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Samstag, 18.11.2017

Thema / Archiv | Beitrag vom 04.06.2010

Georg Kreisler freut sich über Anerkennung als Schriftsteller

Designierter Träger des Hölderlin-Preises sieht sich nicht mehr als Kabarettist

Georg Kreisler im Gespräch mit Joachim Scholl

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Georg Kreisler (Deutschlandradio/ Bettina Straub)
Georg Kreisler (Deutschlandradio/ Bettina Straub)

Vor der Verleihung des Hölderlin-Preises der Stadt Homburg am kommenden Sonntag hat der diesjährige Preisträger Georg Kreisler die Bedeutung der Auszeichnung betont. Er selbst sei ein großer Bewunderer Hölderlins, erklärte der Schriftsteller.

Joachim Scholl: Heute ist er 87 Jahre alt und will eigentlich gar kein Sänger mehr sein. Am liebsten nennt sich Georg Kreisler einen Schriftsteller. Geboren 1922. In Wien hat er ein langes und dramatisches Leben hinter sich. Sein Werk, die Bücher, die Stücke, die Lieder, die Programme – das ist alles kaum zu überblicken. Dafür, für sein Lebenswerk, bekommt er am kommenden Sonntag von der Stadt Homburg den mit 20.000 Euro dotierten Friedrich-Hölderlin-Preis. Guten Tag, Herr Kreisler.

Georg Kreisler: Guten Tag!

Scholl: Die Jury rühmt in der Begründung für den Preis einen wissenden Spott, den scharfen Blick auf die Zeit, das satirische Vermögen und den melancholischen Esprit. Finden Sie sich gut charakterisiert?

Kreisler: Ich kann es nicht beurteilen. Also, ich denke an diese Dinge nicht, während ich schreibe und auch nicht nachher, also, das muss ich den anderen überlassen.

Scholl:Was bedeutet Ihnen solch ein Preis? Das ist ja beileibe nicht der erste, der an Sie geht.

Kreisler: Na ja, sehr viel, weil ich ein großer Bewunderer von Hölderlin bin und der Hölderlin eigentlich vieles von dem, was ich fühle, schon gefühlt hat. Also, ich denke eher wie Hölderlin an einen Zuflüsterer, der mir zuflüstert, was ich komponieren oder schreiben soll, glaube an einen Gott, aber nicht an den Gott Hölderlins, der sich mehr mit den antiken Göttern befasste oder mit christlichem Begriff von Gott. Das tue ich nicht.

Ich finde, ein Undurchschaubarer, einer, der über unser aller Horizonten geht, flüstert mir da etwas zu und auch anderen Künstlern. Jedenfalls kann man den Ursprung nicht erklären und wahrscheinlich auch nicht so definieren, dass man Spötter sagt oder etwas Ähnliches.

Scholl:In Ihrer Lied-Poesie reimt sich schon mal Mali auf Zyankali – das ist nicht unbedingt ein Hölderlin-Vers, oder?

Kreisler: Nein, natürlich bin ich ... Ich lebe ja ... im 20. Jahrhundert habe ich ja gelebt, und nicht, wie Hölderlin, also, im 18.

Scholl:Ich meine, den Hölderlin-Preis, den haben schon Martin Walser, Peter Härtling oder auch Ihr Landsmann, der große Ernst Jandel, bekommen. Fühlen Sie sich in guter Gesellschaft?

Kreisler: Ja, natürlich. Darauf kommt es auch, glaube ich, gar nicht an, ich freue mich sehr, dass man in Homburg doch gesehen hat, dass ich nicht ein Kabarettist bin, also, der irgendwie in die Tagespolitik eingreift oder einer, den man nicht ganz ernst nehmen soll, sondern mich also geehrt hat mit einem Preis eines großen Dichters.

Scholl:Wer sind denn so Ihre literarischen Hausgötter? Von Ihrer Beziehung zu Hölderlin haben Sie jetzt schon erzählt. Gibt es da noch welche?

Kreisler: Meine Vorbilder sind Nestroy oder Ringelnatz oder Morgenstern, diese Leute, also schon eher Satiriker. Aber ich muss sagen, ich habe nicht so viel Satirisches geschrieben, glaube ich, es wechselt bei mir sehr ab.

Scholl:Warum mögen Sie das eigentlich nicht hören, Herr Kreisler, wenn man Sie einen Kabarettisten oder Musiker oder Chansonnier nennt? Das hat sie doch berühmt gemacht schließlich, oder sind das für Sie abgeschlossene Kapitel?

Kreisler: Zum Teil ist es auch ein abgeschlossenes Kapitel, ja, ich habe im Jahr 85 oder so aufgehört, Lieder zu schreiben, und zwar einfach aus dem Grund, weil mir da nichts mehr eingefallen ist, habe keine weiteren Hintergedanken. Es ist mir einfach nicht mehr gelungen, ein Lied zu schreiben so wie früher, und dann habe ich mich also mehr auf das Schriftstellerische konzentriert, habe also Bücher geschrieben und Stücke geschrieben.

Natürlich, in den Stücken kommen auch wieder Lieder vor, aber das ist etwas anderes, es ist ein anderes Gebiet. Und wenn man mich also jetzt als Kabarettisten bezeichnet, so greift man für mich ein bisschen zu weit zurück, und ich finde einfach die Bezeichnung falsch: Ein Kabarettist ist etwas anderes. Vielleicht kann man mich als früheren Kabarettisten bezeichnen, aber auch das wäre ... weil: Zur Tagespolitik habe ich nur ganz selten Stellung genommen.

Scholl:Sie haben einmal gesagt: Schöne Lieder sind eine Lüge. Ist schöne Literatur aber nicht auch eine? Hat Platon doch schon gewusst, oder?

Kreisler: Das habe ich gesagt? Da muss ich betrunken gewesen sein. Warum sollen schöne Lieder eine Lüge sein?

Scholl:Na, sehen Sie mal, das habe ich irgendwo gefunden, in einem Interview, einem ... Lange ist es her allerdings schon, Herr Kreisler.

Kreisler: Das kommt mir total fremd vor.

Scholl:Das ist gemein, wenn man plötzlich so einen Satz vorgehalten bekommt, oder?

Kreisler: Ja, ich kann mich nicht erinnern, es gesagt zu haben, aber wenn Sie es so sagen, wird es wohl so sein. Ich glaube Ihnen. Aber ich kann mich damit heute bestimmt nicht identifizieren.

Scholl:Georg Kreisler hier im Deutschlandradio Kultur, am Sonntag erhält er den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Viele Menschen, die uns jetzt zuhören, Herr Kreisler, werden vermutlich denken: Ach, Georg Kreisler, das ist doch der mit dem Taubenvergiften im Park. Und da kriegen Sie regelmäßig die Krise, wenn man Sie darauf anspricht, das klebt an Ihnen wie Kaugummi an der Schuhsohle und es ist nicht abzukriegen, oder?

Kreisler: Ja, aber ich bin absolut nicht böse darüber. Ich meine, das ist eine vor allem von Journalisten geschaffene Schublade, die immer wieder erwähnt wird, und daher ist es kein Wunder, dass die Leute es dann wiederholen, weil sie es in den Zeitungen lesen.

Es ist ein Lied, das ich in einem Nachmittag geschrieben habe und es war eines der wenigen aktuellen Lieder, weil damals diese Taubenplage in Wien in den Zeitungen stand und man diskutierte über das Taubenvergiften, also, ich habe da nichts Neues gesagt. Dass man mich nach wie vor damit identifiziert, ist, glaube ich, eine Frage, dass man mich eben in eine Schublade gelegt hat, die schon kurz danach nicht mehr gestimmt hat.

Scholl:Ich meine, man könnte es ja auch mal so sehen, also, wenn es für Sie ein bisschen doof ist, dass so die Bewunderer Sie immer wieder darauf ansprechen. Aber man kann es ja auch mal, wenn man so will, über die Jahrzehnte sehen: Also, ich bin jetzt knapp 50, Herr Kreisler – seitdem ich denken kann, kenne ich Ihre Sachen und finde Sie klasse. Für Sie sind natürlich viele Dinge einfach Tempi passati, weil sie auch schon so lange her sind, aber unsereins bedeutet es was. Zählt das gar nicht so für Sie?

Kreisler: Doch, das freut mich sehr. Man schreibt ja und freut sich dann nachher, wenn es einige Jahre überlebt hat. Es freut mich schon. Es ist gar nichts dagegen zu sagen, wenn man mich als Taubenvergifter bezeichnet, ich finde es nicht zutreffend, aber ich bin nicht böse darüber.

Scholl:87 Jahre sind Sie jetzt alt, Herr Kreisler.

Kreisler: Bald 88.

Scholl:Bald 88! Ich meine, ob Sie es wollen oder nicht – Sie sind ein lebender Klassiker. Wie wäre es mit ein bisschen Goethe-Bewusstsein?

Kreisler: Goethe-Bewusstsein?

Scholl:Den haben Sie jetzt schon sozusagen überlebt, Stichwort lebender Klassiker, meine ich.

Kreisler: Na ja, also, man kann sich selbst nicht als solchen bezeichnen. Man ist ja ständig unzufrieden mit sich selbst, deswegen ist ja Theaterkritik oder Literaturkritik eigentlich eine unzutreffende Sache, denn man ist sein eigener Kritiker, und man ist weit davon entfernt, sich als Klassiker zu bezeichnen, also, so etwas würde ich nicht im Traum daran denken.

Scholl:Ich meine, das ist vielleicht so ein Verhalten einfach der Nachgeborenen, die einfach bewundernd auf den Knien liegen. Wenn man so Ihre Vita durchblickt und durchmisst und die einzelnen Stationen anschaut und was Sie alles erlebt haben und wem Sie begegnet sind - also, für Charlie Chaplin haben Sie Klavier gespielt und in Marlene Dietrichs Garderobe haben Sie zusehen dürfen, wie die Diva sich umzog, wenn es denn stimmt.

Kreisler: Doch, das stimmt.

Scholl:Das stimmt wirklich, ja?

Kreisler: Ja, natürlich, in Versailles.

Scholl:Das können nicht viele Menschen von sich behaupten. Wie war das eigentlich?

Kreisler: Na ja, umgezogen ist vielleicht etwas übertrieben, aber sie hat sich die Strümpfe ausgezogen und Beine gezeigt.

Scholl:Das ist ja schon mal was. Und wie war das?

Kreisler: Ich war Soldat und Marlene Dietrich ist ja für die amerikanischen Truppen aufgetreten, und mein Vorgesetzter hat gesagt, komm, wir schauen uns die an. Ich war in (…) bei Paris, und da sind wir nach Versailles gefahren und haben Ihre Show gesehen.

Scholl:Ja, aber wie ...

Kreisler: Und nach der Show hat (…), also mein Vorgesetzter, ein Leutnant, gesagt, ich will Sie vielleicht mal, kann ich Sie engagieren? Wir waren alle in diesen Special Services, also Truppenbetreuung, tätig, und so bin ich mit ihm in die Garderobe gegangen. Ich hatte sie schon vorher kennengelernt bei einer Party bei Friedrich Hollaender, der damals mein Schwiegervater war.

Aber daran hat sie sich nicht erinnert und ich war zu schüchtern, es zu erwähnen, habe auch gar nicht mit ihr gesprochen, sondern der Leutnant, in dessen Begleitung ich war, der hat mit ihr gesprochen. Und währenddessen hat sie sich umgezogen und hat dann so ganz zwanglos mit ihm gesprochen, worüber, weiß ich nicht mehr, und wir sind dann wieder gegangen. Das war in Versailles im Zuge der Truppenbetreuung, also, ich erzähle Ihnen das so, wie es war.

Scholl:Und waren die Beine wirklich so sensationell, wie es immer heißt? Ich meine, man kennt sie von Bildern, aber Sie haben sie in echt gesehen.

Kreisler: Sie hat mich schon beeindruckt, weil man immer davon gesprochen hat, aber genau erinnere ich mich da natürlich nicht, das ist doch endlos lange her.

Scholl:Haben Sie sie später eigentlich mal wiedergesehen?

Kreisler: Nein, nie wieder.

Scholl:Herr Kreisler, wenn Sie jetzt nach Deutschland kommen, dann kommen Sie nach Bad Homburg, und das ist eine schöne Stadt im Hessischen, dort leben aber auch ganz viele reiche Leute. Es ist, glaube ich, die Stadt – neben Baden-Baden - mit der höchsten Millionärsdichte in Deutschland. Was werden Sie denn den Bad Homburgern in Ihrer Dankesrede für den Hölderlin-Preis mit auf den Weg geben?

Kreisler: Zwei Dinge. Ich werde mich natürlich über Hölderlin äußern, weil Hölderlin hat mir sehr viel bedeutet und schon seit langer Zeit, und zweitens werde ich mich also auch über die Kritik äußern, die an Hölderlin manchmal geübt wird und werde versuchen, diese zunichte zu machen.

Scholl:Also, Sie werden es ganz im Literarischen halten?

Kreisler: Ja, ja, natürlich. Es wäre unpassend, dort übers Taubenvergiften zu sprechen. Ich wüsste auch nicht, was ich dazu sagen sollte.

Scholl:Vermutlich. Dann wünschen wir Ihnen eine gute Reise und eine schöne Feier und, ja, Glückwunsch auch zu diesem Preis, Georg Kreisler!

Kreisler: Danke vielmals und danke für die vielen, schönen Sachen, die Sie mir jetzt gesagt haben.

Scholl:Gern geschehen!

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