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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.11.2016

Geschlechterkampf in der Kunst im StädelDie Angst des Malers vor der starken Frau

Felix Krämer im Gespräch mit Anke Schaefer

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(picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Die Kuratoren Felix Krämer und Felicity Korn bei der Vorbereitung zur Ausstellung "Geschlechterkampf" im Frankfurter Städel (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Geradezu panisch hätten männliche Künstler zunächst auf die Frauenemanzipation reagiert, sagt der Kunsthistoriker Felix Krämer. Er ist einer der Kuratoren der Ausstellung "Geschlechterkampf - Franz von Stuck bis Frida Kahlo" im Frankfurter Städel-Museum.

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Frauen stärker auf Emanzipation drängten und sich neue Fragen nach Geschlechterrollen und dem Geschlechterverhältnis stellten, fand dies auch seinen Niederschlag in der Kunst.

Zwar habe es im 19. Jahrhundert so gut wie keine Künstlerinnen gegeben, die dieses Thema behandelten, sagte der Kunsthistoriker Felix Krämer im Deutschlandradio Kultur. In den Werken der männlichen Künstler hingegen habe es vor starken Frauen nur so gewimmelt.

Ambivalente Haltung bei vielen Künstlern

Positiv seien die Darstellungen jedoch nicht gewesen – im Gegenteil. Die männlichen Künstler hätten zunächst "wirklich panisch" auf die Emanzipationsbestrebungen der Frauen reagiert. "Und das sieht man den Bildern an", sagt Krämer, einer der Kuratoren der Ausstellung "Geschlechterkampf - Franz von Stuck bis Frida Kahlo" im Frankfurter Städel-Museum, die dafür zahlreiche Beispiele präsentiert.

"Was wir in den Bildern sehen, ist eine Ambivalenz. Also, die Männer sind fasziniert von den Frauen. Es sind sehr viele sozusagen auch erotische Darstellungen in der Ausstellungen. Aber  - zum Teil, glaube ich, eher unbewusst -, scheint da einfach tatsächlich diese Angst, diese Furcht vor der dominanten, starken und schönen Frau immer durch."

Künstlerinnen zeigen bei dem Thema mehr Humor

Diese Perspektive ändere sich dann im 20. Jahrhundert, so Krämer:

"Das geht dann in zwei Richtungen. Es gibt nach dem Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik, ausgesprochen brutale Darstellungen, Lustmorddarstellungen, wo bekannte Künstler wie Dix zum Beispiel, der dann ja so Vergewaltigungsbilder malt."

Auf der anderen Seite tauchen plötzlich Bilder von selbstbewussten Frauen, die Hosen und Kurzhaarschnitte tragen, Auto fahren und Flugzeuge fliegen, in der Kunst auf – und natürlich auch mehr Künstlerinnen: Diese hätten sich oft des Geschlechterthemas humorvoll und ironisch angenommen, was die Aggressivität männlicher Künstler lächerlich machte, so Krämer.

Die Ausstellung "Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo" ist vom 24. November 2016 bis 19. März 2017 im Frankfurter Städel-Museum zu sehen. Zusätzlich gibt es hier ein sehr empfehlenswertes interaktives "Digitorial" zur Ausstellung.


Das Interview im Wortlaut:

Anke Schaefer: Noch immer ist kein Ende des Geschlechterkampfes in Sicht. Stimmt das? Klar, das stimmt, sagt eine Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum, die uns durch die Geschichte der Gleichstellung zwischen Mann und Frau führt. Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt die Emanzipationsbewegung, und in den dann kommenden hundert Jahren verändert sich ja das Geschlechterverhältnis sehr, und das greifen die Künstler natürlich auf.

Eines der zentralen Bilder ist in der Ausstellung das von Gustav Adolf Mossa aus dem Jahr 1905. Da sitzt eine nackte Frau mit großen runden Augen und stattlichen Brüsten auf einem Berg von toten, blutigen Geschöpfen. Und wenn man genau hinguckt, dann sieht man, das sind alles Männer, die sie da unter sich begräbt. Eine männermordende femme fatale. Einer der Kuratoren in der Ausstellung im Städel ist der Kunsthistoriker Felix Krämer. Herr Krämer, warum ist dies eines der wichtigen Bilder in der Schau?

Felix Krämer: Das Gemälde eignet sich einfach, weil es wahnsinnig plakativ ist. Wenn Sie das einmal gesehen haben, verstehen Sie genau, um was es geht, nämlich um die spannungsgeladene, konfliktvolle Beziehung zwischen Mann und Frau. Und wir machen eben keine Ausstellung über die Liebe oder über das harmonische Zusammenleben, das es ja auch gibt.

"Dahinter steht ein Verteilungskampf"

Schaefer: Wenn Sie sagen, man versteht sofort, worum es geht, und Sie sagen, es geht um die Beziehung zwischen Mann und Frau, dann hat man natürlich, wenn man dieses Bild sieht, das Gefühl, es geht hier darum, wie groß die Angst der Männer vor den Frauen ist.

Krämer: Gerade wenn Sie sich das 19. Jahrhundert anschauen, dann werden Sie feststellen, dass a) es so gut wie keine Künstlerinnen gibt, die dieses Thema behandelt haben, und b) dass in den Werken der männlichen Künstler es von starken Frauen wimmelt. Da ist der Mann phasenweise in den Bildern fast gänzlich abwesend. Aus der heutigen Perspektive, wenn man sich die Darstellungen anschaut, das sind angstbesetzte Darstellungen. Also da steckt ein Verteilungskampf dahinter, und auch, wenn man in keiner Weise von irgendeiner Gleichstellung damals sprechen konnte, reagieren die männlichen Künstler wirklich panisch, und das sieht man den Bildern an.

Im  Garten des Städel Museums (Deutschlandradio / Frank Barknecht)Im Garten des Städel Museums (Deutschlandradio / Frank Barknecht)

Schaefer: Das heißt, die Männer reagieren panisch, weil sie merken, die Frauen nehmen eben so Mitte des 19. Jahrhunderts langsam eine Emanzipationsbewegung für sich in Anspruch, und sie wollen das verhindern, und daher malen sie genau so?

Krämer: Ja. Und das, was Sie in den Bildern sehen, ist eine Ambivalenz. Die Männer sind fasziniert von den Frauen, es sind sehr viele auch sehr erotische Darstellungen in der Ausstellung. Zum Teil, glaube ich, eher unbewusst, scheint da einfach diese Angst, die Furcht, von der dominanten, starken und schönen Frau immer durch.

Die Frauen werden nicht länger als Heilige dargestellt

Schaefer: Aber Frauen sind ja zuvor auch sehr viel natürlich als Heilige dargestellt worden, eigentlich dann als Gegenteil zur Femme fatale. Kommen solche Bilder dann gar nicht mehr vor?

Krämer: Die werden auch immer weniger. Also es gibt das im Genre, das ist klar. Das sind aber – das sind nicht die Bilder, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann tatsächlich erfolgreich waren.

Schaefer: Das heißt, in der Ausstellung sind keine Heiligen zu sehen?

Krämer: Ich muss nachdenken – nein, ich glaube, Heilige haben wir nicht.

Schaefer: Dafür haben Sie wiederum viele Frauen, die den Tod bringen. Salome zum Beispiel, die den Kopf des toten Johannes stolz vor sich her trägt. Das ist ja auch so ein Thema, Frauen, die einfach gefährlich sind.

Krämer: Richtig. Das ist im 19. Jahrhundert. Es gibt dann einen Bruch. Die Ausstellung hat zwei Teile, und im zweiten Teil, wo wir uns dann dem 20. Jahrhundert widmen, da verändert sich das sehr deutlich. Das geht dann in zwei Richtungen. Es gibt nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik ausgesprochen brutale Darstellungen, Lustmorddarstellungen, wo bekannte Künstler wie Dix zum Beispiel so Vergewaltigungsbilder malt. Diese Bilder zeigen wir auch.

Aber auf der anderen Seite gibt es dann sehr selbstbewusste Frauen und Männer, sozusagen wenn die Frauen dann plötzlich Hosen tragen, Kurzhaarschnitte, Autofahren, Flugzeugfliegen und so weiter, also Dinge tun, die im 19. Jahrhundert aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich waren, und Männer,  die sich plötzlich sehr feminin geben. Aber es ist in der Ausstellung und in der Kunst, glaube ich, ganz gut zu beobachten, wie es so eine Radikalisierung gibt, die in zwei Richtungen geht. Also je mehr Rechte die Frau einfordert und durchsetzen kann, umso aggressiver reagieren manche Männer.

Künstlerinnen behandeln das Thema mit Humor und Ironie

Schaefer: Aber was haben die Künstlerinnen dem entgegengesetzt?

Krämer: Das ist interessant. Wir haben gerade in der zweiten Hälfte der Ausstellung fast eine Quote von 50 Prozent zwischen Künstlern und Künstlerinnen. Das entspricht zwar nicht den historischen Tatsachen, es gab nicht so viele Frauen, aber uns war es ein besonderes Anliegen, auch Künstlerinnen zu Wort kommen zu lassen. Und es ist interessant zu sehen, dass die Künstlerinnen gar nicht mit Aggressivität reagieren, sondern oft eher mit Formen der Ironie oder humorvoll, und die Aggressivität männlicher Künstler lächerlich machen.

(picture-alliance / dpa / epa Keystone stringer)Die mexikanische Malerin Frida Kahlo in einer undatierten Aufnahme. (picture-alliance / dpa / epa Keystone stringer)

Schaefer: Wenn Sie über Humor sprechen, dann habe ich dieses Werk von Meret Oppenheim im Sinn. Das sind ein Paar Stöckelschuhe, die umgedreht auf einer Bratenplatte liegen, und die Absätze sehen dann aus, als seien sie so in Weiß eingewickelte Hähnchenkeulen. Das ist ja tatsächlich ein sehr lustiges Werk, surrealistisch. Haben die Surrealistinnen dann einfach sehr genau hingeguckt, wie die Geschlechtszuschreibungen vonstatten gehen?

Krämer: Ja. Im Surrealismus ist es ein bisschen schwierig, weil einerseits wird die Frau sozusagen als Fetisch, als Lustobjekt angebetet, und andererseits wird diese Figur des Androgyns kreiert, sozusagen die Auflösung der Geschlechtergrenzen. Was aber neu ist, ist, dass wir eine ganze Reihe von Künstlerinnen da haben, die zum Teil auch Selbstbildnisse schaffen, wo sie ihre eigene Rolle im Prinzip auch in Frage stellen. Und so eine Arbeit von Meret Oppenheim, die Sie gerade beschrieben haben, die bringt das natürlich wunderbar auf den Punkt.

Frida Kahlo als Galionsfigur

Schaefer: Und Sie enden dann mit Frida Kahlo. Warum?

Krämer: Frida Kahlo ist natürlich einfach eine Galionsfigur. Jeder kennt Frida Kahlo. Es verbinden sich mit Frida Kahlo auch in der öffentlichen Wahrnehmung bestimmte Bilder, und Frida Kahlo, also ihre Auseinandersetzung mit dem Geschlecht und Weiblichkeit und wie sie die formuliert und wie offensiv sie das angeht, ist für uns in der Ausstellung natürlich ein wunderbarer Schlusspunkt.

Schaefer: Das sagt der Kunsthistoriker Felix Krämer. Er ist Kurator der Schau "Geschlechterkampf. Von Franz Stuck bis Frida Kahlo". Danke Ihnen, Herr Krämer,  für das Gespräch!

Krämer: Vielen Dank ebenfalls!

Schaefer: Und die Ausstellung ist also zu sehen im Frankfurter Städel bis zum 19. März. Eine Kritik hören Sie heute Abend in Deutschlandradio Kultur in unserer Sendung "Fazit" ab 23:05 Uhr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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