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Samstag, 18.11.2017

Zeitfragen | Beitrag vom 23.08.2017

Geschichte des DeutschenWie eine Sprache gepflegt wird

Von Tobias Barth und Lorenz Hoffmann

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In der Ausstellung "Luther und die deutsche Sprache" ist am 04.05.2016 auf der Wartburg in Eisenach (Thüringen) eine Bibelausgabe, gedruckt 1700 in Nürnberg, in der Schaubibliothek zu sehen. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Luther-Bibel aus Nürnberg (um 1700) (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Anfangs war es die "Fruchtbringende Gesellschaft", heute sind es der Verein für Deutsche Sprache oder der Deutschen Sprachrat, die sich um die Pflege unserer Sprache kümmern. Welchen Einfluss haben solche Institutionen? Eine kleine Geschichte des Deutschen.

"So soll auch den Gesellschaftern vor allen Dingen obliegen unsere hoch geehrte Muttersprache in ihrem gründlichen Wesen und rechtem Verstande ohne Einmischung fremder ausländischer Flick-Wörter sowohl in Reden, Schreiben als Gedichten aufs aller zier- und deutlichste zu erhalten und auszuüben."

Sommer 1617. Weimar. Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen und vier weitere protestantische Herrscher gründen aus Sorge um den Stand der deutschen Sprache eine Gesellschaft mit einem blumigen Namen: die Fruchtbringende Gesellschaft. Das Deutsche war schlecht angesehen damals – in den deutschen Landen und im Ausland. Es galt als...

"... hart, schwer und blöckig, schwerer als andere zu begreifen und nicht so wie die ausländischen ausgearbeitet oder mit guten oder sinnreichen Schriften berühmt gemacht worden."

Deutsch galt als verachtungswürdig

Die Italiener hatten Dante und Petrarca, die Engländer Marlowe und Shakespeare, die Franzosen Rabelais und Montaigne. Und die Deutschen?  Bei denen hatte gerade  der schlesische Dichter Martin Opitz ein Werk über die Verachtung der deutschen Sprache geschrieben – bezeichnenderweise auf Latein. 

Das bekümmerte die Hofleute der Fruchtbringenden Gesellschaft also wollten sie…

"... den Teutschen zeigen, was ihre Sprache, wenn sie wollten, vernögen könnte."

Uta Seewald–Heeg: "Als Fürst Ludwig dann hier in Köthen den Sitz der ersten deutschen Sprachgesellschaft der fruchtbringenden Gesellschaft hier im Köthener Schloss dann einrichtete und Sprachgelehrte in größerer Zahl um sich um sich scharte, da ging es darum, ja der deutschen Sprache erst mal zu einem Rang zu verhelfen, den man in der Renaissance letztendlich nur im Lateinischen dem Griechischen dem Hebräischen zugesprochen hat."

Uta Seewald-Heeg ist Sprachwissenschaftlerin und hat im Köthener Schloss eine Ausstellung über die "Fruchtbringenden Gesellschaft" kuratiert.

Uta Seewald–Heeg: "Also dass man wohlklingende Gedichte oder hohe Literatur in deutscher Sprache verfassen konnte, das bezweifelten viele in der damaligen Zeit und man muss sagen, da das ja auch gar nicht gepflegt und bis dato nicht ausgeprägt war, musste da auch tatsächlich noch so viel an Arbeit geleistet werden."

Fürst Ludwig höchstselbst und die zunächst etwa 50 Mitglieder der Gesellschaft verfertigten Übersetzungen – von frommen wie auch von schöngeistigen und wissenschaftlichen Texten.

Uta Seewald–Heeg: "Und so übersetzen zunächst mal die Fruchtbringer, wie man so schön sagt, viele Werke und das muss man sich eben auch so vorstellen, dass man nicht, wenn man heute eine Übersetzungs-Aufgabe hat bei einer Vokabel, die man nicht kennt, im Wörterbuch nachschaut, was man dann sonst so für Ausdrucksmöglichkeiten hat. In vielen Fällen mussten die eigene Benennungen erst mal selbst kreieren."

Die braven Protestanten im Kernland der Reformation

Wörter wie Beobachtung, Leidenschaft oder Bücherei existieren damals in der deutschen Sprache nicht. Man sprach von Observation, Passion oder Bibliothek. Fürst Ludwig und den Seinen ging das gegen den Strich. Es ist vermutlich kein Zufall, dass sie genau hundert Jahre nach der Reformation ihren Verein für die deutsche Sprache gründeten: Sie knüpften – brave Protestanten im Kernland der Reformation - an Martin Luther an.

Peter Porsch: "Luther hat eine Bibelübersetzung gemacht, die in ganz Deutschland lesbar und verständlich war. Es gab vorher Bibelübersetzungen in verschiedenen regionalen Mundarten oder Mundart-Regiolekten, bissel größere Mundarträume. Die waren dann immer nur regional verwertbar. Luther hat die Sprache der Meißnisch-Dresdener Staatskanzlei genommen und die war damals eine Ausgleichssprache." 

Peter Porsch hat in Leipzig Sprachwissenschaft gelehrt. Der gebürtige Österreicher lebt seit vier Jahrzehnten in Sachsen – und kennt die Sprachgeschichte der Region: 

Peter Porsch: "Nachdem die Germanen hier diesen sächsischen Raum verlassen hatten und die Slawen nachgestoßen sind, kamen Kolonialisten aus allen deutschen Sprachgegenden. Aus dem Süden, aus der Mitte, aus dem Norden. Die kamen nach Sachsen, Thüringen. Und die brachten jeweils erst mal ihre regionalen und lokalen Sprachen mit und die mussten sich ja verständigen. Das heißt, hier fanden Ausgleiche statt zwischen den regionalen Varianten der deutschen Sprachen, den damaligen. Und Luther konnte diese Sprache als eine Sprache verwenden, die in ganz Deutschland verständlich ist."

In der Germanistik wird Luthers Deutsch der Bibelübersetzung auch die Druckersprache genannt.

Peter Porsch: "… sie war also vorbildlich und war für den Buchdruck gut geeignet, weil die Buchdrucker brauchten einen großen Markt, die konnten nicht mit Mundart drucken, weil da hätten sie fünf Bücher verkauft und das hätte sich nicht gelohnt."

Eine einheitliche deutsche Schriftsprache also. Gesprochen wurde allerdings, wie den Leuten das Maul gewachsen war.

In ihrer Köthener Ausstellung macht Uta Seewald-Heeg die Vielfalt der deutschen Mundarten an einer Landkarte kenntlich. Man sieht da, dass ein Mädchen in Deutschland je nach Region ganz verschieden bezeichnet wird: Deern, Maid, Meidlin, Metze, Mädgen. Und man bekommt per Knopfdruck auf der gleichen Landkarte ausgewählte Mundartproben angeboten.

Das Flugblatt "Der teutsche Michel"

Uta Seewald-Heeg: "Und hier kann man mal drauf drücken um zu sehen, wie klingt es denn, wenn man in Hamburg spricht, in Würzburg, Leipzig, Halle oder Köthen. Mein Lieblingsbeispiel ist. 

Also das ist dann mangelnde Reinheit im Sinne der Fruchtbringer – aber es ist sehr schön, weil es das Sächsische sehr schön zeigt und Bernd Lutz-Lange ist jemand, der eben auch sehr viel tut, damit das Sächsische weiterlebt."

Ich teutscher Michel 
Versteh schier nichel,
In meinem Vatterland
Es ist ein schand.
Man thuet jetz reden 
Als wie die Schweden 

Mitten im Dreißigjährigen Krieg erscheint das Flugblatt: Der teutsche Michel. Der anonyme Verfasser beklagt:

Ein jeder Schneyder 
Will jetzund leyder
Der Sprach erfahren sein 
Vnd redt Latein:
Welsch vnd Frantzösisch 
Halb Japonesisch 
Wann er ist voll und doll 
Der grobe Knoll.

Uta Seewald-Heeg: "Und das gehört auch zu so einer Verlautbarung der Fruchtbringenden Gesellschaft, dass man sich eben der guten Sprache befleißigen möge, und da tritt dann auch so ein Attribut wie "rein", die "reine deutsche Sprache" auf. Da muss man aber eben sehen, dass man einerseits sich  in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges befindet. Und im Dreißigjährigen Krieg marodierten Truppen vieler Länder hier durch die Region und das hieß, man hörte vielleicht Schwedisch, man hörte viel, aber kein gepflegtes Deutsch."

Philosophieren auf Deutsch

Zu den Fruchtbringern gehörte unter anderem der Dichter Philipp von Zesen. Von ihm sind ganze Listen überliefert, in denen er neue Worte für das Deutsche prägt. Zahlreiche uns heute selbstverständliche Wörter gehen auf ihn zurück. Begriffe wie Anschrift für Adresse, Entwurf für Projekt, Abstand für Distanz und Freistaat für Republik.

Mit einer ganzen Reihe von Neuschöpfungen konnte sich Zesen allerdings nicht durchsetzen.

Blitzfeuererregung
für  Elektrizität,
Dörrleiche
für Mumie,
Lotterbett
für Sofa
Meuchelpuffer
für Pistole.

Vom Marktplatz in Halle an der Saale zweigt eine Nebenstraße ab. Dort steht das Haus, in dem der deutsche Aufklärer Christian Wolf lebte und lehrte und schrieb. Heute ist das Barockhaus das Stadtmuseum Halle und erzählt von diesem Zentrum der deutschen Frühaufklärung.

In einer Vitrine stehen die Erstdrucke einiger Werke Wolffs – zum Beispiel das auf Deutsch verfasste Buch von 1720:

"Vernünftige Gedanken von der Menschen Tun und Lassen zur Beförderung ihrer Glückseeligkeit"

Wolff ist der erste deutsche Philosoph, der in seiner Muttersprache schrieb, er hatte dafür eine einfache Begründung:

"Ich habe gefunden, daß unsere Muttersprache zur Wissenschaft sich viel besser schickt, als die lateinische, und daß man in der reinen deutschen Sprache vortragen kann, was im Lateinischen sehr barbarisch klingt. Die Erfahrung lehrt, daß an deutschen Schriften sich auch Andre, so den Studien eben nicht obliegen, erbauen und dadurch zu einem ziemlichen Grad des Wissens gelangen."

Immanuel Kant in Königsberg übernahm von Christian Wolff die Selbstverständlichkeit, deutsch zu philosophieren. Durch das europaweite Interesse an Kants unerhört neuer Art zu denken wurde im 18. Jahrhundert Deutsch zur Weltsprache der Philosophie.

In dieser Zeit entwarf Johann Christoph Gottsched in Leipzig die "Grundlegung einer deutschen Sprachkunst" und versuchte, die sprachliche Einheit über Regeln zu definieren. Lessing brachte in Hamburg deutsche Stücke mit deutschen Stoffen auf die Bühne. Sprache und Nation: Keimte in dieser Zeit durch die Pflege des Deutschen das Nationalbewusstsein auf? Der Literaturwissenschaftler und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Heinrich Detering schreibt:

"Der Kampf der Aufklärer für eine deutsche, also volkssprachliche Öffentlichkeit und seine Fortsetzung durch die ihre Anregung aufnehmenden Stürmer und Dränger gelten nicht der Herabsetzung des Anderen, sondern der Ermöglichung des Eigenen."

Die Begründung einer Kulturnation

Das Eigene ermöglichen: Für die deutschen Literaten ging es auch darum, eine bürgerliche Kulturnation zu begründen und die engen Grenzen der Kleinstaaterei zu überwinden. In ihrem Nationenbegriff sollte das Deutsche einen, ohne das Fremde auszugrenzen.

"Nicht weil er leider bloß ein Franzose ist, wird der alberne Ricaut in Lessings Minna von Barnhelm verspottet, sondern weil sein Französisch die Sprache eines exklusiven Herrschaftsdiskurses ist."

Schreibt Heinrich Detering.

"Nicht weil der starke deutsche Mann sich vom französischen Weichling durch sein beherztes Fluchen unterscheidet, lässt Goethe seinen Götz vom "Arsch" reden, sondern weil er gegen eine Bildungskultur protestiert, die auf Unterwerfung zielt."

Schillers Satz aus Kabale und Liebe "Sire, Geben Sie Gedankenfreiheit" wurde zur Maxime der Zeit. In Frankreich blieb es nicht bei dem Gedanken, dort revoltierte das Bürgertum. Napoleons Armeen exportierten die Revolution über den Rhein und demonstrierten eindrücklich die Macht einer Grande Nation. Heinrich Heine erlebte das als kleiner Junge in Düsseldorf. Und erinnerte sich Jahre später an den Tambourmajor Le Grand:

"Monsieur Le Grand wußte nur wenig gebrochenes Deutsch, nur die Hauptausdrücke – Brot, Kuß, Ehre – doch konnte er sich auf der Trommel sehr gut verständlich machen, z. B. wenn ich nicht wußte, was das Wort »liberté« bedeute, so trommelte er den Marseiller Marsch – und ich verstand. Wußte ich nicht die Bedeutung des Wortes »égalité«, so trommelte er den Marsch »Ça ira, ça ira – – – les aristocrates à la lanterne!« – und ich verstand. Er wollte mir mal das Wort »L'Allemagne« erklären, und er trommelte jene allzueinfache Urmelodie, die man oft an Markttagen bei tanzenden Hunden hört, nämlich Dum – Dum – Dum – ich ärgerte mich, aber ich verstand ihn doch."

Klaus Manger: "Im Augenblick, wo Napoleon einbricht, entsteht ein Franzosenhass sondergleichen."

Der Germanist Klaus Manger lehrte viele Jahre am Germanistischen Institut in Jena. 1806 schlug hier Napoleons Heer die Preußen.

Klaus Manger: "In dem Augenblick, wo Ernst Moritz Arndt mit seiner Schrift "Der Rhein – Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze" auf Napoleon und Frankreich reagiert, wird der Nationalhass zwischen den angeblichen Erbfeinden so erhärtet und so unbarmherzig in eine nationalistische Dimension getrieben, dass wir heute nur froh sein können, das überwunden zu haben."

Der Hass gegen die Franzosen

"Hass gegen die Fremden, Hass gegen die Franzosen, ihren Tand, ihre Liederlichkeit, ihre Sprache, ihre Sitten, ja, brennender Hass gegen alles, was nur von ihnen kommt: das muss alles Deutsche fest und brüderlich vereinen und deutsche Tapferkeit, deutsche Freiheit, deutsche Zucht, deutsche Ehre und Gerechtigkeit wieder in die alte Würde und Herrlichkeit stellen, wodurch unsere Väter vor den meisten Völkern der Erde leuchteten."

Ernst Moritz Arndt gibt dem Franzosenhass der Zeit den markigsten Ausdruck.1813 siegen bei Leipzig Preußen, Russland und Österreich über Napoleon. Doch der Wiener Kongress bringt den Deutschen nicht das Ende der Kleinstaaterei, die Fürsten restaurieren ihre Macht. Am 18.Oktober 1817 – am Jahrestag der Völkerschlacht - versammeln sich deutsche Studenten auf der Wartburg, wo Luther mit seiner Bibelübersetzung den Grundstein für eine einheitliche deutsche Sprache legte. 500 Burschen protestieren gegen die Zersplitterung und für einen Nationalstaat. Der Dichter Hoffmann von Fallersleben, der in dieser Zeit als Student in Göttingen politisch geprägt wird, gießt 1841 den wachsenden Drang nach "Einigkeit und Recht und Freiheit in "Das Lied der Deutschen". 1848 scheitert der Traum, die Deutschen in einem demokratischen Staatswesen zu vereinen. Die Fürsten sind stärker.

In den 1850er Jahren – da hat ihn der preußische Staat wegen rebellischer Umtriebe schon lange seiner Professur in Breslau enthoben – forscht Hoffmann von Fallersleben über die "Fruchtbringende Gesellschaft". Er ist Teil einer großen Schar von Sprachforschern, die den Nationalstaat auf ihre Weise begründen helfen. Konrad Duden mit seiner Orthographie gehört dazu und der Verfasser des ersten großen Herkunftswörterbuches Friedrich Kluge: 

"Wir aber heute, die reichen Erben einer großen Vergangenheit, wollen uns dankbar erweisen, dass unsere Sprache, die den Deutschen in der Zeit tiefster Zerklüftung das Ideal der Einheit allein vor Augen gestellt hat, an der Gründung unseres Deutschen Reiches einen so wesentlichen Anteil hat."

Kai Witzlack- Makarevich: "Und jetzt haben wir das Jahr 1871, die Reichseinigung ist vollzogen. Und damit könnte man meinen: der Sprachpurismus und -nationalismus haben sich erledigt. Aber das Gegenteil war der Fall. Denn im Gefühl des nationalen Überschwangs kam es dann sogar zu einer Zunahme des Sprachpurismus."

Eine Reinheitsbehörde für die deutsche Sprache

Der Sprachwissenschaftler Kai Witzlack-Makarevich von der Universität Jena forscht über Sprachpurismus im europäischen Vergleich. Eine Sprachreinigungsbewegung von oben, so sagt er, das war einzigartig im damaligen Europa.

Kai Witzlack- Makarevich: "1875 trat in Deutschland eine neue Postordnung in Kraft. Und dort hatte der Generalpostmeister Heinrich von Stephan knapp 700 Begriffe verdeutscht, die dann über diese neue Verordnung Eingang in die Sprache fanden."

Das Kuvert heißt fortan Briefumschlag, Briefe werden nicht mehr frankiert, sondern frei gemacht und der ehemalige Expresskurier wird zum Eilboten. Ähnliche Verordnungen werden -mit höchstkaiserlicher Billigung – im Eisenbahn- und Bauwesen erlassen.

Kai Witzlack- Makarevich: "Eine wichtige Rolle spielte dann auch der "Allgemeine Deutsche Sprachverein", der von Hermann Riedel und Hermann Dunger 1885 in Dresden gegründet worden war. Die Mitglieder dieses Vereins betrieben dann in gewisser Weise sprachpolitische, sprachpuristische Lobbyarbeit."

Und das ging dann bis zu dem Vorschlag, eine staatliche Akademie für deutsche Sprache zu gründen, die dann als oberste Reinheitsbehörde für die deutsche Sprache fungieren sollte.

Als der Vorschlag publik wird, schicken 41 namhafte Intellektuelle ein Protestschreiben an das Kultusministerium. Darunter der Historiker Heinrich von Treitschke, der Philosoph Wilhelm Dilthey und der Schriftsteller Theodor Fontane. Sie wenden sich gegen die Bevormundungspolitik und den fremdwortpuristischen Übereifer des Vereins. Mit Erfolg.

Eine Sprachzensur-Behörde werden erst die Nationalsozialisten einrichten: das sogenannte Sprachpflegeamt. Gegründet 1935, zum 50jährigen Jubiläum des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. Dessen Mitglieder sehen nach 1933 ihre große Zeit gekommen. Sie dienen sich den neuen Machthabern als "SA der deutschen Muttersprache" an.  

Kai Witzlack- Makarevich: "Aber es kam alles anders als gedacht, denn die Mitglieder des Vereins erdreisteten sich sogar, führende Nazigrößen in ihrem Sprachgebrauch zu kritisieren. Und das ging so weit, dass 1940 eine Rede von Adolf Hitler kritisiert wurde. Und Hitler verbat sich dann in einem Erlass solche Einmischung. Und damit war der Verein politisch erledigt."

Wie die Nazis Deutsch sprachen

Hitler hatte sich schon in "Mein Kampf" abfällig über die deutschen Sprachpuristen geäußert. Deren Idee von der Nation als einer Sprachgemeinschaft unterlief seine eigene Definition: das Volk als Gemeinschaft der Rasse.

Der Sprachverein forderte die NSDAP-Größen auf, "Unfruchtbarmachung" zu sagen, statt "Sterilisation". Und "Zwangslager" statt Konzentrationslager.

Und übersah dabei, dass die Nationalsozialisten häufig absichtlich Fremdwörter benutzten. Zur Verschleierung.

Der Linguist Victor Klemperer notiert in seinem Buch LTI, über die Sprache des Dritten Reiches:

"'Garant' klingt bedeutsamer als 'Bürge' und 'diffamieren' imposanter als 'schlechtmachen'. Vielleicht versteht es auch nicht jeder, und auf den wirkt es dann erst recht.

Die nazistische Sprache weist in vielem auf das Ausland zurück, übernimmt das andere von Vorhitlerischen Deutschen, hat die wenigsten Worte selbstschöpferisch geprägt, wahrscheinlich überhaupt keines.

Aber sie ändert Wortwerte und -häufigkeiten, beschlagnahmt für die Partei, was früher Allgemeingut war, und in alledem durchtränkt sie Worte und Wortgruppen und Satzformen mit ihrem Gift, macht die Sprache ihrem fürchterlichen System dienstbar, gewinnt an der Sprache ihr öffentlichstes und geheimstes Werbemittel.

Der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewusst aufgenommen wurden. Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held. 

Bundestag 1966 Versammlungsleiterin: "Meine Damen und Herren, wird das Wort zu Begründung gewünscht, ja das Wort wird gewünscht – ich bitte den Herrn Folger..."

Erwin Folger: "Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren..."

Im November 1966 debattiert der Bundestag über ein Gesetz zur  Vereinheitlichung von Handwerksbezeichnungen.

Bundestag 1966 / Erwin Folger: "Auf einmal soll es keine Schreiner, keine Spengler, keine Metzger, keine Tapezierer, keine Dekorateure usw. mehr geben."

Deutsche Sprache und die deutsche Teilung

25 süddeutsche Abgeordnete wollen verhindern, dass der hochdeutsche Fleischer den Metzger oder Schlachter ersetzt, dass man Tischler sagen muss statt Schreiner, Schornsteinfeger statt Kaminkehrer. 

Der SPD-Mann Erwin Folger aus München  sieht die kulturelle Identität bedroht:

Dok-Ton Bundestag 1966 / Erwin Folger: "Das geht auch einem sonst recht abgebrühten und dickfelligen Abgeordneten unter die Haut. Wir fürchten, dass wir nicht mehr Grüß Gott sagen dürfen, sondern Guten Tach sagen müssen oder Tschüss. Dass wir nicht mehr Samstag sagen dürfen, sondern Sonnabend sagen müssen. Dass sich der bayerische Schriftsteller nicht mehr Karl Spengler nennen darf, sondern Karl Klempner heißen muss."

Die Debatte in Bonn bringt den Bayern einen Sonderstatus ein. Südlich des Weißwurstäquators heißt es weiterhin Metzger, Schreiner und Kaminkehrer. Im Osten Deutschlands  geht es derweil in Sachen Sprachpolitik nicht bloß um kulturelle Abgrenzung, sondern um die Abgrenzung im Klassenkampf, die zur nationalen Identität werden soll:

DDR-Fernsehen: "Es ist an der Zeit, dass auch in der Verfassung festgestellt wurde, dass wir ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern sind.  Nicht einfach ein Staat deutscher Nation. Die Festlegungen bekräftigen die vollzogene Abgrenzung von der BRD - das ist gut so."

1974, zum 25. Jahrestag der DDR, erklären Erich Honecker und die Genossen der SED das Land zur sozialistischen Nation. Und deren Bürger sollen selbstverständlich auch eine sozialistische Sprache sprechen: Im Parteiblatt "Die Weltbühne" ist zu lesen:

"Es handelt sich um eine hochpolitische Sache, die sozialistische Nation kämpft um ihre unverfälschte Nationalsprache. Ziel ist, dass die DDR sich abgrenzt von der mit Amerikanismen und Anglizismen durchsetzten Sprache, die in der imperialistischen BRD gesprochen und geschrieben wird. Und die Frage lautet, warum schützen wir unsere Sprache nicht vor dem Eindringen feindlicher Gedankengänge?"

Der Artikel beklagt, dass auch die DDR-Bürger Preshave und Aftershave benutzen. Und Liveshows im Fernsehen anschauen. Im Grunde ist das eine Variation der berühmten Absage Walter Ulbrichts an die westliche Beatmusik:

"Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck der vom Westen kommt kopieren müssen? Ich denke genossen mit der Monotonie des Yeah Yeah Yeah und wie das alles heißt sollte man doch Schluss machen."

Man sprach deutsch – hüben und drüben, aber…

Peter Porsch: "Dann kamen so Gedanken auf, na ja vielleicht verändert sich die Sprache bei uns doch so ziemlich, weil wir ja ein sozialistisches Land sind und im Kapitalismus ist das eben anders. Und dann kamen so Beispiel: Im Kapitalismus gibt es z.B. noch Mägde und die gibt es bei uns nicht."

Der Österreicher Peter Porsch kam 1973 als junger Germanist in die DDR.

Peter Porsch: "Wir haben ja dann ein Buch geschrieben in Leipzig - die germanistische Linguistik und die Leipziger Karl-Marx-Universität, da habe ich dran mitgeschrieben. Unter Leitung damals von Prof. Fleischer. "Wortschatz der deutschen Sprache in der DDR". Und haben festgestellt: Erstens, es ist ein deutscher Wortschatz und mit ein bisschen Mühe und Hinterfragen wenigstens in Spezialfällen für jeden, der Deutsch kann, verständlich, und gerade so im Verwaltungsbereich, im Alltagsbereich weniger, gab es Spezialitäten."

Von A wie Aktivist über B wie Broiler und D wie Dederon bis hin zu W wie Wandzeitung und Z wie Zellophanbeutel:  Auch hier spielt  Abgrenzung vom Klassenfeind eine wichtige Rolle: so heißt das Team in der DDR Kollektiv oder Brigade. Und der Astronaut ist selbstredend ein Kosmonaut.

Das Wort "Ausreiseantrag" ist auch so ein DDR-Spezifikum. Mit der massenweisen Verwendung und Anwendung dieses Wortes endet der Versuch, eine DDR-Nation zu schaffen und endet dieses Kapitel deutscher Sprachgeschichte.

"Sehr geehrter Herr Vizepräsident, liebe Members des Landtages, werte Gäste... Die protection der deutschen culture ist für die AfD erklärtermaßen eine benchmark und ein Hauptbestandteil unseres contents."

Potsdam im März 2017 - Landtag von Brandenburg. Für die Alternative für Deutschland spricht Steffen Königer. Er führt vor, wohin seiner Meinung nach das Denglisch führt: Es geht um einen Antrag der AfD, Deutsch als Muttersprache zu schützen und die deutsche Sprache in der Landesverfassung zu verankern

Landtag Brandenburg: "Das ist auch ziemlich urgent necessary denn unsere Sprache ist von verschiedenen Seiten under attack. Die Buzzwords hierbei lauten: Gender, political correctness und Anglizismisierung.

"Denglisch" sei eine "kulturelle Umweltverschmutzung"

Es ist nicht das erste Mal, dass die vermeintlichen Sprachwahrer von rechts das Thema in einer Landtagsdebatte setzen. 2011 war es in Sachsen die NPD, die mit dem Antrag "Deutsch statt Denglisch" zu punkten versuchte. Es sei "kulturelle Umweltverschmutzung", wenn man mit überflüssigen Anglizismen um sich werfen und so zu einer allgemeinen Sprachverwirrung beitragen würde.

Seit den 90er-Jahren wird ein neues Phänomen des Deutschen diskutiert: das Kiezdeutsch. Es ist die Sprache vor allem der Gastarbeiterkinder in zweiter und dritter Generation. Gesprochen wird Kiezdeutsch oder Kanak-Sprak in den urbanen Zentren mit hohem Anteil von Migranten. Das Wort von den Parallelgesellschaften geht um. Das Gegenmittel: die deutsche Leitkultur.

Peter Porsch: "Wenn es eine Nationalsprache gibt, dann hat sie immer zwei Funktionen: Sie integriert, jeder, der sie kann, gehört dazu. Und sie grenzt aus, jeder, der sie nicht kann, gehört nicht dazu. Und da entstehen neue Brutalitäten, ganz gewiss."

Für einen Dialektologen und Soziolinguisten wie Peter Porsch ist das Kiezdeutsch nur eine Varietät des Deutschen. Mit eigenen Regeln, aber ohne die Kraft, die Standardsprache oder gar die Nation zu gefährden. Eine einheitliche Nation funktioniert auch ohne Einheitssprache: Und wer hat’s erfunden?

Peter Porsch: "Also die Schweiz, ganz eindeutig. Wenn die Schweizer ein Nationalbewusstsein haben, dann ist das nur bedingt an Sprache gebunden, denn es gibt das Französischsprachige, das Italienischsprachige, das Deutschsprachige – das sind zwei Drittel die Deutsch sprechen in der Schweiz – und es gibt die romanische Gegend, das Rätoromanische. Dort hat Sprache nur bedingt integrierende Funktion, was das Nationale betrifft."

Vaterland und Muttersprache – in Deutschland sind sie eine enge Beziehung eingegangen. Die Fruchtbringende Gesellschaft von 1617 hat daran ihren Anteil.

Heute betreiben diverse Nachfolger die Sprachpflege – vom Verein für Deutsche Sprache über den Deutschen Sprachrat bis zur Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Haben sie Einfluss auf den Sprachgebrauch? Am Ende reden die Leute doch so, wie es ihnen passt.

 

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Vor 400 Jahren gegründet - "Fruchtbringende Gesellschaft" für den Erhalt der Deutschen Sprache
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 24.08.2017)

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(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 28.09.2016)

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