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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.06.2007

Gerster: Iran will "Scharia-Staat" im Gazastreifen begründen

Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft fordert schnellen Krisenplan

Moderation: Hanns Ostermann

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Hamas-Kämpfer besetzen das Büro von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Gaza. (AP)
Hamas-Kämpfer besetzen das Büro von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Gaza. (AP)

Angesichts der dramatischen Situation im Gazastreifen hat der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Johannes Gerster, die internationale Gemeinschaft aufgefordert, schnell zu handeln. Zugleich zeigt sich Gerster besorgt, der Iran wolle Einfluss im Gazastreifen nehmen und dort einen "Scharia-Staat" aufbauen.

Hanns Ostermann: Vielleicht löst der Bruderkrieg das Problem ja von selbst. So oder ähnlich denkt derzeit mancher, wenn er über den Konflikt im Nahen Osten spricht, über die Lage im Gazastreifen, Im Westjordanland. Eindeutig die Position Israels, der USA und Europas. "Wir unterstützen die Fatah und Mahmud Abbas, den Präsidenten der Palästinenser." Aber was geschieht mit jenen, die Hamastan, den Gazastreifen verlassen wollen? Ist eine friedliche Lösung unwahrscheinlicher denn je? Fragen, über die ich mit Johannes Gerster reden möchte. Er ist Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Guten Morgen Herr Gerster!

Johannes Gerster: Guten Morgen!

Ostermann: Israel plant ein Wirtschaftsembargo für den Gazastreifen. Ist das Abriegeln, das Austrocknen wirklich die einzige Möglichkeit, die Hamas zum Einlenken zu bewegen?

Gerster: Zunächst einmal muss man ja feststellen, dass der Iran sein erstes Ziel erreicht, nämlich im Gazastreifen einen Scharia-Staat zu begründen, also einen, der auf religiösem Fanatismus aufbaut. Das wird weiter gehen und der Versuch zumindest in der Westbank und im Libanon. Punkt 1! Punkt 2: Natürlich ist ein reines Abriegeln keine Lösung. Dort leben 1,5 Millionen Menschen, die man ja nicht einfach verhungern lassen kann.

Ostermann: Das ist der entscheidende Punkt. Leidtragende der letzten Tage sind die Menschen im Gazastreifen, etwa 1,4 Millionen, überwiegend bettelarm und hin- und hergeschoben. Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Gefahr einer humanitären Katastrophe?

Gerster: Die Gefahr ist da und jetzt sind halt intelligente Lösungen gefordert. Jetzt muss das Quartett auf den Plan treten und es führt überhaupt kein Weg mehr daran vorbei, mit dem Iran zunächst einmal zu reden, denn da liegt der Schlüssel des ganzen Unglücks. Dieser Herr redet nicht nur so, wie er wahrgenommen wird, sondern es wird jetzt deutlich, dass er den israelisch-palästinensischen Konflikt benutzt für seine Ziele, nämlich statt weltoffene arabische Staaten zuzulassen, fanatische Staaten mit zu produzieren, die eher ins Mittelalter passen als in unsere Neuzeit.

Ostermann: Herr Gerster, wer soll denn mit dem Iran reden? Der amerikanische Präsident, der gestern Nacht oder heute Nacht zusammentraf mit dem israelischen Ministerpräsidenten? Der ist doch ganz offensichtlich dazu nicht bereit.

Gerster: Ja, gut. Der hat ja jede Menge Autorität verspielt auch im Nahen Osten. Außerdem ist er ja gebunden im Irak. Von diesem Präsidenten ist meines Erachtens nicht mehr viel zu erwarten. Deswegen der Vorschlag, dass das Quartett USA, Europa, Russland und die UNO möglichst schnell und zwar hochkarätig zusammentreten muss, um hier einen Krisenplan zu entwickeln, wie man auf der einen Seite verhindert, dass in der Westbank das gleiche passiert, und auf der anderen Seite eben sicherzustellen, was kann, was muss geschehen, damit es eben nicht diese humanitäre Katastrophe im Gazastreifen gibt, die wir alle befürchten.

Ostermann: Und dass vom Gazastreifen aus mit Unterstützung des Iran möglicherweise so etwas wie ein Flächenbrand entsteht, würden Sie diese Gefahr ausschließen?

Gerster: Nein, die beschreibe ich gerade, und zwar deshalb, weil der Iran mit Ölmilliarden, mit viel Munition und Waffen eben um Israel herum einen Panzer aufbauen will und das auf der Basis eines ideologischen, fanatischen, islamistischen Staates. Das heißt, nichts tun würde ja nicht nur bedeuten eine humanitäre Katastrophe für die Menschen in Gaza, sondern würde bedeuten, dass er seine Kreise weiter zieht und der nächste Dominostein fällt: entweder in der Westbank oder im Libanon.

Ostermann: Welche Pläne hat Israel eigentlich mittelfristig? Wie wahrscheinlich ist es, dass der neue Verteidigungsminister die Armee in den Gazastreifen einmarschieren lässt?

Gerster: Israel will nicht. Das weiß ich definitiv. Das galt sowohl für den alten Verteidigungsminister; das gilt auch für Ehud Barak. Das gilt auch für Olmert. Die wollen nicht. Aber stellen Sie sich vor, es würde ein Raketenhagel auf Israel runtergehen. Dann ist ja die Frage, was sollen sie denn tun. Sollen sie die Brust frei machen und sagen herzlich willkommen die Raketen, oder aber müssen sie schon, um dem Druck der eigenen Bevölkerung Stand zu halten, militärisch reagieren. Sie wollen es nicht, aber niemand weiß, was morgen passiert, denn es ist ja wirklich Tatsache, dass über die Philadelphia-Line, also zwischen Ägypten und Gaza, eine gewaltige Aufrüstung erfolgt, so wie ja heute auch im Libanon die Hisbollah mehr aufgerüstet ist als vor dem Libanon-Krieg im letzten Jahr.

Ostermann: Viele nicht zuletzt Spitzenpolitiker der Europäischen Union fordern einen neuen Dialog aller Parteien inklusive der Hamas, auch Syriens. Ist das naiv?

Gerster: Das halte ich für sehr naiv. Das hat auch der frühere Botschafter Avi Primor, den ich sehr schätze, gesagt. Und zwar deshalb, weil ja in der arabischen Welt jeder Sieg ohnehin als Ermunterung gilt, das eigene aggressive Werk weiterzuführen. Das ist ja gewissermaßen eine Art Belohnung jetzt. Während die Welt bisher die Hamas boykottiert hat, wird nach einem militärischen Exodus jetzt praktisch Hamas belohnt mit Gesprächen. Das ist meines Erachtens das falsche Signal. Das muss man auf Wegen der Geheimdiplomatie etwas geschickter, etwas intelligenter angehen, als jetzt gewissermaßen eine Art Zubrot zu geben zu dem, was die Hamas im Gazastreifen an üblen Dingen angerichtet hat.

Ostermann: Johannes Gerster, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Haben Sie vielen Dank!

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