbkrankheiten wie Down-, Angelman- oder Fragile X-Syndrom.

"Bei der Entwicklung von Kopf und Gesicht spielen eine Menge Gene eine Rolle. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass eine Gen-Mutation auch die Form des Gesichts beeinflusst. Wir schätzen, dass 40 bis 50 Prozent der seltenen Erbkrankheiten sich in irgendeiner Weise in der Gesichts- oder Schädelstruktur manifestieren."

Diagnosehilfe bei Erbkrankheiten

In Zukunft ist Nellaker zufolge vorstellbar, dass Ärzte Neugeborene, bei denen der Verdacht auf eine Erbkrankheit besteht, fotografieren. Das System analysiert das Foto – und hilft bei der Diagnosestellung. Und auch ob eine momentan noch gesunde Person in nächster Zeit krank werden könnte, lässt sich in deren Gesicht ablesen. Carmen Lefevre:

"Und zwar haben wir festgestellt, dass Karotinoide, das sind Pigmente, die in Obst und Gemüse enthalten sind – diese Pigmente helfen dem Immunsystem, indem sie als Antioxidantien freie Radikale bekämpfen. Und wenn ausreichend Karotinoide im Körper vorhanden sind, dann werden zusätzliche Karotinoide in der Haut gespeichert. Das führt dazu, dass die Haut einen etwas goldenen Ton annimmt. Und in Krankheitssituationen werden diese Karotinoide auch wieder abgebaut. Also, wenn ich noch nicht konkret krank bin, aber mein Körper muss stärker arbeiten, um meine Gesundheit aufrecht zu erhalten, dann wird sich meine Hautfarbe verändern und das ist wahrnehmbar."

Wie aber eine Person aufgrund ihres Aussehens wahrgenommen wird, beeinflusst, wie sie sich verhält. Wer von anderen als gesund und attraktiv wahrgenommen wird, wird oft zum Beispiel besser behandelt als Menschen, die als weniger attraktiv wahrgenommen werden.

Lars Penke: "Und so wirkt das auch darauf zurück, was wir für soziale Strategien haben: Menschen, die attraktiver sind, lernen, dass sie mit Menschen umgehen können, wie es weniger attraktive Menschen nicht können. Genauso ist das bei größeren Menschen, die eine Tendenz haben, von anderen als einschüchternd wahrgenommen zu werden. Und dass das denen ermöglicht, sich anders anderen Menschen gegenüber zu verhalten als Menschen, die klein und hager sind."

Und wie sich Menschen verhalten, beeinflusst wiederum auch – wie sie aussehen:

Carmen Levefre: "Wir wissen zum Beispiel, dass bestimmte emotionale Ausdrücke das Gesicht auch im neutralen Ausdruck verändern können. Dadurch, dass die Muskeln unterschiedlich beansprucht werden, und eben tatsächlich durch Faltenbildung können sich bestimmte Gesichtsausdrücke dauerhaft im Gesicht verankern. Und das führt dann wiederum dazu, dass man noch mehr so wahrgenommen wird, wie man sich eh schon verhält."

Stimmen: "Also – immer lächeln!"

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