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Studio 9 | Beitrag vom 18.08.2016

Genitalverstümmelung in Dagestan"Unzucht bekämpfen"

Von Oliver Soos

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Der russische Präsident Vladimir Putin zusammen mit Ismail Berdijew im März 2016.  (imago/ITAR-TASS)
Der russische Präsident Vladimir Putin zusammen mit Ismail Berdijew im März 2016. (imago/ITAR-TASS)

Der im Kaukasus einflussreiche Mufti Ismail Berdijew hat die weibliche Beschneidung als "normale Tradition" in der russischen Teilrepublik Dagestan bezeichnet. Der Mufti rechtfertigte sie mit der "Beruhigung der weiblichen Lust". Die Äußerungen sorgen in Russland für Kritik.

Genitalverstümmelung gibt es tatsächlich auch in der Russischen Föderation. Die Moskauer Menschenrechtsorganisation "Pravovaja Initiativa" hat eine Studie in den ländlichen Gebieten der muslimischen Nordkaukasus-Republik, Dagestan, durchgeführt. Das Ergebnis: Genitalverstümmelung ist an einigen Orten gang und gäbe.

Mädchen im Alter von bis zu drei Jahren werden die äußeren Geschlechtsorgane weggeschnitten, damit "unmoralisches Verhalten" von vornherein unterbunden wird. Die Operationen finden meistens in Privathäusern statt. Oft erleiden die Kinder danach Infektionen.

Der Bericht wurde auf der Homepage der Menschenrechtsorganisation veröffentlicht und sorgte für eine gewisse Aufmerksamkeit, die dann deutlich zunahm, als Ismail Berdijew sich zu Wort meldete, im Moskauer Radiosender "Govorit Moskva". Berdijew ist Mufti der Kaukasusrepublik, Karatschai-Tscherkessien, Chef des Koordinierungszentrums der Muslime im Nordkaukasus und ein Vertrauter und Ansprechpartner des russischen Präsidenten, Wladimir Putin.

Frauen sollen Kinder gebären und erziehen

Ismail Berdijew verharmloste die weibliche Genitalverstümmelung im Radiointerview mit zynischen Worten:

"Das ist eine typische dagestanische Tradition. Muslime beschneiden Männer und die Dagestaner machen das im Speziellen bei Frauen. Das widerspricht ja nicht dem Islam. Soweit ich weiß, wird das gemacht, um die Lust der Frau etwas zu beruhigen. Der Gesundheit schadet das nicht."

Berdijew soll sogar noch nachgelegt haben. Die russische Nachrichtenagentur, Interfax, zitiert ihn mit den Worten: "Man muss alle Frauen beschneiden, damit es auf der Erde keine Unzucht gibt. Frauen sind dafür geschaffen, Kinder zu gebären und zu erziehen. Das können sie trotz Beschneidung."

Dieses Zitat sorgte für eine Menge Schlagzeilen in der russischen Presse: "Sensationelle Erklärung - im Nordkaukasus rufen sie zur Beschneidung aller Russinnen auf", heißt es in einer Zeitung, eine andere schreibt: "Reden wir hier vom Mittelalter? Nein von Russland im Jahr 2016."

Ismail Berdijew ruderte mittlerweile ziemlich kleinlaut zurück. Er sei falsch verstanden worden, er habe nicht zur Beschneidung von Mädchen aufgerufen, sondern nur zur Bekämpfung der Unzucht im Allgemeinen.

Messer, Klingen und Amulette für die Beschneidung von Mädchen (imago/Friedrich Stark)Messer, Klingen und Amulette für die Beschneidung von Mädchen (imago/Friedrich Stark)

Putin zeigt Anerkennung der muslimischer Gemeinschaft

Gab es da Ärger, vielleicht von ganz oben? Präsident, Wladimir Putin, gibt sich generell tolerant gegenüber den muslimischen Führern der Kaukasusrepubliken. Er lobt die Fortschrittlichkeit des Islams in Russland.

"Im Laufe der Jahrhunderte hat sich in unserem Land die Tradition des aufgeklärten Islams entwickelt. Das friedliche Zusammenleben der Völker und Religionen in Russland haben wir zu einem großen Teil der muslimischen Gemeinschaft zu verdanken."

Die russisch-georgische Sängerin und Eurovision Song Contest Teilnehmerin, Diana Gurtskaya, hat dem Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation einen offenen Brief geschrieben und ihn aufgefordert, gegen die Genitalverstümmelung in Dagestan vorzugehen. Der Generalstaatsanwaltschaft teilte mit, dass er dazu bereit sei, sobald eine konkrete Anzeige vorliegt.

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