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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 17.05.2017

Gesellschaft und Medien Warum wir Skandale brauchen

Von Daniel Hornuff

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Alte Bleilettern bilden das Wort Skandal.  (imago / imagebroker)
Alte Bleilettern bilden das Wort Skandal. (imago / imagebroker)

Skandale wirken doppelt: Einerseits markierten sie einen gesellschaftlichen Vorfall als schwerwiegend, meint der Kunstwissenschaftler Daniel Hornuff. Andererseits erschwere das Etikett Skandal eine echte Auseinandersetzung.

Kaum etwas verkauft sich besser als ein Skandal. In einer Gesellschaft, in der die Ökonomie der Aufmerksamkeit eine der wichtigsten Ressourcen stellt, gehören Skandale zu den ertragreichsten Produkten. Dies führt dazu, dass gesellschaftlich tiefgreifende Ereignisse immer wieder auf den Begriff des Skandals reduziert werden. Erinnert sei nur an die längst zur Sprachformel geronnene Rede vom "NSU-Skandal".

Zweierlei wird hier deutlich: Der Skandal dient sowohl als Instrument der Einordnung als auch als Mittel der Entlastung. Indem die Mordserie einer rechtsextremistischen Gruppe die Bezeichnung "Skandal" erhält, wird deren gesellschaftspolitische Dimension vergegenwärtigt und beispielweise an die Verstrickung öffentlicher Einrichtungen erinnert. Das Skandalöse des Skandals liegt demnach nicht allein in den begangenen Taten, sondern auch in den Umständen, die sie entweder nicht ermittelt, verhindert oder sogar befördert haben.

Skandale als Strategie zur Selbstimmunisierung 

Doch ist dies nur die eine Seite von Skandalen. Denn mindestens ebenso gut lassen sich mit dem Ausruf "Skandal!" die Augen verschließen – und zwar vor allem die eigenen. Was man als Skandal etikettiert, wird zu einer Emotionalisierung typisiert, die wiederum davon zu entlasten scheint, sich genauer mit Vorgängen zu beschäftigen. Skandale fungieren als sprachliche Strategie der Selbstimmunisierung. Was gehen mich die Skandale der anderen schon an!

Meist führt dies dazu, dass Empörung und Erregung zu den bevorzugten rhetorischen Techniken aufsteigen. Ständig damit beschäftigt, alles und jeden als einen Skandal zu deklarieren, stilisiert man sich zum letzten Integren in einer aus den Fugen geratenen Welt. Wer sich erst einmal darauf verlegt hat, im Habitus der Skandalisierung durch die Welt zu laufen, tut nichts anderes, als sich selbst eine moralische, politische oder intellektuelle Erhabenheit zuzuweisen.

Nicht unerheblich ist daher die Frage, was passiert, wenn der Skandalisierende selbst in den Fokus eines Skandals gerät. Besonders anschauliche Beispiele liefern hier – wieder einmal – rechtsnationale Bewegungen. So soll insbesondere der Vorwurf der "Lügenpresse" dazu dienen, das gesamte Agieren der Massenmedien zu skandalisieren. Dabei ist dieser Vorwurf selbst nur eine Reaktion auf eine vermutete Skandalisierung durch die Medien. Wer "Lügenpresse" schreit, will sich vom Stigma des "Rechtspopulismus" befreien – mit der geradezu tragikomischen Folge, sich damit nur noch tiefer in ihm zu verstricken.

Skandale legitimieren sich selbst 

Darin liegt die Doppelgesichtigkeit von Skandalen. Folgen sie einerseits einer kapitalistischen Logik, dienen sie andererseits zur Stabilisierung eigener Weltbilder. So lassen sich über Skandale die Reihen ganzer Parteien schließen, politische Ambitionen pointieren und ökonomische Interessen befriedigen. Der Skandal ist ein Mittel zum Zweck, dessen Zweck unter anderem darin besteht, seine Mittel zu heiligen. Anders ausgedrückt: Skandale legitimieren sich selbst.

Folglich ist es utopisch und naiv, ein Ende der Skandale zu fordern. Das heißt aber nicht, dass wir nicht unseren Umgang mit ihnen schulen könnten. Gerade weil der Skandal zum medialen Gut unserer offenen Gesellschaft gehört, sollten wir ein reflektiertes Verhältnis zu ihm entwickeln – und beispielsweise bedenken, dass ein Skandal zugleich ein strategisches Kalkül zum Ausdruck bringt. Auf einen Skandal sollte daher immer auch mit der Frage nach dem Interesse der Skandalisierenden reagiert werden. Denn wer mit einem Skandal auf andere zeigt, hat selbst vielleicht am meisten zu verbergen.

Ein Porträt von Daniel Hornuff. (privat)Daniel Hornuff (privat)Daniel Hornuff, geboren 1981, vertritt derzeit eine Professur für Kunstwissenschaft an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik, Komparatistik, Kunstwissenschaft und Philosophie, promovierte er 2009 und habilitierte er sich 2013. Er hatte zahlreiche Lehraufträge inne und legte etliche Publikationen zu Themen der Kunst- und Bildwissenschaft sowie zur Kulturgeschichte vor. 

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