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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.11.2011

Geschichte in Geschichten erzählt

Marta Marková: "Familienalbum", Braumüller Verlag, Wien 2011, 206 Seiten

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Sudetendeutsche auf dem Weg zum Bahnhof in Liberec im Juli 1946. (AP Archiv)
Sudetendeutsche auf dem Weg zum Bahnhof in Liberec im Juli 1946. (AP Archiv)

In zwölf Erzählungen berichtet die Autorin Marta Marková über die Schicksale von Sudetendeutschen. Die permanenten Umbrüche des 20. Jahrhunderts werden in einem Panorama plastisch, das sich aus vielen kleinen Anekdoten zusammensetzt.

Auf dem Rücksitz eines Motorrads, an den Vater geklammert, fährt ein kleines tschechisches Mädchen Ende der 40er-Jahre allwöchentlich zu den Großeltern aufs Land. An Vater und Tochter ziehen Felder und Wiesen vorbei, die Friedhöfe der Juden und der Christen, Schlösser und uralte Dörfer - Natur, Kultur und Geschichte komprimiert im Vorbeiflug. Die politischen Umbrüche haben diese Landschaft und ihre Menschen geprägt. Das Mädchen in der Eingangserzählung "Die Welt goldener Ähren" sieht, wie nach der Vertreibung die Felder der Sudentendeutschen brachliegen und ihre Häuser verfallen. Menschen werden an fremde Wohnorte verpflanzt, zu ungeliebten Tätigkeiten verpflichtet.

Das Private vor dem Hintergrund des Politischen bildet ein kompositorisches Prinzip in diesen zwölf Erzählungen. Marta Marková gibt den persönlichen Schicksalen von verwandten oder befreundeten Personen zudem auch buchstäblich ein Gesicht, denn es sind mehr als zwei Dutzend Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen abgebildet. Ihr eigenes Alter Ego Miriam taucht in gleich mehreren der Erzählungen auf: eine schriftstellerisch und journalistisch ambitionierte Frau, die sudentendeutsche und tschechische Wurzeln hat und 1980 aus der Tschechoslowakei nach Österreich flüchtet. Marta Marková hat sich dort in den letzten Jahrzehnten einen Namen gemacht mit Publikationen über Persönlichkeiten wie Milena Jesenská, Alice Rühle-Gerstel oder mit ihrem Band "Prager Frauen".

Auch in den hier versammelten Erzählungen stehen die Frauen im Vordergrund. Da ist zum Beispiel die Großmutter Victoria, die es immer wieder schafft, eine eigene Existenz aufzubauen - als Bäckerin, später mit einer Schankwirtschaft - und die sich doch vor der Verstaatlichung nicht retten kann: "Wie viele Regimes und deren verlängerte Arme, Nachtreter und Helfershelfer hatte sie bereits miterlebt? Den Kaiser, Kossuths Republik, Masaryk, Benes, das Protektorat Böhmen und Mähren, erneut Benes, Gottwald."

Die Zeitläufte und die permanenten Umbrüche des 20. Jahrhunderts werden in einem Panorama plastisch, das sich aus vielen kleinen Geschichten und Anekdoten zusammensetzt. Marková beschreibt Schicksale während und nach der Vertreibung, im Kommunismus, während des Prager Frühlings, in den Stagnationsjahren und in der Emigration.

Gerade die beiden letztgenannten Stationen bringen konkret die Biografie der Autorin ins Spiel, wobei der Verlust von Heimat, Trennung und die Frage nach der eigenen Identität auch über die eigene Person hinaus wiederkehrende Motive bleiben. In der Erzählung "Der italienische Eismann aus Simmering" holt der tschechische Akzent der Autorin einen sudentendeutschen Eisverkäufer in seine Vergangenheit zurück: "Er erzählte über seine Gefühle, über seine verdrängte, versunkene Welt, über die Heimatlosigkeit, über seine Sehnsucht nach zu Hause, über den Tag, den erlösenden Tag, der einmal kommen werde."

Es sind nachdenkliche Geschichten und große Geschichte im "Kleinen" - von Marta Marková bewusst nicht auf Tschechisch, sondern in schlichtem deutschsprachigen Erzählton verfasst. Die Autorin möchte damit das Erlebte über Sprach- und Landesgrenzen hinaus heben, es allgemeingültiger machen. Und das gelingt ihr.

Besprochen von Olga Hochweis

Marta Marková: Familienalbum. Erzählungen aus Mähren und Böhmen
Mit einem Nachwort von Peter Demetz
Braumüller Verlag, Wien 2011
206 Seiten, 21,90 Euro

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