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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.10.2016

Gesellschaftliches GedächtnisGeschichte braucht Zeugen

Von Uwe Bork

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Schüler stehen am 8.4.2010 im Krematorium des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück in Fürstenberg. (picture-alliance / dpa / Bernd Settnik)
Wer wird jungen Menschen in Zukunft von der Geschichte erzählen - und von ihren Grausamkeiten? (picture-alliance / dpa / Bernd Settnik)

Oral History - so nennt man das systematische Kramen im kollektiven Gedächtnis. Was aber, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, mit denen wir kramen können? Der Publizist Uwe Bork befürchtet, dass die gesellschaftliche Erinnerung verblasst und wir alte Fehler wiederholen.

Zeugen erleichtern die Wahrheitsfindung ganz ungemein. Selbst Verächter jeglicher Krimis wissen das. Zeugen bringen uns einfach weiter.

Diese im Grunde banale Erkenntnis aus der Klippschule der Kriminalistik gilt auch für die Geschichtswissenschaft. Als Lehre von der Vergangenheit ist sie nämlich leider oft ebenso eine Lehre von vergangenen Verbrechen. Mord und Totschlag sind in ihr ebenso gang und gäbe wie Erpressung und Entführung, Vergewaltigung und Vertreibung. Zeitzeugen sind daher nicht nur für berufsmäßige Historiker wichtig, sie könnten auch der laienhaften Menschheit helfen, nicht in eine permanente Wiederholungsschleife ihrer Entwicklung einzubiegen.

Auseinandersetzung mit Geschichte ist nötig

Damit soll nicht die Wichtigkeit professionellen Quellenstudiums in Abrede gestellt werden. Ganz und gar nicht. Die Auswertung historischer Akten und Depeschen dürfte in ihrer gesellschaftlichen Breitenwirkung dennoch eher beschränkt bleiben. Nicht jeder begnadete Geschichtswissenschaftler ist auch ein ebenso begnadeter Erzähler, und so finden sich in den deutschen Sachbuch-Charts eher Enthüllungen über das geheime Leben von Bäumen und Tieren oder Huldigungen an den längst nicht mehr geheimen Charme des Darms als Auseinandersetzungen mit unserer Vergangenheit.

Dabei sind gerade die heute nötig, das zeigen nicht nur die Pöbeleien von Dresden. Diese Ausbrüche verbaler Gewalt offenbaren eine Geschichtsvergessenheit, wie zumindest ich sie kaum für möglich gehalten habe. 1989 ist noch keine 30 Jahre - und damit das klassische Maß für eine Generation - her, und schon scheint sich ein dichter Schleier über eine Vergangenheit gelegt zu haben, deren Überwindung am 3. Oktober doch eigentlich gefeiert werden sollte. Weite Teile einer Bevölkerung, die von sich hoffentlich fälschlich behauptet, das Volk zu sein, wirken wie von einer Art historischeEsen Işıkm Alzheimer befallen, das die Gegenwart verdunkelt und die Vergangenheit dafür in einem umso goldeneren Licht erstrahlen lässt.

Wenn ich über unsere Grenzen hinausschaue, befürchte ich, dass wir Menschen Opfer einer globalen Pandemie geworden sein könnten. Weiß denn wirklich keiner mehr, was uns unsere vermeintlich starken Männer eingebrockt haben? Hitler? Stalin? Meinetwegen auch Mao Zedong und Pol Pot? Total vergessen, warum uns ein gemeinsames Europa mehr wert sein sollte als nur ein gemeinsamer Markt für schnittfeste Tomaten, preiswerte Autos und chlorfreie Brathähnchen? Selbst dass Kriege nur Verlierer kennen und Hilfe für Flüchtlinge gerade im sich selbst so bezeichnenden "christlichen Abendland" allgemeine Bürgerpflicht sein sollte, ist uns das wirklich aus dem Blickfeld gerutscht?

Wie begegnet man der geschichtlichen Amnesie?

Seit es kaum noch Zeitzeugen für die Errungenschaften und Katastrophen des letzten Jahrhunderts gibt, hat unser gesellschaftliches Schwarmgedächtnis anscheinend so viele Löcher bekommen wie das sprichwörtliche Sieb. Für viele Menschen liegt jetzt der Zweite Weltkrieg kaum weniger weit zurück als der Zweite Punische Krieg des alten Roms, sie wollen ihre Heimatländer wieder für sich haben und notorische Kraftbolzen wie der Steuervermeider Donald Trump oder der Junkiekiller Rodrigo Duterte wissen nach ihrer Meinung wenigstens, wo es lang geht. Oder lang gehen sollte.

Ich will ehrlich sein: Ich kann auch nicht sagen, wie dieser geschichtlichen Amnesie zu begegnen ist. Zeitzeugen mit der Erzählkraft eines oft dramatischen Lebens können wir uns schließlich weder schnitzen noch sie gar wiederbeleben. Persönlichkeiten gegen Populismus: Dieses Rezept ist abgelaufen. Und als Medikament einfach ein paar zusätzliche Geschichtsstunden zu verabreichen oder die nächste Klassenfahrt nach Dachau oder Auschwitz zu buchen, das dürfte kaum ausreichen, um einer ganzen Generation tauber Toren wieder Augen und Ohren zu öffnen.

Zeugen sind einfach wichtig: im Krimi wie im wirklichen Leben.

Uwe Bork, geboren 1951, ist seit 1998 Leiter der Fernsehredaktion 'Religion, Kirche und Gesellschaft' des Südwestrundfunks in Stuttgart. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet.Außer seinen Filmen hat Uwe Bork auch mehrere Bücher veröffentlicht. In ihnen setzt er sich humorvoll-ironisch mit dem Alltag in deutschen Familien auseinander ("Väter, Söhne und andere Irre"; "Endlich Platz im Nest: Wenn Eltern flügge werden") oder räumt ebenso sachlich wie locker mit Urteilen und Vorurteilen über Religion auf ("Wer soll das alles glauben? Und andere schlaue Fragen an die Bibel"; "Die Christen: Expedition zu einem unbekannten Volk"). (Deutschlandradio ) (Deutschlandradio )Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Verfassungsgeschichte, Pädagogik und Publizistik. Bork arbeitete als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 leitet er die Stuttgarter Fernsehredaktion 'Religion, Kirche und Gesellschaft‘ des SWR. Für seine Arbeiten wurde er mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet.

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