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Frühkritik | Beitrag vom 28.07.2017

George Pelocanos: "Hard Revolution"Die mörderischen Aspekte des Rassismus

Von Ulrich Noller

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Cover: "Hard Revolution" von George Pelecanos, im Hintergrund: 5. Mai 1968 in der sogenannten "Resurrection City", einer Zeltstadt in Washington DC, die von der Initiative "Poor People’s Campaign" - u. a. geleitet von Martin Luther King - errichtet wurde. (ars vivendi / imago / ZUMA / Keystone)
Cover: "Hard Revolution" von George Pelecanos, im Hintergrund: 5. Mai 1968 in der sogenannten "Resurrection City", einer Zeltstadt in Washington DC, die von der Initiative "Poor People’s Campaign" - u. a. geleitet von Martin Luther King - errichtet wurde. (ars vivendi / imago / ZUMA / Keystone)

Washington, 1968: Während sich unter dem Eindruck des Attentats auf Martin Luther King die Atmosphäre in der Stadt aufheizt, muss ein schwarzer Polizist die Ermordung eines Schwarzen durch drei Weiße aufklären. Zeitgeschichte und Krimi in einem und eine "absolut lohnenswerte Lektüre".

Ist das überhaupt ein Krimi? Man könnte ins Zweifeln kommen, anfangs zumindest, bei der Lektüre von George Pelecanos' "Hard Revolution": Um die 80 Seiten dauert es, bis erste Andeutungen in die Richtung "Krimi" erfolgen, und nochmal fast genau so lang, bis es dann – endlich – richtig losgeht. Wobei "richtig" relativ ist: Die gesellschaftlichen (und politischen) Strukturen des Verbrechens sind bei diesem Autor omnipräsent, die konkreten Taten werden beiläufig, fast am Rande erzählt. Und es sind auch eher "beiläufige" Verbrechen, für die Pelecanos sich interessiert: der scheiternde Überfall auf einen Laden, Drogengeschäfte aller Art, ein dilettantisch geplanter Banküberfall – und ein schwarzer Jugendlicher, der von ein paar Weißen totgefahren wird, die ihn eigentlich bloß erschrecken wollten.

Aufarbeitung der Rassenkonflikte in den USA

George Pelecanos, geboren 1957, ist einer der bekanntesten und besten Genreautoren der USA, einige seiner Romane wurden in den letzen zehn, fünfzehn Jahren ins Deutsche übersetzt, durchsetzen konnte er sich bedauerlicherweise nie. Jetzt wagt der Verlag Ars Vivendi mit "Hard Revolution" einen neuen Versuch. Der Roman erschien im Original schon 2004, hat seitdem aber kein Körnchen Staub angelegt, weil George Pelecanos einer der großen Könner seines Metiers ist – und wegen des nach wie vor beziehungsweise wieder hoch brisanten Themas: Der Roman arbeitet den US-amerikanischen Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen auf – mit Blick auf das Jahr 1968 und die Stadt Washington D.C., wo nach der Ermordung Martin Luther Kings im April 1968 massive Unruhen ausbrachen.

Gesellschaftliche Prozesse ausleuchten

Verbrechen und Aufklärung stehen bei Pelecanos nicht im Zentrum. Sie dienen eher als Motor, um gesellschaftliche Prozesse und Situationen ausleuchten zu können. Beeindruckend an "Hard Revolution" ist vor allem anderen, wie sorgsam, detailfreudig und respektvoll George Pelecanos von den Menschen erzählt, die ihm dazu dienen, die Strukturen der Zeitgeschichte sichtbar zu machen, bis hin in die kleinsten Neben-Nebenrollen. Zum Beispiel, wenn Alex Koutris, der von der griechischen Insel Naxos stammt, kurz vor dem Ende des Romans seinen kurzen, aber prägnanten Auftritt hat. Im Zentrum des Geschehens steht Derek Strange, ein Junge aus dem Schwarzengetto, der davon träumt Polizist zu werden und seinen Plan auch in die Tat umsetzt, zumindest eine zeitlang; Pelecanos-Leser kennen ihn aus anderen Romanen da war er dann Polizist, arbeitet als Detektiv.

Die mörderischen Aspekte des Rassismus waren im Prinzip schon immer ein mehr oder minder zentrales Thema in der US-Genreliteratur. Zuletzt gab es aber eine regelrechte Welle von Romanen großer Autoren, die dies Thema zwar fiktional, aber auf Basis dokumentarischer Mittel aufarbeiten. Bedenkt man, dass "Hard Revolution" bereits Anfang der 2000er-Jahre erschien, darf man diesen Roman durchaus als Vorläufer betrachten, auch insofern also eine absolut lohnenswerte Lektüre.

George Pelecanos: "Hard Revolution"
Verlag Ars Vivendi, Cadolzburg 2017
398 Seiten, 24 Euro

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