Mittwoch, 22.11.2017

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 16.10.2013

Geplatze Träume in Perm

Im "System Putin" stockt der Wandel einer russischen Provinzstadt in eine moderne Kulturmetropole

Von Andrea Rehmsmeier

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"Kapitän Stalin führt uns von Sieg zu Sieg", steht auf einem Plakat, das im ehemaligen Straflager Perm aufgestellt war. (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)
"Kapitän Stalin führt uns von Sieg zu Sieg", steht auf einem Plakat, das im ehemaligen Straflager Perm aufgestellt war. (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)

Mekka für moderne Kunst und Bürgerrechte – das war die kühne Vision russischer Künstler und Intellektueller für die Provinzhauptstadt Perm. Doch seit Putins Wiederwahl konnten viele Initiativen nicht weitergeführt werden. Nun sucht man nach neuen Wegen - so mancher auch im Ausland.

An der Uferpromenade drängeln sich die Touristen: Die "MS Gogol" legt ab, und verabschiedet sich von den Winkenden mit einer spektakulären Show: Ein Steward mit Mikrophon gibt Seemanns-Schnulzen zum Besten, die uniformierten Crew-Mitglieder schwingen an der Reling neckisch das Tanzbein.

In den Sommermonaten, wenn die gleißende Sonne auf dem gemächlich dahinziehenden Wasser des Stroms Kama flimmert, verwandeln sich die Ufer der Ural-Stadt Perm in eine Vergnügungsmeile: Familien promenieren, Paare küssen sich, Buden laden zu Schaschlik und Bier ein.

In der City der Millionenstadt quält sich die übliche Autokolonne von Ampel zu Ampel. Marina Kislenko ist auf dem Weg ins Büro, in die Kulturagentur Ergo. Die 43-Jährige ist niedergeschlagen und wütend. Sie gehört zu einer Gruppe von Intellektuellen und Bürgerrechtlern, die seit vielen Jahren für ein anderes Perm kämpfen.

Sie träumt von einer Kulturstadt mit internationalem Renomee, die ihre Bürger durch moderne Kunst, hochkarätige Festivals und eine lebendige Streitkultur zur Teilnahme am politischen Leben ermuntert. Im Sommer 2013, so scheint es der Kulturmanagerin, ist dieser Traum geplatzt.

"Mir ist zum Heulen zumute. Denn wir haben wirklich gekämpft. Früher hat unsere kleine Agentur kleine Konzerte organisiert – und dann wurden daraus große Festivals. In Perm hatten wir etwas Wunderbares – aber ich ahne, dass diese Zeit vorbei ist, und nicht wiederkommen wird. Das ist bitter."

"Kulturrevolution!", lautete die Parole, die die Provinzhauptstadt am Ural in eine moderne, europäische Metropole verwandelt sollte – eine kühne Idee, denn zur Sowjetzeit war Perm vor allem bekannt als Standort für Straflager und Rüstungsindustrie. Vordenker war der prominente Galerist Marat Gelman, der als Leiter des Museums für Zeitgenössische Kunst provokative neue Impulse in der Permer Kulturszene setzte. Doch im Juni 2013 erhielt er vom Permer Kulturministerium sein Entlassungsschreiben.

Kaum vier Wochen später verlor die "Kulturrevolution" ein weiteres Flaggschiff: Das internationalen Festival "Pilorama", das in Perm seit Jahren mit Rockmusik und Theater ein lautstarkes Zeichen für Demokratie und Menschenrechte setzt, wurde in diesem Sommer wegen gestrichener öffentlicher Gelder kurzfristig abgesetzt. Seitdem, so scheint es der Kulturmanagerin Kislenko, ist die Stadt eine andere. An einer der Hauptverkehrsstraßen am Stadtrand lässt sie ihren Hyundai in eine Haltebucht rollen.

"Das ist unser umstrittenstes Kunstobjekt: "Buchstabe P", der Anfangsbuchstabe der Stadt Perm."

Vor der Windschutzscheibe erhebt sich eine riesige Skulptur: Hunderte Holzbalken – wie durcheinandergewirbelt und in der Luft eingefroren – bilden auf kyrillisch den Anfangsbuchstaben der Stadt Perm nach: P. Das Kunstobjekt wirkt wie ein modernes Stadttor: extravagant, ironisch und weit entfernt vom traditionell geprägten russischen Kunstbegriff.

"Die Leute hier sagten: 'Oh, wie viele Häuser hätte man aus dem schönen Holz bauen können!'. Natürlich ist das provokant gemeint: Wenn man Menschen in Bewegung bringen will, dann muss man sie ein wenig provozieren!"

Auch sonst hat die Kulturrevolution Spuren hinterlassen: Im Stadtkern setzen moderne Skulpturen einen verspielten Kontrapunkt zu Prunkbauten und Altstadtfassaden: Vor dem quaderförmigen Konzertsaal der Philharmonie tanzen kopflose rote Strichmännchen, vor der Bibliothek zeigt ein angebissener Riesenapfel unappetitlich braunes Fruchtfleisch aus Ziegelsteinen. Die Kunstobjekte haben Stadtgeschichte geschrieben: Viele Bürger waren abgestoßen von dem ungewohnten Anblick. Doch so heftig der Permer Kunststreit zwischen Empörten und Begeisterten entbrannte, so jäh fand er sein Ende.

Im März vergangenen Jahres wurde Vladimir Putin zum Präsidenten der Russischen Föderation wiedergewählt. Zufall oder nicht: Keine zwei Monate später trat der langjährige Gouverneur des Permer Gebiets, Oleg Tschirkunov, von seinem Amt zurück. Der Kunstliebhaber hatte die kulturellen Ambitionen der Stadt mit Leidenschaft und viel Steuergeld unterstützt. War es Putins langer Arm, der den eigenwilligen Regionalpolitiker vorzeitig aus dem Amt schubste? Martina lacht sarkastisch.

"Er hat seinen Rücktritt erklärt, als bei uns die Gouverneurswahlen kurz bevorstanden. Die Regierenden in Moskau stellen doch jetzt nur solche Gouverneure auf, die ihnen gefügig sind. Tschirkunov also ist "freiwillig" zurückgetreten ... jaja, freiwillig, wie es bei uns so schön heißt. Dabei ist eigentlich klar, dass bei uns niemand freiwillig zurücktritt."

Auf Monitoren flimmern psychedelische Farbgewitter, Stromkabel wackeln wie aufgeregte Hundeschwänze, zusammengenähte Puppenköpfe verstören als missgebildete Spielzeuge: Die Ausstellungen im Permer Kunstmuseum sind provokativ, mystisch, und zuweilen auch albern. Die grelle Mischung scheint ihr Publikum zu finden: Das Museum ist gut besucht. Ja, die Kulturrevolution hat die Stadt geprägt, glaubt der stellvertretende Museumsleiter, Michael Surkov.

"Der Nerv der Kulturrevolution war der Kampf gegen die Leute, die nur in die Vergangenheit schauen. Wir wollten eine Zukunft, die das Ergebnis einer Entwicklung ist - und nicht eine Rückbesinnung."

Surkovs Rundgang führt an einer Galerie mit verfremdeten Schwarz-Weiß-Fotos vorbei, die deformierte Militärs dem Spott des Betrachters aussetzen. Solch fröhliche Respektlosigkeit ist riskant geworden, seit in Perm der neue Gouverneur Viktor Basargin regiert – das hat die Entlassung des Museumsdirektors im Juni gezeigt. Der Grund: Im Rahmen des Permer Stadtfestes "Weiße Nächte" hatte Gelman die satirischen Russland-Plakate von Vassilij Slonov öffentlich ausstellen wollen: mit der Matrjoschka-Puppe als Handgranate, und den Olympischen Ringen der Winterspiele 2014 in Sotschi als Galgenstricke.

"Das war das letzte Aufflackern der Kulturrevolution: Während das Stadtfest noch lief, haben sie Marat entlassen. Und das, obwohl die Regionalverwaltung ihn im Februar geradezu überredet hatte, sich bei der Organisation von "Weiße Nächte" einzubringen. Das Fest war noch nicht zu Ende, da standen bei uns die Staatsanwälte und eine Menge anderer Inspektoren vor der Tür, um die Verwendung der staatlichen Fördermittel zu kontrollieren – zu einer Zeit, als wir noch mitten in den Abrechnungen steckten."

Die zeitaufwendigen Inspektionen scheinen System zu haben: Auch Marina Kislenko und andere Mitorganisatoren des Stadtfestes klagen über gehäufte Besuche von Staatsbeamten, die mit ihrer ständigen Anwesenheit die Arbeit blockieren, und mit ungerechtfertigten Anschuldigungen den guten Ruf ruinieren. Marat Gelman hat Perm inzwischen verlassen – ebenso wie Ex-Gouverneur Oleg Tschirkunov und andere Vordenker der Kulturrevolution. Für die Zurückgebliebenen, sagt Surkov, laute die Devise jetzt: Irgendwie weitermachen.

"Zurzeit der Kulturrevolution war ich Optimist. Heute bin ich Realist. Jetzt steht erstmal die Restaurierung des Museumsgebäudes auf dem Plan. Das Gebäude zerfällt geradezu vor den Augen – und die Gesetze der Physik kann auch unsere Regierung nicht ändern."

Die "Weißen Nächte" waren nicht das einzige Festival, mit dem das Permer Kulturministerium eigensinnigen Kulturschaffenden in diesem Jahr eine Lektion erteilte. 120 Kilometer östlich von Perm, dort, wo nur noch selten ein versprengtes Dorf die sattgrünen Wälder des Ural unterbricht, erheben sich zwischen Stacheldraht und Backstein-Baracken die Wachttürme des ehemaligen Straflagers Perm-36. Auf dem grasüberwucherten Gelände steht eine zierliche Frau, und blickt über den leeren Platz.

"Vor uns liegt das damals besonders streng bewachte Territorium für die politischen Häftlinge des damaligen Straflagers. Hier haben in den vergangenen Jahren bis zu 5000 junge Leute ihre Zelte aufgebaut - das ging bis zu den Bäumen da hinten. Und dort, am Fluss, stand die Tribüne für die Rockmusik-Konzerte."

Wenn es nach Tatjana Kursina gegangen wäre, der Geschäftsführerin des "Memorial Museum für die Geschichte der politischen Repressionen Perm-36", dann hätten auch in diesem Sommer Rockbands und Theatergruppen hier ihre Auftritte gehabt.

Doch "Pilorama" - das eigenwillige Permer Festival auf einem Gulag-Gelände, das bislang jedes Jahr zwischen 8000 und 15.000 Besucher in die Stacheldraht-umzäunte Einöde lockte - musste in diesem Jahr kurzfristig abgesagt werden: Das Kulturministerium hatte das Budget zwei Wochen vor Veranstaltungsbeginn um die Hälfte gekürzt. Statt Festivalstimmung gibt es jetzt eine private Gedenkstätten-Führung für die Referenten, die extra nach Perm gereist waren, um in Podiumsdiskussionen über aktuelle Fragen der Politik zu streiten.

"Hier stehen wir auf dem Platz, wo früher das Sägewerk stand. Es ist ein legendärer Ort, denn er hat dem Festival seinen Namen gegeben, das wir seit 2005 alljährlich veranstalten. Leider mussten wir "Pilorama" in diesem Jahr absagen – aus einer Reihe von Gründen."

"Pilorama", deutsch: Sägewerk. Der Festival-Name gedenkt Tausender politischer Häftlinge, die hier zur Sowjetzeit eingepfercht waren, um bei Hungerrationen, brütender Hitze und sibirischer Kälte Wälder zu roden. Perm-36 wird von einer Nichtregierungsorganisation getragen, und ist das einzige historische Straflager russlandweit, dessen gut erhaltene Gebäude heute als Museum Zeugnis ablegen von den Unterdrückungsmethoden des Sowjetstaates.

"Ich muss jetzt auch mich wieder aufbauen"

Als lautstarkes Zeichen gegen den totalitären Machtmissbrauch, war das Pilorama-Festival in der Regierungszeit von Ex-Gouverneur Tschirkunov mit öffentlichen Geldern finanziert worden. Dass bei den Podiumsdiskussionen regelmäßig auch Oppositionspolitiker zu Wort kamen, war nie ein Problem gewesen. In diesem Jahr jedoch, erzählt Museumsleiterin Kursina, kam es anders.

"Zwei Wochen vor Veranstaltungsbeginn informierte man uns, dass die Finanzierung um die Hälfte gekürzt worden war. Das alles kam völlig überraschend für uns. Die fehlende Summe hätten wir in der kurzen Zeit nicht auffüllen können. Und auch in Sicherheits- und Brandschutz-Fragen sind wir ja auf die Regionalverwaltung angewiesen. An Ende haben wir das Festival von uns aus abgesagt – alles andere wäre abenteuerlich gewesen. Die Zeit ist uns weggelaufen."

Nein, die drastische Budgetkürzung hatte keinen politischen Hintergrund, beteuert ein Beamter der Regionalregierung, der sich unter die Gruppe gemischt hat, und jetzt von den enttäuschten Pilorama-Fans mit Fragen bedrängt wird.

Er verweist auf Formfehler und Fristverletzungen. Doch wer den monatelangen Behördenkrieg im Vorfeld des Festivals selbst mitgemacht hat, kann das kaum glauben.

Zoja Lukianova sitzt in einem Cafe in der Permer Innenstadt und zieht tief an ihrer Zigarette. Nach den stressigen Wochen, die hinter ihr liegen, hat sich die junge Bürgerrechtsaktivistin heute in Shirt und Jeans gekleidet.

"Hier beobachte ich nicht zum ersten Mal eine Strategie der Verwaltung, wo die Sachen, wenn sich nicht gewünscht sind, einfach hinausgezögert werden. Die Termine werden verschoben, die Gespräche finden nicht statt, klare Aussagen werden nicht gemacht, man ist telefonisch nicht zu erreichen, man ist schriftlich nicht zu erreichen, und - es ist einfach mal enorm schwierig, weil man hat mit Hindernissen zu kämpfen, die aus meiner Perspektive künstlich gebaut werden. Und man merkt, wenn man auf die Dauer in der Situation arbeitet, es geht einem selbst nicht gut. Man zweifelt an den eigenen Kräften, man verliert die Motivation. Man hat unglaubliche Schuldgefühle, und alles das, was man auf sehr persönlicher Ebene empfindet."

Zoja Lukjanova leitet die Permer Nichtregierungsorganisation "Institut für Bürgerliches Engagement". Ihr Beitrag zum diesjährigen Pilorama-Programm hätte eine Workshop-Reihe für über hundert junge Leute aus dem In- und Ausland sein sollen – ein riesiger Organisationsaufwand allein schon wegen Visabeschaffung und Reiseroutenplanung. Doch am Ende verweigerte das Kulturministerium die Genehmigung wegen einer Kostentabelle, die vier Stunden nach Fristablauf eingereicht worden war.

"Das, was jetzt in der Region passiert, sind sehr klare Auswirkungen der allgemeinen russischen Politik. Das Gesetz über ausländische Agenten, das letztes Jahr in Kraft getreten ist, im November - Misstrauen der Gesellschaft gegenüber den ausländischen Organisationen und Misstrauen gegenüber der internationalen Arbeit. Ich glaube, dass die Veranstaltungen, die Zivilgesellschaft plus die internationale Dimension verbinden, ganz einfach mal auf der Alarmliste stehen. Und nicht gewünscht sind."

Ja, Zoja Lukjanova begrüßt die Entscheidung der Pilorama-Veranstalter, bestimmte Programmpunkte des Pilorama-Festivals im Laufe des Jahres nachzuholen. Ja, sie teilt sogar die Hoffnung, dass Pilorama 2014 in gewohnter Größenordnung stattfinden wird – wenn nicht mit öffentlichen Geldern, dann eben mit Unterstützung aus der Wirtschaft. Nur sie selbst wird dann nicht mehr dabei sein. Unter einer Regierung, die Bürgerengagement mit Bürokratie erstickt, will Zoja Lukianova nicht arbeiten. Sie wird wohl eine Stelle in Berlin annehmen, und voraussichtlich nicht nach Perm zurückkehren.

"Es geht einfach einem selber nicht gut. Man zweifelt an den eigenen Kräften, man hat unglaubliche Schuldgefühle. Es ist wirklich: Bleibe ich, weil ich an die helle Zukunft glaube? Oder man trifft die Entscheidung für sich, wo man sagt: Mensch, ich will aber nicht 20 Stunden um die Uhr arbeiten, und dreimal meine Veranstaltung verlegen, weil sie schon zweimal verboten worden ist. Die Entscheidung, die ich jetzt treffe: Ich muss jetzt auch mich wieder aufbauen, ich muss jetzt mich woanders weiterentwickeln, die Perspektive wechseln. Das wird nicht in Perm sein."

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