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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.12.2016

Gemeinnützige Arbeit am Beispiel BremenOhne Ehrenamtliche geht wenig

Von Almuth Knigge

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Rund 30 Millionen Menschen setzen sich für gemeinnützige Zwecke ein.  (picture-alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)
Rund 30 Millionen Menschen setzen sich für gemeinnützige Zwecke ein - wie hier bei einer Essensausgabe in Berlin. (picture-alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)

Am 5. Dezember wird alljährlich der internationale Tag des Ehrenamtes begangen. Viele Millionen Menschen setzen sich in Deutschland für gemeinnützige Zwecke ein. In manchen Bereichen ersetzen sie inzwischen den Staat.

"Man wird gebraucht."

"Trauerland EV sucht Begleiter für Kinder und Jugendliche."

"Meine Motivation ist hauptsächlich den Leuten zu helfen, weil die Leute darauf angewiesen sind, dass sie sehen, dass sie willkommen sind, und weil sie es alleine auch kaum schaffen können."

"Weltladen sucht Mitarbeiter im  Verkauf"

"Das ist für mich ´ne Kraftquelle."

"Gesucht : Leitung eines Sprachtreffs für Migrantinnen"

"Wir wollten gerne mal was Gutes tun für die Leute. Uns kann das auch passieren, dass wir mal in Schwierigkeiten kommen später."

"Das AWO Kinderhaus sucht jemanden, der mit Kindergartenkindern Fußball spielt"

"Betreuer für musikalische Früherziehung gesucht"

"Man will ja aktiv auch an einer guten Gesellschaft mitwirken, und da bietet sich auch viel Gestaltungsmöglichkeit"

"Wer liest im Altersheim Zeitung vor?"

"Wir sagen immer, man muss ganz viel Liebe zu den Menschen mitbringen, ganz viel"

"Ladenhilfe für Second hand Charity boutique"

"Engagement ist ein Bürgerrecht und keine Bürgerpflicht"

Ein Fest für das Ehrenamt in Bremen Walle. Die Fotoschule Westend lädt zur Ausstellungseröffnung. Das Thema: "Freiwillig". Die Wände sind voll mit den unterschiedlichsten Gesichtern und den unterschiedlichsten Alltagsszenen. Retter am  Strand vom Lesbos, Lesepaten an Grundschulen. Allen gemeinsam ist – sie arbeiten ehrenamtlich. Die meisten sind an diesem Abend auch da. Später gibt es noch Programm – ein Büffet und ein Konzert.

"Wow, das ist gut besucht, das kann man nicht anders sagen. Ja, schön das Sie da sind, dieser Abend, das hat Ilker mir extra eben noch mal eingeschärft, ist gewidmet allen Freiwilligen, die in vielen, vielen gesellschaftlichen Bereichen tätig sind und die lichtere Seite des gesellschaftlichen Geschehens repräsentieren."

Initiiert hat das Ganze der türkischstämmige Autor und Fotograf Ilker Maga. Früher hat er als Journalist gearbeitet, war Chefredakteur und Gründer der ersten philosophischen Sportzeitung in der Türkei. Ihn reizte es, über den Begriff Freiwilligkeit nachzudenken.

Bei freiwilliger Arbeit muss man sich frei fühlen

"Freiwillige Arbeit kann man machen, wenn man sich frei fühlt."

Freiwilliges Engagement, sagt er, ist das Wesen der Demokratie – und gibt es nur dort.

"Dieses Projekt hat mich vergrößert. Bereichert."

Der Fotograf strahlt – aber er lächelt sowieso fast die ganze Zeit. Ein Ergebnis des Ehrenamtes. Man wird ausgeglichener.  Ein anderes, wissenschaftlich belegt: Ehrenamtler leben länger. 5 bis 7 Jahre, das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Michigan. Das zeigt auch das Foto der alten Dame, die im Garten mit zwei kleinen Kindern tobt.

"Und auch Lisel Onken ist genauso, sie macht fast jeden Tag als freiwillige Helfer."

Lisel Onken, Jahrgang 1938, hat zwei Kinder und drei Enkel. Fast 40 Jahre hat sie als Lehrerin gearbeitet. Seit der Rente engagiert sie sich im Naturschutz – und im Kinderhospiz Jona.

"Das ist für mich ne Kraftquelle ..."

... sagt die Rentnerin und klingelt an einem Einfamilienhaus.

Eine junge Frau und ein kleiner Junge fallen ihr um den Hals. Lisel Onken hat die Familie begleitet, als vor Jahren die kleine Tochter im Sterben lag. Schon das zweite Kind der Familie, das nur knapp ein Jahr geworden ist. Lisel Onken kam in die Familie, um die Mutter zu entlasten und sich um die gesunden Kinder zu kümmern.

"Ich war bis 2010 hier, nachdem die kleine Shirin gestorben war, bin ich nochmal ein halbes Jahr gekommen. Und die meiste Zeit habe ich mit Ferez und Adam verbracht. Adam ist zwei Jahre älter, und wir haben immer ganz viel unternommen, weißt du das noch? Erzähl doch mal."

"Wir waren im Zoo."

"Und weißt du noch, wie wir immer die Enten gefüttert haben?"

"Ja."

Jetzt ist sie so etwas wie eine Oma für die Familie geworden.

"Ich war auch traurig, aber ich war auch glücklich, dass Lisel da war."

"Man gibt was, aber kriegt ja auch was zurück. Sie sehen ja, wir beide haben so einen Kontakt, dass wir auch gegenseitig uns dann was geben."

"Wenn sie mich nicht anruft, dann rufe ich sie an und sage, wo steckst du Lisel, komm vorbei, Kaffee trinken. Bis jetzt."

Die Arbeit ist trotz regelmäßiger Supervision nicht leicht. Viele springen ab. Trotz intensiver Vorbereitung auf die unvermeidlichen traurigen Momente. Wie schafft man das? Wie schafft man es, dass das Ehrenamt nicht zur Belastung, zur Selbstausbeutung wird?

"Wir sagen immer, man muss ganz viel Liebe zu den Menschen mitbringen, ganz viel, und auch ganz offen sein, und das kann nicht jeder."

Die alte Dame ist zum Vorbild geworden

Lisel Onken ist zum Vorbild für Sonja Nouira geworden.

"Also so ohne Hilfe - ich danke jedem der mir geholfen hat. Also das finde ich toll, toll, toll, Respekt, ey."

Sie will, wenn es ihr wieder besser geht, sich auch ehrenamtlich engagieren. Aber - wie findet man den richtigen Platz für sich? Wo kann man am besten helfen? Was muss man bedenken? All diese Fragen beantworten Freiwilligenagenturen, die es bundesweit beinahe flächendeckend gibt.

Wie in Bremen, wo 42 Prozent der Bevölkerung ein Ehrenamt haben. Das ist schon richtig viel. Der Bundesdurchschnitt liegt geschätzt bei 36-38 Prozent. Freiwilligenagenturen sind so etwas wie Navigationshilfen für Menschen, die sich engagieren wollen. Die meisten arbeiten im Stillen. Birgitt Pfeiffer, Geschäftsführerin der Bremer Freiwilligenagentur, bedauert das ein bisschen.

"Auf der einen Seite finde ich es sympathisch, auf der anderen Seite, wenn wir jetzt auf das gucken, was so die neuesten politischen Entwicklungen sind und wir sehen, es gibt leider zunehmend auch Engagement am rechten Rand, dann möchte ich den Bremern eigentlich zurufen: 'Doch, ihr müsst bitte lauter darüber reden.' Und ihr müsst auch lauter darüber reden, warum ihr euch engagiert, dass es nicht nur was mit Spaß zu tun hat - auch - aber nicht nur, sondern dass das schon auch damit zu tun hat, dass ihr an bestimmte Grundrechte glaubt und euch engagiert, weil es ´ne Qualität als Bürger und Bürgerinnen einer Stadt ist, etwas für die Gesellschaft zu tun, letztlich für die eigene Stadt."

Ehrenamt ist etwas Grunddemokratisches – und die gute Nachricht ist die, dass immer noch die Mehrheit der Gesellschaft daran mitarbeiten möchte – aus den unterschiedlichsten Gründen:

"Als erstes ist die Idee da, ich könnte das mal machen, und die Motive sind sehr vielfältig, das Sinnmotiv ist sicher eines der Stärksten, dass Leute sagen, ich mache einen Job, aber ich merke, das erfüllt mich nicht mit Sinn und ich würde gerne etwas machen, was mein Leben damit anreichert. Das Zweite ist, dass Menschen aufmerksame Menschen sind und mitkriegen, was in dieser Welt so passiert und dann merken, wir haben hier viele Flüchtlinge, da würde ich mich gerne engagieren. Oder sie erleben Obdachlose in der Bremer Innenstadt und sagen, das wäre eigentlich auch mal ne gute Gelegenheit, da könnte ich auch was tun."

Es gibt Menschen die etwas zurückgeben wollen, und es gibt welche, die die Chance nutzen, sich über das Ehrenamt weiter zu qualifizieren – und vielleicht eine neue Arbeit zu finden.

"Wir merken immer wieder, dass es so bestimmte Stereotype gibt darüber, wer sich engagiert. Dann denken immer alle, nur die Alten engagieren sich, das ist ein kleiner Trugschluss. Die, die sich überwiegend engagieren sind Leute zwischen 14 und 28."

Und es gibt eine Mittelschichtsneigung im Engagement – so nennen es die Soziologen. Das heißt: Wer sich engagiert, der verdient eher gut und ist eher besser gebildet. Daraus resultiert eine große Aufgabe  - auch für den Staat, der die Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement besser gestalten muss.

"Wie kriegen wir die dahin, dass sie sich als Teil dieser Gesellschaft wahrnehmen, denn nur wenn sie das tun, dann fangen sie an sich einzubringen - und ich finde nicht, dass wir uns das gesellschaftlich leisten können, eine Gruppe, die mindestens in den Großstädten sehr stark ist, die weiter abzuhängen und die Engagement-Beteiligung zeigt das sehr, sehr deutlich: Wer sich engagiert, der fühlt sich als Teil dieser Gesellschaft. Und wer das nicht tut, der tut es nicht. Und da hab ich ne sehr große Sorge an dem Punkt."

23 Millionen Ehrenamtliche

In Deutschland engagieren sich 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Die meisten beim Sport. 8,6 Millionen sind das. Raimund Michels ist einer davon. Bereits seit 20 Jahren besteht das Kinderbewegungszentrum von 1860 Bremen. Begründet hatte es Raimund Michels, als er 1983 eine Eltern-Kind-Gruppe des Vereins übernahm.

Aus einer Gruppe wurden im Laufe der Jahre viele – sein besonderes Konzept war Musik in Verbindung mit ausgefeilten Turnlandschaften aus Matten und Turngeräten, in denen sich bis zu 80 Personen austoben konnten. Weil der ständige Auf- und Abbau auf die Dauer zu anstrengend wurde, haben die Bremer 1996 eine feste Installation entwickelt: die Kinder-Bewegungslandschaft. Mittlerweile sind über 60.000 Kinder spielerisch an Sport herangeführt worden. Nachahmer in Deutschland gibt es viele – jetzt soll die Idee den Mittleren Osten fit machen.

Der Scheich kommt – ganz unspektakulär zu Fuß um die Ecke. Ohne Limousine, ohne Bodyguards, im Anzug  - mit Willi Lemke,  in seiner Funktion als Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung. Lemkes Mission in Bremen – er will Scheich Mohammed Mohammed Fadel Al Hameli aus Abu Dhabi zeigen, wie man in Kindern die Begeisterung für Sport wecken kann. Deshalb hat er sich 1860 Bremen ausgesucht. Raimund Michels begrüßt ihn.

"Haben Sie einen besonderen Wunsch?"

"Wir möchten tolle Arbeit sehen, tatsächlich weil im Mittleren Osten es sehr schwierig ist, die Kinder in einen Sport zu bekommen. Und wenn es nachher zu spät ist ... mit 15 oder 20 hat keiner mehr Lust dort zu beginnen."

"Thank you very much ... Willkommen in Bremen!"

Lemke und die Honoratioren von 1860 Bremen, Präsident Peter Scheuer und  der Papst der Kinderbewegung, Raimund Michels, kennen sich gut. Auch Lemkes Kinder haben hier als Kleinkinder mit dem Sport angefangen. So wie rund 60.000 andere Kinder auch.  Der Rundgang beginnt.

"So, alle rein, die rein müssen ..."

In einer kleinen Sporthalle, die über und über mit Matten ausgelegt ist, rollen und robben Kleinkinder im Krabbelalter übereinander hinweg. Und juchzen.

"Wir haben auch jemanden aus Abu Dhabi hier …"

Aus einer hinteren Ecke kommt zögernd eine junge Frau nach vorne.

"It´s a visit of a friend, and he also introduce us to this club ..."

Am Ende eines anstrengenden Tages freut sich der Scheich sichtlich, auf eine Landsfrau zu treffen. Wie auf Bestellung sagt Lara Hamed …

"I hope you can do like this club in Abu Dhabi."

Denn so etwas, wie hier in Deutschland, in Bremen, ist weltweit schwer zu finden. Ohne Ehrenamtliche wie Michels würde es die gut 90.000 Sportvereine in Deutschland schlichtweg nicht geben. Sie leben fast ausschließlich vom Ehrenamt.

"Wir wollen den Kindern was Gutes tun"

Weiter geht es. Zum Kernstück des Kinderbewegungszentrums. Eine Sporthalle, die in eine Art Landschaft umgebaut ist. Mit Gängen, Rutschen, Kletterwänden, Netzen, Kästen. Weichen, dicken, Matten. Auf den ersten Blick ein riesengroßer Indoor-Spielplatz - für Michels eine Art Kinder-Fitness und Entwicklungscenter.

"Das ist ja nicht unser Privatvergnügen, sondern wir wollen ja den Kindern, den Eltern was Gutes tun, dass die Eltern zum Beispiel sinnvoll mit den Kindern ihre Zeit verbringen." 

Das ist seine Mission. Und der ordnet er alles andere unter – seit mehr als 40 Jahren.

Es wird viel gesungen. Die Lieder hat Michels selbst geschrieben. Dann sitzen alle im Kreis. Mütter und Kinder zusammen – ein Vater ist auch dabei. Und der Scheich schaut zu und wundert sich. Alle machen mit, flüstert er Willi Lemke zu.

Zum Abschied noch ein Foto fürs Archiv  - Scheich mit Kindern auf Turm vor Rutsche.

"Alle Kinder einmal herkommen - ok hier, ein paar Kinder für das Foto. Setzt euch alle zu uns. komm mal zu mir ... Look there! Und lachen Kinder, das ist ganz wichtig. Sport macht Spaß. Cheese ... gut Kinder!"

Der Scheich ist beeindruckt. Auch er ist engagiert in seinem Land – weltweit – vor allem für den Behindertensport. Aber sonst ist Ehrenamt, der Dienst für die Gemeinschaft, nicht so verbreitet. Seine Landsleute spenden lieber.

"Ja, ich nenn das immer die zwei Pole von Engagement, die benenn´ ich immer schön Englisch in Charity und Change, weil das für mich so schön passt. Charity meint eben genau das, dass Menschen wachsam wahrnehmen, wo sind Dinge nicht in Ordnung und dann ganz praktisch hingehen und unterstützen helfen. Und der andere Pol, dieser Change-Pol, der setzt so an einem inneren Unbehagen an oder an einer Kritik, dann ist man mit Zuständen nicht einverstanden."

"Also wenn wir mal in die Vergangenheit gucken, all diese Bewegungen, Friedensbewegung, Frauenbewegung, Umweltbewegung, das waren alles politische Bewegungen von Menschen, die das unentgeldlich getan haben, freiwillig ehrenamtlich."

"Und die haben diese Republik schon sehr verändert und das finden wir im Großen und im Kleinen. Man braucht nur an TTIP zu denken oder andere Kampagnen - also es gibt auch 'ne sehr starke politisch engagierte Seite im Engagement."

Bei den Mitgliedern von Signal of Solidarity, wie bei Niklas, ist es wohl so eine Mischung aus allem. Sie engagieren sich vor allem in der Flüchtlingshilfe. Ohne Ehrenamtliche wäre die Versorgung der Geflüchteten im vergangen Jahr zusammengebrochen. Vor Ort in Deutschland genauso wie in den Flüchtlingscamps oder entlang der Fluchtrouten in Europa.

Hilfsgüter für die Balkanroute

So ist Signal of Solidarity entstanden. Aus dem Engagement einer Einzelnen, die privat Hilfsgüter gesammelt und zur Balkanroute gebracht hat, ist ein gemeinnütziger Verein geworden, der sich international vernetzt hat und regelmäßig Hilfe in die Camps bringt.

"Man will ja aktiv auch an ´ner guten Gesellschaft mitwirken und da bietet sich eben auch viel Gestaltungsmöglichkeit."

"Das trifft sich ja auch ganz gut mit unserem Namen, da ist auch Solidarität ein ganz wichtiger Punkt. Neben allem anderen ist es auch Solidarität, was man hinbringt. Was meiner Meinung nach immer wahnsinnig wertgeschätzt wird, auch von den Geflüchteten selber, die das wahrnehmen, das sich jemand für sie interessiert und vielleicht, um ein anderes Gesicht von Europa zu zeigen, als das, was ansonsten gezeigt wird an den Grenzen."

Montagabend im sogenannten "Bremer Viertel". Vereinstreffen: Niklas wartet vor dem Jugendzentrum Friese – nach und nach stoßen ein paar andere dazu. Fabian und Kim. Sie stehen für eine neue Form der freiwilligen Engagements:

"Was bei uns im Verein noch ganz spannend ist, so zum Thema Freiwilliges Engagement fördern ist, dass ich so das Gefühl habe, bei uns gab es ganz wenig Strukturen, die einen hätten ausschließen können."

"Es war sehr unkompliziert da einzusteigen, es gab eben keine festgefahrenen Strukturen, die hat man da eben mit aufgebaut."

"Habe ich sehr oft anders erlebt, in anderen Organisationen, wo es eben sehr verrostete Strukturen gibt, weil Leute schon lange dabei sind und dadurch den Finger auf allem haben und dadurch völlig innovationsresistent sind und das ist bei uns gar nicht so, wenn jemand neu kommt, hat ´ne gute Idee und einen Vorschlag, dann würde sich von uns keiner krummstellen und sagen, du bist doch ganz neu, du kannst doch jetzt hier nicht ankommen und irgendwas erzählen."

Das deckt sich genau mit dem, was Birgitt Pfeiffer seit einiger Zeit beobachtet.

"Womit alle Freiwilligenagenturen zu tun haben und das ist in dieser Flüchtlingszeit auch sehr offensichtlich geworden, das viele Menschen weniger und weniger eine Organisation brauchen, um sich zu engagieren. Und das ist eine Entwicklung, die wir schon seit einer Weile kennen, die jetzt aber tatsächlich angewachsen ist, also das das Engagement in Initiativen wieder viel angesagter ist. Dass man nicht sofort einen Verein gründet und wenn man einen Verein gründet, dann ist der Verein eigentlich nur die organisatorische Hülle und die Organisationsform ist eigentlich basisdemokratisch wie ne Initiative, und das ist auch ein bisschen herausfordernd für die Freiwilligenagenturen, weil sie merken, diese Gruppen brauchen uns irgendwie nicht."

Kim kommt gerade aus Griechenland zurück. Dorthin haben sie und ein paar andere warme Kleidung gebracht und im Flüchtlingscamp in Thessaloniki geholfen. In Bremen geht es gleich weiter.

"Wir organisieren jetzt momentan ein Kinderfest, das hier regelmäßig stattfindet, zum Teil in Kooperation mit der FH."

"Es wird immer was mit anzupacken geben und die Zielvorstellung ist auch, dass man dahin expandiert und deswegen arbeiten wir auch mit nem Verein zusammen, der für Obdachlose, wenn die eine Wohnung bekommen, unseren Transporter nutzen kann, damit das eben allen zu Gute kommt und nicht nur einer bestimmten Gruppe - das ist halt wichtig, dass man da nicht die eine gegen die andere ausspielt."

Man sieht eine große Halle mit Kartons voller Kleidung, an Tischen stehen Menschen und sortieren die Spenden. (picture-alliance / dpa / Jan Woitas)Nicht die einen gegen die anderen ausspielen: Ehrenamtliche Helfer sortieren Kleidung für Flüchtlinge (picture-alliance / dpa / Jan Woitas)

Das ewige Lamento der Populisten – Hilfe nur für Deutsche. Das gilt aber nicht bei den Suppenengeln.

Hier wird die Versorgung von Hilfsbedürftigen organisiert. So ist es ganz oft. Ehrenamtliche springen immer mehr für den Staat ein, sie sind so etwas wie eine zivilgesellschaftliche Feuerwehr. Was geht überhaupt noch ohne sie? Und wie reagiert der Staat?

"Wir machen uns das sehr leicht, wenn wir sagen: Staat zieht sich zurück und baut auf Ehrenamt, weil eigentlich müssen wir uns die anderen Fragen stellen: 'Wie wollen wir eigentlich hier zusammen leben?'"

Die Antwort der Suppenengel: Kochen.

Morgens um halb neun in der Bremer Neustadt. In der Küche der Bremer Suppenengel dampft schon der Kochtopf. Grünkohl mit Mettwurst und Kassler steht auf dem Speiseplan, Milchreis, Obstsalat, und jede Menge belegte Brote. Was die Lebensmittelspenden und der Vorratskeller eben so hergeben. Der Küchenchef Gerd verteilt die Arbeit. Er war selber mal "Kunde" der Suppenküche – hat sich engagiert – und ist darüber zu einem festen Job gekommen.

"Ich hab noch jede Menge Rosenkohl zum Schnippeln, säckeweise um gleich mal anzukündigen, dass hier nicht nur rumgestanden wird. Kommt denn Rosenkohl in Grünkohl – nein, der wird schon vorbereitet der wird dann eingefroren, dann hab ich mal wieder was, also echt Grünkohl und Rosenkohl das sind beides Sachen, die mag ich überhaupt nicht."

Also wird Rosenkohl geputzt – zehn große Säcke, knapp 50 Kilo müssen in die Kühlkammer. Zeit für Gespräche. Mit Peter Valtink zum Beispiel, dem Geschäftsführer. Er ist der zweite Festangestellte bei den Suppenengeln – alle anderen arbeiten ehrenamtlich.

Peter Valtink ist promovierter Physiker und selbst erfahrener Beihilfeempfänger, wie er von sich sagt – bevor der zu den Suppenengeln gekommen ist. Er weiß, dass viele "Kunden" – wie die Suppenengel die Bedürftigen und Obdachlosen nennen - die sie versorgen, die Flüchtlingsdebatte skeptisch verfolgen. Sie haben Angst, auf der Strecke zu bleiben.

"Sie ist eigentlich gar nicht real, das ist eigentlich nur eine latente Angst, die da 'ne Rolle spielt, weil das sind ja eigentlich getrennte Welten. Das mag sich vielleicht in naher Zukunft ein bisschen ändern, wenn diese Flüchtlinge auch in den Wohnungsmarkt drängen. Aber auch da sehe ich ehrlich gesagt rein objektiv noch keinen großen Grund, dass sich dieser soziale Konflikt noch verschärft."

Der soziale Konflikt um Hilfe wird kommen

Noch werden viele Flüchtlinge in den Unterkünften versorgt, noch warten die meisten auf ihre Anerkennung, noch sind sie damit beschäftigt, Deutsch zu lernen. Aber irgendwann sind Verteilungskonflikte um Wohnungen, Kinderbetreuung und Gesundheitsversorgung absehbar – auch wenn kein Politiker das bisher öffentlich sagt.

"Um solchen sozialen Konflikten ein bisschen vorzubeugen, haben wir uns das ausgedacht: Flüchtlinge kochen für Obdachlose. Das heißt, wir fahren in die einzelnen Übergangswohnheime mit Leuten von uns und kochen zusammen mit den Flüchtlingen dort – Rezepte, die von den Flüchtlingen kommen."

Es gibt auch Firmen, die ihre Mitarbeiter zu den Suppenengeln schicken – als Social Day. Beim letzten Mal gab es Kichererbsensuppe mit Hähnchenfleisch.

"… und diese Suppe, die da entsteht, geben wir am nächsten Tag unseren Obdachlosen und können denen dann auch sagen, hier schaut mal, das haben Flüchtlinge für euch gekocht. Das ist ´ne solidarische Maßnahme und auf diese Art und Weise  beugen wir zumindest ein bisschen diesem sozialen Konflikt vor."

Denn der wird kommen.

"Wir spüren es schon, früher war mehr Interesse und das fällt jetzt einfach weg."

Britta Klocke hat lange bei der Inneren Mission in Bremen für und mit Obdachlosen gearbeitet.

"Wir brauchen auch dringend Personal, wir brauchen Erzieher, wir brauchen Betreuungshelfer und die bewerben sich alle in der Flüchtlingshilfe, es ist einfach jetzt brandaktuell und natürlich auch 'ne schöne Arbeit, weil das Menschen sind, wo die Hilfe sichtbarer ist als bei Wohnungslosen, weil wir haben da ja ewig diesen Drehtüreffekt, das sind ja ganz wenige, die wirklich ihr Leben verändern können."

Die Konkurrenz um Hilfe ist im Moment also eher noch eine Konkurrenz um Helfer und Aufmerksamkeit.

"Grünkohl umschütten  -  wieviel Liter sind das jetzt? Das sind heute so 30 bis 35 Liter."

Mittlerweile ist es Mittag geworden. Der Grünkohl ist fertig, knapp 100 Stullen sind geschmiert, und um 13 Uhr startet die Essensausgabe im Lloydhof, in einer stillgelegten Senatskantine mitten in der Bremer Innenstadt. Bis zu 300 "Kunden" haben die Suppenengel täglich.

Die Stimmung ist ruhig, entspannt, alles ist extrem gut durchorganisiert. Bei Vielen merkt man die Scham - Spenden, vor allem Lebensmittelspenden, sind etwas anderes als staatliche Geldtransfers. Aber mit Geld lässt sich nicht alles lösen. Die Währung im Ehrenamt sagt Birgitt Pfeiffer, ist Sinn – und Menschlichkeit. Das Pathos passt.

"Ich hätte gerne was mit Käse und eine mit Wurst …"

"Ist das Ei, dann gerne einmal Ei und Schwarzbrot mit Käse, bitte ... Dankeschön."

Es gibt auch eine kleine Kleiderkammer – ein paar Frauen wühlen in den gespendeten Sachen. Sie haben schon viele Spendenstellen in der Stadt abgeklappert nach passenden Wintersachen.

"Momentan ist sehr viel los, ich finde das schade, weil jetzt ich krieg  nicht so viel."

"Für die Flüchtlinge wird natürlich mehr gegeben als für uns, das ist klar, wir müssen unsere Sachen erarbeiten, für die ist das klar, dass sie Flüchtlinge sind, dass sie nichts haben, dass sie kriegen - aber wie weit soll das gehen?"

Der Umfang des Engagements sinkt

Ja, wie soll das gehen? Das geht, weil es immer noch unglaublich viele Menschen gibt, die sich engagieren. Die Arbeitswelt hat sich geändert – und das Engagement hat sich geändert.

"Der Umfang des Engagements sinkt  - die durchschnittliche Engagementsdauer pro Woche, die war mal bei drei bis fünf Stunden, und die ist jetzt bei zwei Stunden gelandet."

Es müssen also mehr Leute gewonnen werden, die sich den Ausfall wettmachen – die sagen …

"… das ist mir jetzt egal, ob ich hier Ausfallbürge des Staates bin oder nicht, wir müssen jetzt was tun, das kennzeichnet wache Demokratien. Das ist herausfordernd für die Szene der Freiwilligenagenturen - zu merken, die Leute engagieren sich einfach. Und die brauchen keine Verfasstheit dafür. Die brauchen keine Freiwilligenagenturen, die brauchen keine Qualifizierung, die tun das einfach. Es gibt so einen Spruch: Ehrenamt braucht Hauptamt. Und wir machen gerade die Erfahrung, nö, das Ehrenamt braucht das Hauptamt gar nicht unbedingt. Ich finde das mit dem Blick auf Bürgergesellschaft super, großartig und bin gespannt, wie wird es sich entwickeln wird. Aber erstmal finde ich das ´ne gute Nachricht."

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