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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 23.02.2008

Gertz: Ein "Desaster" in Südafghanistan

Bundeswehr-Verband kritisiert Verbündete

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Oberst Bernhard Gertz (AP)
Oberst Bernhard Gertz (AP)

Aus Sicht des Vorsitzenden des Deutschen Bundeswehr-Verbandes, Oberst Bernhard Gertz, wäre es unverantwortlich, deutsche Soldaten in den Süden Afghanistans zu schicken. Amerikaner, Briten und Kandier hätten durch ihre Art des Vorgehens ein feindseliges Klima geschaffen. So gegen den Terrorismus vorzugehen, sei "aussichtslos", sagte Gertz.

Deutschlandradio Kultur: "Ohne eine Änderung der Strategie rate ich dringend davon ab, unsere Soldaten in den Süden Afghanistans zu schicken. Wir können nur verlieren", sagen Sie, Oberst Gertz. Warum?

Bernhard Gertz: Weil unsere Verbündeten im Süden Afghanistans bisher – um das freundlich zu formulieren – nicht sehr erfolgreich operiert haben. Sie sind in einer sehr schwierigen Situation. Es gibt eine offene Grenze zu Pakistan, die nicht kontrollierbar ist, nicht zuletzt deshalb, weil die schwache pakistanische Regierung nicht in der Lage ist, das Ihrige dazu zu tun. Die geografischen Bedingungen tun ein Übriges.

Außerdem haben auch unsere Verbündeten – Amerikaner, Kanadier, Briten – mit der Art und Weise ihres militärischen Vorgehens nicht gerade die Köpfe und die Herzen der Menschen gewonnen, der Paschtunen. Durch die häufige Benutzung von Luftschlägen gegen Taliban, die sich zwischen Zivilbevölkerung verborgen hielten, hat es sehr viele Tote unter den Zivilisten gegeben. Das hat im Ergebnis dazu geführt, dass wir im Süden – anders als im Norden – gegen die verbündeten Truppen eine feindselige Stimmung haben. In einer feindseligen Atmosphäre mit einer offenen Grenze militärisch den Kampf gegen den Terror gewinnen zu wollen, ist nahezu aussichtslos. Das heißt, wenn dort weiter so operiert wird, ist es aus meiner Sicht nicht zu verantworten, deutsche Soldaten an einem solchen Desaster zu beteiligen.

Deutschlandradio Kultur: Es gibt ja zwei Einsätze im Süden Afghanistans. Das ist einmal ISAF, die internationale Schutztruppe, die von Nato-Staaten getragen wird. Das andere ist OEF, der Amerika-geführte Einsatz gegen Terrorismus. Trifft das mit der feindseligen Stimmung auf beide Einsätze zu? Differenziert die Bevölkerung da unten im Süden überhaupt?

Gertz: Da gibt es keinen Unterschied mehr zwischen OEF und ISAF. Der ist auch in der Praxis für die Bevölkerung nicht wirklich sichtbar. OEF wird von einem amerikanischen Oberbefehlshaber geführt, ISAF von dem gleichen amerikanischen Oberbefehlshaber, nur in einem Fall ist ein Nato-Stab eingeschaltet, im anderen Fall ist es unmittelbar ein amerikanischer Stab. Aber die Art der Operationen ist durchaus vergleichbar. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass das blutige Geschäft von OEF besorgt wird und ISAF macht Wiederaufbau. Das ist absolut dummes Zeug. ISAF operiert auch im Süden militärisch im Kampf gegen den Terrorismus. Das unterscheidet sich überhaupt nicht von dem Vorgehen der OEF. Das heißt, alles, was sich dort an Verbündeten aufhält, wird als Feind erlebt.
Deutschlandradio Kultur: Wenn Sie sagen, ohne Änderung der Strategie würden Sie keine deutschen Soldaten in den Süden Afghanistans schicken, wie müsste diese geänderte Strategie aussehen? Gibt es die?

Gertz: Es gibt sie eigentlich auf dem Papier. Man muss dabei etwas weiter ausholen. Es geht ja nicht nur um die militärische Seite. Wir reden in Deutschland sehr gern und vorzugsweise über die militärische Seite der Medaille. Die hat aber auch noch eine andere Seite. Das ist die Medaille des zivilen Wiederaufbaus. Das fängt bei dem an, was ich gerne mit dem Begriff "Entwicklung der Staatlichkeit" bezeichne. Das heißt: Aufbau einer loyalen, in der Fläche präsenten und möglichst nicht korrupten Polizei, ebenso Aufbau von loyalen, in der Fläche präsenten und möglichst nicht korrupten Streitkräften, Aufbau der Justiz, die dazu gehört, denn es nutzt nichts eine Polizei zu haben, wenn es keine Justiz gibt, die funktioniert und die Straftäter aburteilt; Aufbau einer funktionierenden Verwaltung. Auf all diesen Feldern ist nicht nur Deutschland, ist die gesamte Staatengemeinschaft hinter den selbst gesetzten und häufig verabredeten Zielen um Lichtjahre zurückgeblieben. Insbesondere beim Polizeiaufbau hat die Bundesrepublik Deutschland grandios versagt.

Deutschlandradio Kultur: Warum? Haben wir zu wenig Mittel eingesetzt?

Gertz: Wir haben zu wenig Mittel und zu wenig Personal investiert. Wenn Sie sich überlegen, dass wir an die 3.500 deutsche Soldaten in Afghanistan haben und dass es den 17 Innenministern Deutschlands – 16 der Länder, einer des Bundes – in den letzten Jahren seit 2003 nicht gelungen ist, jeweils mehr als maximal 40 bis 42 Polizeiausbilder in Afghanistan zu haben, zur Zeit sind es angeblich 25, dann ist das ein Armutszeichen erster Ordnung. Das Land ist siebenmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Es ist völlig unwegsam, weil es einen Mangel an Verkehrsverbindungen gibt. Wenn Sie da in der Fläche Polizei aufbauen wollen, dann brauchen Sie eher Tausende als Hunderte Polizeiausbilder. Sich mit 40 auf einen Nukleus in Kabul zu konzentrieren, ist vielleicht gut gemeint, aber definitiv nicht gut gemacht.

Das ist eigentlich ganz elementares Versagen. Denn wenn wir Afghanistan dazu verhelfen wollen, als souveräner Staat in der Lage zu sein, seine Staatsaufgaben zu bewältigen, zum Beispiel auch Drogenanbau und Drogenhandel besser zu kontrollieren als in der Vergangenheit, dann muss Präsident Karzai, dann muss die Regierung, die dort amtiert, über Staatsorgane verfügen, die auch funktionieren. Und das ist nach wie vor nicht der Fall. Da haben wir inzwischen fünf Jahre verschenkt.
Wenn das nicht spätestens auf der in Paris geplanten Afghanistankonferenz im Juni in den Mittelpunkt gestellt wird, und wenn dann nicht alle Staaten auf diesen Feldern dramatisch investieren, dann sehe ich insgesamt für das Kapitel Afghanistan schwarz. Wir sollen Unterstützung, Hilfe geben für die Entwicklung der Sicherheit. Das setzt aber voraus, dass der souveräne Staat Afghanistan selber in der Lage ist, Staatsgewalt auszuüben. Das ist Präsident Karzai immer noch nicht. Seine Macht reicht nicht wirklich in die Provinzen. Auch da, wo er Gouverneure einsetzt, herrschen in Wirklichkeit Warlords und Drogenbarone und er hat einfach nicht die Instrumente, die notwendig sind, um Staatsgewalt zu entwickeln.

Deswegen identifizieren die Menschen in den Regionen, da, wo es Fortschritte gibt, diese Fortschritte auch nicht wirklich mit der eigenen Regierung, sondern da, wo die Deutschen sind, zum Beispiel mit der Anwesenheit der deutschen Truppen und der deutschen Entwicklungshilfeorganisationen.

Deutschlandradio Kultur: Nach einem Treffen der Großen Koalition in dieser Woche hieß es: "Das Mandat soll unverändert verlängert werden." Was halten Sie davon? Glauben Sie daran, dass wir im Herbst genau dieses Mandat wieder um ein Jahr verlängern? Sollten wir mehr Soldaten schicken?

Gertz: Wir haben ein paar Möglichkeiten innerhalb des Umfangs von bis zu 3.500 Soldaten zu straffen. Vor geraumer Zeit hat eine Kommission pensionierter Generale und Admirale, die auch selber Einsatzerfahrungen gesammelt haben, zum Beispiel festgestellt, dass die Stäbe, die wir Deutschen in Afghanistan unterhalten, zu groß dimensioniert sind. Da gibt es etwa beim Regional Commander North, einem deutschen in Mazar-E Sharif, einen internationalen Stab und daneben noch einen deutschen Stab. Da gibt es also Möglichkeiten, um Luft raus zu lassen und auch – wenn Sie so wollen – Menpower für andere Aufgaben zu gewinnen.

Wir müssen jetzt versuchen, innerhalb dieses Deckels von 3.500 so umzuschichten, dass dabei die Quick Reaction Force abgebildet werden kann und dass eben auch für notwendige Verstärkungen von Schutz- und Sicherungskräften Spielräume entstehen. Ich glaube, es wäre klüger, den Deckel leicht anzuheben. Und ich rede jetzt definitiv nicht über 1.000 oder 1.500 Soldaten, ich rede ganz und gar nicht über deutsche Soldaten im Süden, sondern ich sage einfach nur, um den Schutz unserer eigenen Truppen zu gewährleisten, die ja auch täglich in Lebensgefahr sind, die ja auch unter Anschlägen mit IEDs, mit Sprengkörpern, die in Straßen vergraben sind, zu leiden haben.

Deutschlandradio Kultur: Also, da herrscht auch Krieg im Norden?

Gertz: Gar keine Frage. Natürlich sind auch dort Terroristen präsent, immer wieder, und auch da gibt’s Tote. Wir haben inzwischen 26 tote deutsche Soldaten. Wir haben auch Beamte verloren, Polizeibeamte. Wir haben Beamte der Bundeswehrverwaltung verloren. Falls irgendjemand meint, er könnte seine Toten gegen unsere Toten aufrechnen und behaupten, im Norden würde nur Tee getrunken und ansonsten der Tag genossen, der ist im Irrtum. Da ist in jeder Situation täglich Gefahr.

Deutschlandradio Kultur: Die Bundesregierung vermittelt aber diesen Eindruck ganz gerne. Sie vermeidet Begriffe wie "Krieg". "Kampfhandlung" ist nicht ganz so stark als militärisches Wort. Ist das auch Teil des Problems, dass zum Beispiel die deutsche Bevölkerung dem Einsatz so gegenübersteht, dass die Bundesregierung gar nicht mit offenen Karten spielt und nicht Ross und Reiter nennt?

Gertz: Ich denke in der Tat, wir müssen in unserer Sprache zu mehr Klarheit finden. Ich sage Ihnen ein schönes Beispiel: Wir haben mit viel Freude in den Jahren das Soldatenversorgungsgesetz novelliert und dabei Regelungen für den Einsatz deutlich verbessert, die verwundete Soldaten und die Witwen gefallener Soldaten besser stellen. Aber wenn Sie in dieses schöne Gesetz hineinschauen und mal suchen, ob es im Soldatenversorgungsgesetz den Begriff "Krieg" gibt, den Begriff "Kampf" oder "Angriff", den Begriff "gefallen" oder den Begriff "verwundet", den werden Sie dort nicht finden. Auch da sind wir nicht ehrlich in der Sprache. Und wenn jemand von einem Selbstmordattentäter in Afghanistan in die Luft gejagt wird und wird dabei getötet, dann würden wir in der Sprache des Gesetzes seiner Witwe mitteilen, ihr Mann sei bei einem Einsatzunfall seinen Verletzungen erlegen.

Ich finde das außerordentlich gefährlich. Wir müssen ehrlich sein gegenüber unserer Gesellschaft. Wir müssen sagen, dass zum zivilen Wiederaufbau die militärische Absicherung gehört, dass ohne Stabilität, ohne Sicherheit, ohne Unterstützung der eigenen afghanischen Anstrengungen zur Stabilität Wiederaufbau nicht stattfinden kann. Diese Präsenz von Militär ist bedroht durch Gegner, durch Banden, durch Taliban, durch Al Kaida. Dabei gibt es terroristische Angriffe. Und wenn jemand von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt wird oder von einem solchen Sprengstoffattentat ereilt wird, dann ist er nicht bei einem Einsatzunfall getötet worden, sondern er ist gefallen für die Bundesrepublik Deutschland, denn es ist unser Parlament, das ihn dorthin geschickt hat, um dort seinen militärischen Auftrag zu erfüllen.

Deutschlandradio Kultur: Mit dieser Ehrlichkeit könnte man es der Bevölkerung auch besser vermitteln, auch die Frage richtig beantworten, was wollen wir eigentlich in Afghanistan.

Gertz: Dazu gehört noch ein bisschen mehr. Man muss den Leuten eben auch sagen, dass es keine Alternative gibt, die da lautet: Hindelang oder Hindukusch. Ein Heimatschutzregiment in Hindelang reicht nicht, um sich gegen Terroristen zu wappnen. Wenn Terroristen weltweit operieren und wenn sie aus Staaten wie dem früheren Afghanistan nicht nur mit staatlicher Deckung, sondern auch mit staatlicher Unterstützung den Westen in Europa, in Amerika angreifen können, dann kann man nicht in Hindelang sitzen und warten, bis dort Sprengstoffattentate passieren, sondern das ist reaktives Verhalten und reaktives Verhalten ist immer die schlechteste Form, mit der man sich gegen Bedrohung wehren kann, sondern man muss den Menschen sagen: Eine solche asymmetrische Bedrohung, nicht durch Staaten, sondern durch terroristische Organisationen, die macht es gegebenenfalls erforderlich, dass man da hingeht, von wo sie kommt, und dass man dafür sorgt, dass dieser Staat so neu strukturiert wird, dass er solche Ereignisse nicht mehr zulässt. Genau deshalb sind wir in Afghanistan. Deshalb hat Peter Struck auch nichts Falsches gesagt mit seinem berühmten Satz, "die Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland beginnt am Hindukusch". Wir kämpfen dort für unsere Sicherheitsinteressen.

Und wenn wir das unserer Bevölkerung endlich mal erklären würden, ich tue das 365 Tage im Jahr, ich wollte, die Bundesregierung und die Parlamentsfraktionen täten das auch mit dieser Deutlichkeit und Klarheit, dann wüssten unsere Menschen wenigstens, worum es eigentlich geht. Aber viele Bürger glauben, wir seien in Deutschland in unserer Sicherheit gefährdet, weil wir in Afghanistan sind. Das ist natürlich Quatsch. Wir wären sehr viel gefährdeter, wenn wir nicht in Afghanistan wären.

Deutschlandradio Kultur: Können Sie verstehen, dass viele Bündnispartner inzwischen sagen, es geht nicht mehr an, dass die Deutschen im vermeintlich ruhigen Norden agieren und im Süden fallen unsere Soldaten, die Deutschen müssen ihren Beitrag auch im Süden leisten?

Gertz: Ich kann das deshalb verstehen, weil die Politiker dieser Bündnispartner innenpolitische Probleme haben, die sie glauben dadurch abmildern zu können, dass sie mit dem Finger auf die Deutschen zeigen. Sie sollten aber nicht vergessen, dass sie es gewesen sind, die sich diese Sektoren ausgesucht haben, und dass alle damit einverstanden waren, dass die Deutschen den Sektor Nord übernommen haben. Wenn damals jemand gesagt hätte, zum Beispiel unsere lieben amerikanischen Freunde, wir brauchen euch auch im Süden, wäre das eine andere Debatte geworden. Niemand hat was dagegen gehabt.

Und wenn unsere Verbündeten ihre eigenen Gesellschaften – da meine ich insbesondere unsere kanadischen Freunde – besser drauf vorbereitet hätten, dass das ein blutiges Geschäft ist, gegen Taliban zu kämpfen, dass es dabei gefallene kanadische Soldaten geben wird, dann wären sie nicht in der misslichen Situation, in der sie heute sind, und würden vielleicht weniger mit dem Finger auf uns zeigen. Man sollte nicht vergessen, dass die minengeschützten Panzer, mit denen sich die Kanadier im Süden Afghanistans bewegen, von uns ausgeliehen worden sind. Also, Unterstützung der Deutschen ist durchaus da. Unterstützung ist mit Luftaufklärung da. Die Deutschen fehlen nicht auf diesem Schauplatz. Sie haben nur ihre Befindlichkeiten mit der Art und Weise des militärischen Vorgehens. Und sie haben auch festgestellt, ich sage das hier zurückgenommen, aber dennoch deutlich, dass die Art und Weise des militärischen Vorgehens unserer Verbündeten, die zum Teil zu hohen Verlusten geführt hat, auch nicht immer professionell, nicht immer optimal gewesen ist. Deswegen wehre ich mich energisch dagegen, 77 kanadische Tote, 77 gefallene kanadische Soldaten gegen 26 deutsche aufzurechnen. Diese Rechnung ist mir zu abenteuerlich abwegig.

Deutschlandradio Kultur: Oberst Gertz, müssen wir aber in diesem Zusammenhang nicht auch eine generelle Debatte über die deutsche Verantwortung im internationalen Beziehungsgeflecht führen. Der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger hat in dieser Woche gesagt: "Die deutsche Position mit dem Hinweis auf die eigene Geschichte ist nicht mehr haltbar." Müssen wir da auch umdenken?

Gertz: Henry Kissinger ist ein kluger Mann und er hat ganz sicher festgestellt, dass wir schon seit einer Reihe von Jahren in diesem Umdenkprozess begriffen sind. Man darf ja nicht vergessen, dass wir vor unseren ersten internationalen Einsätzen ganz heftige Grundsatzdebatten geführt haben, ob deutsche Soldaten zum Beispiel überhaupt da hingehen können, wo sie im 2. Weltkrieg mal gewesen sind – Stichwort Balkan, gerade Bosnien und Serbien. Oder wir haben uns gefragt, ob das denn überhaupt mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Als deutsche Soldaten schon in Somalia stationiert waren bei UNOSOM 1993/94 hat dann das Bundesverfassungsgericht auf Antrag eines Teils der Bundesregierung über die Frage entschieden, ob das denn überhaupt mit der Verfassung in Einklang zu bringen ist.

Von diesem Zeitpunkt an hat sich doch ein ganz erheblicher Prozess entwickelt. Wir haben mit militärischen Mitteln teilgenommen am Luftschlag gegen Serbien in der Kosovo-Krise. Wir nehmen teil in Afghanistan an einer internationalen Mission auf UN-Mandat. Also, es hat sich enorm entwickelt. Ich denke, unsere Verbündeten, einschließlich Henry Kissinger, sollten erkennen, dass die Bundesrepublik schon einen geraume Weg zurückgelegt hat. Aber bestimmte Dinge werden wir ganz sicher nicht zurücklegen wollen. Damit meine ich zum Beispiel Beteiligung an einer "Coalition of the willing" und einen vom Zaun gebrochenen Krieg gegen den Irak, bei dem man Gründe für den Krieg genannt hat, die sich dann hinterher als absolut nicht stichhaltig erwiesen haben. Solche, da stimme ich dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder ausdrücklich zu, militärischen Abenteuer wird die Bundesrepublik auch in der Zukunft nicht machen. Deswegen wird sie auch da, wo militärisches Vorgehen – ich sage das mal freundlich – suboptimal ist, vielleicht sogar aussichtslos, wenn es so fortgesetzt wird wie im Süden Afghanistans, weiterhin nicht teilnehmen.

Ich denke, wir sollten nur mit unseren Verbündeten ganz klar darüber reden. Und wir sollten ihnen unsere Meinung ganz deutlich sagen, nicht dass wir zu dumm, zu feige oder zu faul sind, sondern dass wir gar nicht einsehen, warum wir unsere Soldaten in einer Mission Impossible verheizen. Solange sich nämlich die politischen Probleme im Zusammenhang mit Pakistan als nicht lösbar erweisen, solange diese Grenze nicht kontrollierbar ist und solange unsere Verbündeten so vorgehen, wie sie vorgehen, und nach wie vor prioritär auf die militärische Karte statt auf die zivile setzen, solange ist das eine Mission Impossible. Deswegen, nichts gegen Henry Kissinger, aber das ist der falsche Zeitpunkt oder der falsche Anlass, um diese Gedanken zu resümieren.

Deutschlandradio Kultur: Der Druck auf die Bundesregierung, Soldaten in den Süden Afghanistans zu schicken, ist groß und er wird wahrscheinlich noch größer werden, wenn Anfang April die Staats- und Regierungschefs der Nato in Bukarest zusammensitzen werden. Glauben Sie, dass die Bundeskanzlerin dem Druck standhalten wird?

Gertz: Ich glaube, die Bundeskanzlerin ist von ihrer Persönlichkeitsstruktur her diejenige, die einem solchen Druck durchaus standzuhalten vermag. Im Übrigen ist sie eine kluge Frau, die weiß, dass in der Bundesrepublik Deutschland die große Mehrheit der Bevölkerung jetzt schon gegen den Afghanistaneinsatz ist. Das heißt, es ist der Politik bislang nicht gelungen, den Menschen wirklich zu vermitteln, worum es geht. Wenn jetzt die Entscheidung getroffen würde, deutsche Soldaten als Kampftruppen in den Süden zu schicken, dann garantiere ich, dass mehr als 90 Prozent der Bevölkerung gegen diesen Einsatz sein würden. Das kann sich keine Regierung leisten, schon gar nicht ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl.

Deutschlandradio Kultur: Ein anderes Stichwort ist das Kosovo. Wie geht es dort weiter? Dort stellt Deutschland zurzeit etwa 2.500 Soldaten bei der Nato-Schutztruppe KFOR. Müssen wir uns da jetzt nach der Unabhängigkeit des Kosovo auf einen verstärkten Einsatz einstellen?

Gertz: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die Prognose ist sehr schwierig, weil die Rahmenbedingungen nicht völlig klar sind, dass man damit rechnen muss. Dass die Differenzen zwischen den Serben und den Albanern über dieser Unabhängigkeitsfrage zu möglicherweise mehr Zwischenfällen führen, liegt nahe. Aber inwieweit das tatsächlich stattfinden wird, weiß kein Mensch. Vorsorge muss natürlich dafür getroffen werden. Ob das aber auf Dauer notwendig ist, wird erst die Zukunft zeigen.

Es wird auch davon abhängen, ob für den Verbleib der europäischen Truppen im Kosovo eine hinreichende Rechtsgrundlage gefunden werden kann, denn sich auf das alte UN-Mandat zu berufen, ist doch ziemlich fraglich. Und eine Einladung der Regierung des Kosovo als Grundlage ist auch zumindest schwankender Boden. Also, das ist ein bisschen schwierig. Vermutlich wird man sich irgendwie auf dieser Basis verständigen. Denn der Kosovo ist allein derzeit nicht lebensfähig und die Präsenz der internationalen Truppen machte einen ganz wesentlichen Teil des Bruttoinlandsprodukts des Kosovo aus. Wenn wir die morgen abziehen würden, gäbe es nicht nur Instabilität ohne Ende, sondern es gäbe noch das totale wirtschaftliche Chaos. Das wissen auch die Albaner, dass sie das nicht riskieren können. Also, man wird sich vermutlich auf einer vernünftigen Basis miteinander verständigen. Und die Serben, das ist meine Prognose, werden auf Sicht erkennen, dass sie den Prozess nicht wirklich aufhalten können.

Deutschlandradio Kultur: Nun gibt es einige EU-Staaten, die das Kosovo anerkennen wollen oder schon haben, andere, die das nicht tun werden. Kann das gut gehen, wenn die dann gemeinsam vereint sind im Einsatz im Rahmen der KFOR-Truppe?

Gertz: Ja, mir fällt natürlich gleich das Mazedonien-Problem ein. Da haben wir ja auch die Besonderheit, dass insbesondere unsere griechischen Freunde förmlich darauf bestehen, dass dieser Staat "frühere jugoslawische Republik Mazedonien" genannt wird, ein Kunstgebildet, das die halbe Welt schwachsinnig findet, das aber aus politischen Gründen benutzt wird. Also, es gibt Differenzen auch in anderen Zusammenhängen. Trotzdem geht man, was zum Beispiel den Aufbau Mazedoniens und dessen Stabilisierung angeht, vernünftig miteinander um. Das kann trotz der Meinungsverschiedenheiten über die staatliche Anerkennung auch im Kosovo gelingen. Allerdings haben wir hier das Problem, dass natürlich insbesondere die Russen nach wie vor auf der serbischen Seite sind und auch im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und auch mit ihrem politischen Einfluss alles zu verhindern versuchen werden, was zu einer politischen Stabilisierung des Kosovo beiträgt.

Mir ist noch nicht ganz wohl bei der Idee, dass wir in Europa neue Zwergstaaten schaffen, von denen wir ziemlich genau wissen, dass sie eigentlich gar nicht lebensfähig sind. Ob das die Perspektive ist, weiß ich nicht. So eine Art europäisches Protektorat, was es dann mehr oder weniger mit der Anwesendheit europäischer Truppen sein wird, ist ja auch nicht die Zukunftslösung. Das ist unser Hauptproblem auf dem Balkan, dass es an politischen Konfliktlösungsmodellen fehlt, mit denen alle Beteiligten irgendwann mal leben können.

Deutschlandradio Kultur: Deutschland muss immer mehr Aufgaben im internationalen Geschäft übernehmen. Ist die Bundeswehr eigentlich richtig darauf vorbereitet, wenn wir an Ausbildungsstand und an Ausrüstung denken? Klar, Sie als Vorsitzender des Bundeswehrverbandes werden immer mehr Geld fordern und sagen, der Etat muss erhöht werden. Bleiben wir mal realistisch: Können wir mit den derzeitigen Mitteln die politischen Aufgaben alle erfüllen?

Gertz: Ja, da gibt es natürlich das berühmte Rollenverhalten. Wenn ein Sprecher der Bundesregierung über das Thema redet, dann wird er ständig über die Segnungen predigen, die die Bundesregierung den Soldaten hat zukommen lassen. Und dann wird immer behauptet, das sei alles paletti. Das ist natürlich dummes Zeug. Es ist nach wie vor so, dass wir bei der Ausrüstung unserer Soldaten von der Hand in den Mund leben. Und wenn wir 200 Mann zusätzlich nach Afghanistan schicken als schnelle Eingreiftruppe, dann müssen wir Splitterschutzwesten aus dem Kosovo abziehen, damit wir in Afghanistan genügend haben. Das ist eigentlich peinlich ohne Ende. Wir haben auch nicht richtige Gefechtsfahrzeuge für die schnelle Eingreiftruppe. Jetzt wird überlegt, auf die Jeeps vom Typ Wolf dann Mörser zu montieren, damit man sich gegebenenfalls gegen die Taliban wehren kann, wenn angegriffen wird. Die Soldaten, die was davon verstehen, sagen mir, na ja, ob das die Wölfe, ob die Jeeps das lange aushalten, ist noch fraglich. Also, wir haben auch da nicht wirklich konkrete Vorbereitungen. Die Norwegen zum Beispiel haben kleine Radpanzer vom Typ Wiesel benutzt, haben darauf die Mörser montiert. Das macht wesentlich mehr Sinn. Ursprünglich war auch der Plan, sie von den Norwegern zu übernehmen – über Leasing oder Kauf. Ich bin mal gespannt, wie das am Ende ausgeht.

Es zeigt, dass wir jedes Mal, wenn wir eine zusätzliche Aufgabe übernehmen, erst wieder anfangen müssen die Ausrüstung dafür bereit zu stellen, ganz zu schweigen davon, dass wir nach wie vor nicht über digitalen Funk verfügen, dass unsere Führungssysteme nach wie vor nicht funktionsfähig und nicht kompatibel mit denen unserer Verbündeten sind. Ich könnte jetzt eine endlose Litanei aufzählen. Natürlich gibt es auch Dinge, die bei uns gut, vernünftig und auf der Höhe der Zeit sind, aber die fallen mir gerade nicht ein.

Deutschlandradio Kultur: Oberst Gertz, wir danken für das Gespräch.

Tacheles

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