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Zeitfragen | Beitrag vom 17.05.2018

GeschlechtskrankheitenDie Rückkehr von Syphilis und Tripper

Von Joachim Budde

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Ein Wachs-Gesicht verdeutlicht die Folgen der Krankheit Syphilis, hier ausgestellt im Pariser Museum Orfila-Rouvière (2001). (Joel Saget / AFP)
Ein Wachs-Gesicht verdeutlicht die Folgen der Syphilis, hier ausgestellt im Pariser Museum Orfila-Rouvière (Joel Saget / AFP)

Weil mittlerweile Medikamente HIV und Aids in Schach halten, hat das Kondom häufig ausgedient. Die Folge: Geschlechtskrankheiten verbreiten sich schneller und weiter als früher.

"Es war ein ungeschützter Verkehr mit einem Bekannten, von dem ich oder wir uns sicher waren, dass wir beide gesund sind. Im Nachhinein stellte sich halt raus aufgrund meiner Ansteckungen, dass er vermutlich nicht gesund war."

Peter Meier ist ein Mittvierziger irgendwo aus dem Rheinland. Er heißt nicht wirklich Peter Meier. Und wo genau er wohnt, möchte er auch nicht sagen. Schließlich spricht er hier offen über etwas sehr Intimes, über die Syphilis – eine Krankheit, die beim Sex übertragen wird.

"Ich hatte Symptome, die ich aber nicht deuten konnte, das heißt, ich hatte Probleme im Analbereich, die ich auf Hämorrhoiden geschoben hab, was es aber letztendlich nicht war. Und am Tag des Anrufs hatte ich einen Punkt an der Eichel, wo ich noch dachte: 'Komisch was ist da? War gestern noch nicht da.' Ich war relativ überrascht als der Anruf kam, dass ich Syphilis habe, weil ich mich mit dem Thema gar nicht so befasst hatte."

Der Anruf kam von Peter Meiers Arzt mitten im Urlaub. Der Infektiologe vom Universitätsklinikum Bonn hatte ihn ein paar Tage zuvor untersucht, ihm Blut abgenommen und zur Analyse geschickt.

Die Nachricht war ein Schock

"War für mich ein Schock, weil mein Freund war gerade im Bad, kam raus, guckt mich an, sagt: 'Was ist los?' Ich so: 'So und so', und da war für uns beide irgendwie: 'Scheiße, und jetzt?' Der Urlaubstag war ehrlich gesagt ein bisschen hinüber."

Dass der Arzt Peter Meiers Syphiliserkrankung so früh entdeckt hat, liegt daran, dass er ihn wegen einer anderen Krankheit intensiv betreut: Vor vier Jahren fand Christoph Boesecke bei seinem Patienten das HI-Virus. Seitdem untersucht er Peter Meier regelmäßig. Sein Fall ist überhaupt nicht ungewöhnlich, sagt Christoph Boesecke:

"Das ist es, was wir die letzten Jahre sehen, dass bei schwulen Männern, insbesondere bei denen mit einer HIV-Infektion die Syphilisraten zunehmen. Vermutlich ist es auch bei schwulen Männern ohne HIV-Infektion so, die gehen aber nicht so regelmäßig zum Arzt. Man muss immer aufpassen, dass man nicht HIV-infizierte Menschen hier stigmatisiert, die sind einfach wahnsinnig gut versorgt ärztlich, gehen viermal im Jahr zu Laborkontrollen, da wird alles angeguckt, jeder Organwert, den man sich vorstellen kann, und dann fallen natürlich Erkrankungen viel, viel früher auf. Es gilt nicht nur für die Syphilis, sondern auch für Bluthochdruck, Diabetes."

Dass Peter Meier den Knubbel an seinem Hintern gar nicht zuordnen konnte, ist typisch für die Syphilis. Viele Patienten merken gar nichts davon, sind lediglich schlapp und angeschlagen. Professor Gerd Fätkenheuer leitet am Universitätsklinikum Köln die Infektionsbiologie und hat schon viele unterschiedliche Erscheinungsformen von Syphilis gesehen:

"Sie führt zu Geschwüren, Hautausschlägen, sie kann aber auch dann im ganzen Körper Veränderungen hervorrufen – kein Organ, was nicht befallen werden kann, und insofern gilt die Syphilis auch als eine der großen Rätselkrankheiten häufig in der Medizin, da sie sich eben unter vielen Symptomen verstecken kann."

Syphilis lässt sich mit Penicillin gut behandeln

Typisch ist ein rötliches Geschwür – ein sogenannter harter Schanker – an der Stelle, wo ein Patient zuerst mit dem Erreger in Kontakt gekommen ist.

Christoph Boesecke: "Das ist meistens im Bereich des Mundes oder des Hinterns oder des Penis oder der Schamlippen bei der Frau, wo die Ansteckung stattgefunden hat, so ein bis drei Wochen nach Kontakt mit den Erregern. Da kriegt man so einen dicken roten Pickel, der dann nach ein paar Tagen zerfällt und einen Krater bildet wie so ein kleiner Vulkan."

Alle Anzeichen klingen wieder ab.

"Dann kann es sehr viel später zu neurologischen Schädigungen kommen, weil das eine chronische Infektion geworden ist, und letztlich führt das dann zu schweren psychiatrischen Beschwerden, bei Schubert zum Beispiel hat es ja dazu geführt, dass er wahnsinnig geworden ist, Stimmen gehört hat und dann seine letzten Jahre in einer bewachten Einheit hier in der Bonner Gegend verbracht hat."

Heute lässt sich die Krankheit behandeln: mit Penicillin. Auch wenn sich das ändern kann: Resistenzen sind bislang noch nicht aufgetreten.

Christoph Boesecke: "Also Penicillin-Injektionen, linke Backe, rechte Backe, und dann ist die Syphilis austherapiert, das wird okay vertragen, das kann so ein bisschen Muskelschmerzen machen, wie wenn man ein bisschen länger auf einem Fitnessgerät war."

Peter Meier: "Zwei Spritzen einmal, fertig. Eine Woche später war alles wieder in Ordnung."

Die Zahl der Infektionen ist auf 7.000 gestiegen

Aber obwohl sich die Syphilis gut behandeln lässt, ist die Zahl der Fälle in Deutschland seit dem Jahr 2010 von etwa 4.000 auf gut 7.000 gestiegen. Und die Daten des Robert-Koch-Instituts zeigen: Auch andere Geschlechtskrankheiten nehmen wieder zu. Auch bei Heterosexuellen. Zwar machen sie nur rund 15 Prozent der registrierten Fälle aus, sagt Christoph Boesecke:

"Aber auch bei denen steigt die Kurve an. Das heißt: Es ist letztlich etwas, was alle in Deutschland lebenden Menschen betrifft."

Der Großteil der Patienten sind Männer, die Sex mit Männern haben.

Christoph Boesecke: "Die aufgrund der guten Therapiemöglichkeiten bei der HIV-Infektion mittlerweile wissen, dass sie unter einer voll wirksamen Therapie nicht mehr ansteckend sind. Das heißt: Die Menschen haben zunehmend Sex ohne Kondom. Das ist aus unserer Sicht, wenn jemand gut behandelt ist, auch total okay, damit ist aber natürlich der Schutz vor anderen Geschlechtskrankheiten nicht mehr gegeben …"

… etwa der Schutz vor Tripper.

Tripper-Erreger sind oftmals resistent

Gerd Fätkenheuer: "Die Gonorrhöe im Fachausdruck, das ist eine Erkrankung, die sich auszeichnet durch Ausfluss aus der Harnröhre, es gibt dann verwandte Erkrankungen, auch sexuell übertragene Erkrankungen, die sogenannten Chlamydien-Infektionen, die auch zunehmen, also es ist nicht nur die Syphilis, sondern eine ganze Reihe von anderen Geschlechtskrankheiten."

Und im Gegensatz zur Syphilis kursieren beispielsweise beim Tripper Bakterienstämme, die gegen so gut wie alle gängigen Antibiotika resistent sind, sich also nicht mehr behandeln lassen, sagt Gert Fätkenheuer.

Peter Meier belastet es, dass er seinen Freund angesteckt hat. Dessen Groll hielt sich in Grenzen.

Peter Meier: "Er weiß ja: Ich habe ihn nicht absichtlich angesteckt, habe ihm nichts verheimlicht. Dumm gelaufen. Hätte nicht sein sollen, aber ja."

Aber er zieht eine klare Konsequenz aus der Erkrankung: Sex nur noch mit Kondom.

Peter Meier: "Ich bin jetzt noch vorsichtiger geworden. Gerade ungeschützten Verkehr quasi nur noch mit meinem Partner."

Jemand hält ein pinkes Kondom zwischen den Fingern (dpa / picture alliance / Peter Endig)Nur Kondome schützen vor allen sexuell übertragbaren Krankheiten (dpa / picture alliance / Peter Endig)

Doch so verhalten sich längst nicht alle. Spezialisten für sexuell übertragene Infektionskrankheiten erwarten sogar, dass sich das Problem in den nächsten Jahren noch verstärken wird. Denn seit kurzem ist in der Europäischen Union das Medikament Truvada dafür zugelassen, dass Menschen es vorbeugend einnehmen – um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen, sagt Gerd Fätkenheuer, der Infektiologe von der Universitätsklinik Köln.

Kein Schutz ohne Kondom

Gerd Fätkenheuer: "Die Menschen nehmen das Medikament ein, bevor sie Geschlechtsverkehr mit jemandem haben, der das Virus hat oder haben könnte, und sind dadurch geschützt vor der Infektion. Das heißt, die haben den Wirkstoff im Blut, und wenn das Virus übertragen wird, dann wächst es nicht an, sondern wird direkt abgetötet. Das ist das Prinzip dieser Präexpositionsprophylaxe. Und es gab Studien in den letzten Jahren, die gezeigt haben, dass das sehr gut funktioniert für HIV."

Allerdings nur bei HIV. Alle anderen Geschlechtskrankheiten bleiben genauso ansteckend wie ohne Truvada, gibt auch Christoph Boesecke von der Uniklinik Bonn zu bedenken.

Christoph Boesecke: "Es gibt schon erste Daten aus Holland, die ein bisschen in die Richtung zeigen, dass andere sexuell übertragbare Erkrankungen tatsächlich schon langsam zunehmen, in so einer Gruppe von Menschen, die zu denen gekommen sind für diese Prep-Vergabe."

Peter Meier: "Ich glaube, dass viele es viel zu locker sehen, viel zu leicht nehmen, ich war gerade frisch im Urlaub und festgestellt gerade auch in Spanien, dass so ein Kondom fast Mangelware ist. Die große Angst ist weg, auch gerade in der jüngeren Generation."

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