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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.07.2016

Geliebte Enttäuschung USADie Deutschen und ihr Bild von Amerika

Von Heiner Kiesel

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Fahnenmast mit US-Flagge in einem fränkischen Dorf (Heiner Kiesel)
Der acht Meter hohe Fahnenmast von Jürgen Nöth (Heiner Kiesel)

Die Beziehung ist nicht einfach, aber sie lässt uns nicht los. "Faszination" ist noch die neutralste Umschreibung für ein Verhältnis, das sich mal in Bewunderung und Neid, mal in Verachtung und Hass ausdrückt. Die USA eben - ein Land der Extreme auch in der Wahrnehmung der Deutschen.

Peter Hoeres: "Amerika als Sehnsuchtsort, als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie es sprichwörtlich heißt, als Land der Freiheit. Also wo man auch die Zukunft erkennen kann."

JFK: "Ich bin ein Berliner."

Neil Armstrong: "It's one small step for mankind but a giant leap for mankind."

Klaus Ernst: "Amis raus aus USA Winnetou, ist wieder da."

Roderich Kiesewetter: "Schon Goethe hat gesagt, Amerika du hast es besser."

Walter Cronkite: "From Dallas Texas the flash apparently official: President Kennedy died at 1 PM Central Standard Time."

Wolfgang Kaschuba: "Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schauen wir dann aber aus diesem zivilisierten, kulturell geprägten Europa ein bisschen herablassend auf diese Holzfäller und Farmernation herab."

Es gibt da einen Mann, in dem Dorf aus dem ich komme, er wohnt ziemlich am Ortsende. Jürgen. Weder er noch der Ort sind jetzt irgendwie untypisch. Ich kenne Jürgen noch aus meiner Kindheit - da reden wir über die 70er-Jahre. Wir hatten damals alle, und Jürgen ganz besonders, ein Faible für die, naja, wir haben immer Amis gesagt.

Jürgen Nöth: "Nach der Schule - Amerikaner, überall, man rennt hinterher als Kinder, in den Panzer rein[gehen], in der Feldküche was zu essen kriegen das prägt halt."

Als ich ihn besuche, mache ich mir ernsthaft Hoffnungen, dass bei ihm alles beim Alten geblieben ist. Ein Fahnenmast in der Hofeinfahrt, acht Meter hoch vielleicht und oben die Fahne, rotweißblau. Ich suche so ein richtig kitschiges unverstelltes Amerikabild.

Jürgen Nöth: "Stars and Stripes. Das ist ein Standardmaß in Amerika, einen Meter auf 50."

Er hat die Fahne eingeholt und hält sie in seinen kräftigen Händen.

Jürgen Nöth: "Die Fahne habe ich irgendwann mal auf meinen Auslandstouren in Amerika gekauft und dann war sie im Schrank gelegen und dann habe ich gedacht, bevor der Fahnenmast allein dasteht, dann hängen wir mal eine Fahne hin."

Jürgen Nöth: "Ich bin schon ein paarmal darauf angeredet worden, warum ich die Flagge dort habe. Naja, andere haben die brasilianische, keine Ahnung."

Er schiebt die Unterlippe vor, ein angedeutetes Schulterzucken. Sonst nichts? Das hört sich nach Distanz an, dabei habe ich Jürgen immer für einen Amerika-Romantiker gehalten. Es spricht ja alles dafür: Hinter ihm, in der geschotterten Einfahrt steht ein Pick-Up mit dicken Reifen, in der Garage ein Army-Jeep aus den 60ern und auf dem braunen Zeitungsrohr an der Außenmauer steht "Newspapers". Im Haus gibt es noch mehr Artefakte aus der Neuen Welt. Ich weiß, dass er vier Jahre mit einer US-Bürgerin zusammen war. Komm schon, da steckt doch mehr dahinter! So ganz freiwillig rückt er nicht heraus. Er sagt's, weil er weiß, was ich hören will.

Jürgen Nöth: "Wie man früher immer gesagt hat, Amerika die Freiheit, den Marlboro-Cowboy kennt jeder, wie er in den Westen, den Sonnenuntergang reitet. Amerika, die Freiheit."

Jürgen nestelt mit der Fahne herum, sie hat sich verheddert. Das Pathos das in solchen Worten anklingt, ist ihm sichtlich unangenehm. Vor 20 Jahren wäre ihm das bestimmt einfacher gefallen. Sagt man sowas als erwachsener Deutscher? Er ist ziemlich groß und breit, er arbeitet viel draußen. In den USA würde er einen Klasse Redneck abgeben. Aber zur Country-Folklore gehört wiederum was, das Jürgen mit den Jahren verloren gegangen ist. Selbst ihm. Wo ist diese naive frische Begeisterung für Amerika hin? Für diese aufregende Idee. Jürgen zuckt mit den Schultern, ich interpretiere ein Gefühl des Bedauerns in seinen Gesichtsausdruck. Aber, ein bisschen geht 's uns doch allen so.

Die Fahne zieht er trotzdem wieder hoch.

Georg W. Bush: "We have no Intentions of Imposing our culture, but America will always stand firm for the non negotiable demands of human dignity, the rule of law, limits of the power of the state, respect for women, private property, free speech, equal justice an religious tolerance."

Machtgierig, überheblich, übergriffig 

Infratest-dimap ersieht aus Umfragen, dass die Deutschen Amerika mehrheitlich für machtgierig, überheblich und übergriffig halten. Traurig wird es auch, wenn man die Ansichten der Deutschen über Amerika mit den Nachbarn in Europa vergleicht. Das PEW-Research-Center, hat das gemacht. Anfang des Jahrtausends gehörten die Deutschen noch zur Spitzengruppe der Amerika-Versteher. Heute stehen sie ganz hinten. Nur die Russen finden die USA unsympathischer.

Angela Merkel: "Ausspähen unter Freunden das geht gar nicht!"

Aber irgendetwas ist doch noch da, an der alten Liebe. Amerika gilt den Deutschen zwar nur noch als zweitbester Freund auf der Welt, sagt Allensbach, aber jedes Jahr zieht es mehr deutsche Touristen dorthin, die USA sind unser beliebtestes Fernreiseziel: Über zwei Millionen deutsche Touristen letztes Jahr dort. Da wird eine Sehnsucht erfüllt, die wirklich ganz tief steckt.

Peter Hoeres: "Amerika, die USA waren spätestens seit dem 19. Jahrhundert ein Sehnsuchtsort für die Deutschen. Ich bekleide den Lehrstuhl für Neueste Geschichte in Würzburg. Meine Schwerpunktthemen sind die Mediengeschichte und die Transatlantischen Beziehungen."

Historiker Peter Hoeres (Heiner Kiesel)Historiker Peter Hoeres (Heiner Kiesel)

Peter Hoeres geht 200 Jahre zurück. In Mitteleuropa darben die Menschen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielt das Klima verrückt, Ernten fallen aus, aber die Bevölkerung wächst. Hunger und Armut. Aber da gibt es diese Berichte von einer wunderbaren Neuen Welt jenseits des Ozeans. Reiseberichte wie den von Gottfried Duden, der die USA ab 1824 bereiste. Seine Schriften ermutigen Tausende, die Koffer zu packen. Duden verspricht, dass hier Millionen von Handwerkern und Bauern zu Wohlstand kommen können.

"Mannigmal habe ich zu mir und zu meinem Reisegefährten gesagt: Man wird und kann es in Europa nicht glauben, wie leicht und angenehm es sich in diesem Lande leben lässt. Es klingt zu fremdartig, zu fabelhaft. Der Glaube an ähnliche Örter auf der Erde war schon zu lange in die Märchenwelt verbannt." [Gottfried Duden, 1829: Bericht über die Reise nach den westlichen Staaten von Amerika, S. 233]

Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Peter Hoeres: "Man muss sich vor Augen halten, dass die größte Gruppe der Einwanderer im 19. Jahrhundert aus Deutschland stammte. Mit ganz unterschiedlichen Motiven - religiöse Motive, der religiösen Freiheit, 48 dann natürlich politische Emigranten, aber auch Auswanderer, die aus wirtschaftlicher Not in die USA gingen und dort das Versprechen bekamen, dass jeder, der tüchtig ist, es schaffen kann."

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mehr als fünf Millionen Deutsche gehen dorthin. In Wellen, die aufkommende Dampfschifffahrt macht die Reise erschwinglich. Und die, die zurückbleiben, pflegen ihre Sehnsucht. Amerika du hast es besser, dichtet Johann Wolfgang von Goethe in seinen Xenien. Er denkt an ein Land, offen und unbelastet von der Vergangenheit. Der Dichterfürst bekennt, dass er - wäre er jünger - gerne dorthin ginge. Lange bleibt das Bild von den USA eines der Verheißung. Doch dann ändert sich der Ton.

Peter Hoeres: "Wir haben den Beginn der Geschichte der negativen Verheißung USA, mit dem Ersten Weltkrieg Präsident Wilson eine Art Feldzug gegen die Deutschamerikaner und gegen das Deutsche Reich führt, mit starker moralischer Aufladung. Wilson versprach dann eine neue Weltordnung mit dem Völkerbund und nach der Niederlage durften die Deutschen an dieser neuen Weltordnung nicht teilnehmen und - um noch eines draufzusetzen - die Amerikaner selbst nahmen nicht teil. Der Senat verweigerte Wilson, der USA den Eintritt in den Völkerbund. Das war eine gigantische Enttäuschung."

Wolfgang Kaschuba: "Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schauen wir dann aber aus diesem zivilisierten, kulturell geprägten Europa ein bisschen herablassend auf diese Holzfäller und Farmernation herab."
 
Wolfgang Kaschuba leitet das Berliner Institut für Migrationsforschung. Der Ethnologe erforscht nationale Identitäten.

Wolfgang Kaschuba: "Das Bürgertum in Deutschland, England oder Frankreich ist sich eben sicher, dass dieser Parvenü eben nie auf diese zivilisierten Höhen des europäischen Bürgertums und seiner Aufklärung kommen kann. Das ändert sich im Grunde genommen erst nach dem Zweiten Weltkrieg."

Das böse Amerika

Es ist eine zweite Erzählung über Amerika, die da beginnt. Die vom bösen Amerika. Sie gewinnt an Kraft in dem Maße, wie die USA politisch, kulturell und wirtschaftlich stärker werden. Die USA werden gleichzeitig zu einem neuen Bezugspunkt im Koordinatensystem der deutschen Identität. Ein fundamentaler Prozess, meint Kaschuba.

Wolfgang Kaschuba: "Wir neigen natürlich dazu, dass wir Wir-Die-Bilder brauchen, also wir nennen das Identität: Ohne die, also andere, gibt es auch kein Wir. Das Europa des 19. Jahrhunderts hat das ja systematisch trainiert, das nationale Wir gegen das andere nationale Wir. Da spielte Amerika interessanterweise noch kaum eine Rolle. Da waren die Gegen-Wirs vor allem England, Frankreich. Aber heute kommt eben dem amerikanischen 'Die', das kommt natürlich in hohem Maße zum Tragen. Und interessanterweise werden nach meiner Wahrnehmung dem Amerikanischen damit eher auch immer wieder negative Charakterzüge zugeschrieben."

Peter Hoeres: "Amerika, die USA waren assoziiert mit Massenkultur, Massenkonsum, Verflachung, Degeneration."

Von Burger bis Elvis

Ich bin im Norden des Stadtbezirks Treptow, wenige Meter hinter der ehemaligen Zonengrenze. Früher war das hier DDR. Heute befindet sich hier einer der Außenposten lässiger US-Kultur. Das White Trash Fast Food. Das ist ein einigermaßen chaotisch ausstaffiertes Lokal.

In den 80ern und 90ern wäre ein Gang zu McDonalds passender gewesen, um etwas über die Deutschen und ihre USA herauszufinden. Da war noch mehr Bewunderung zu spüren für die knallharten und effizienten Business-Ideen von drüben. Zur Gegenwart passt das White Trash viel besser. Draußen ein bisschen Schrottplatz-Zitate, drinnen US-Nippes, Heiligenfiguren, Plastikpalmen und rotweißkarierte Tischdecken. Nichts ist ernst gemeint hier, denn wenn man die USA heute ernst nimmt, dann gibt’s Konflikte, oder zumindest Enttäuschungen. Das wollen wir nicht, schon gar nicht beim Essen. Es riecht nach verbranntem Fett. Der King-Elvis-Supreme-Burger kostet 13,50 Euro. Das hier ist alles wahrscheinlich so amerikanisch wie ein deutsches China-Restaurant chinesisch. Aber so gefällt es uns.

Ich treffe mich hier mit Marion. Meine Gesprächspartnerin ist schlank, um die 50 und bestellt in Fett gebackene Zwiebelringe. Sie ist in Leipzig aufgewachsen. In der DDR. Eine Hebamme, keine Intellektuelle, keine Prominente. Ich will ihre Geschichte von Amerika hören. Sie passt zu Kaschubas Gedanken. Sie zeigt, wie weit sich die Abgrenzung von Amerika treiben lässt.

"In der Zeit, das war so bis zu meiner Jugend hin, wusste ich eigentlich nichts von den USA, außer, dass mir klar war, dass es irgendwo Amerika gibt. Das war so was für mich wie China, weg, irgendwo auf der Welt da, nur für mich ohne Belang, nur so ein Wort."

Die Freunde der DDR, sagt Marion, das waren ja die Russen. Und die USA waren die Bösen. Da gab´s keine offene Romantik von Land der Abenteuer und unbegrenzten Möglichkeiten.

"Ja ich kannte auch ein paar Western, das war wie so heute Fantasyfilme."

Marion hat nicht Indianersquaw gespielt wie viele meiner Altersgenossinnen im Westen. Vielleicht ist sie ein Einzelfall. Winnetou? Ihr Mann hat Karl May gelesen, das gab's da auch. Aber im Fernsehen kämpft der Jugoslawe Gojko Mitic als Rothaut gegen die kapitalistischen Kolonisatoren. Und bei Marion in der Schule kämpft der Klassenlehrer gegen gefährliche US-Kulturgüter. Wer sich traut mit Jeans in die Schule zu kommen, der darf gleich wieder nach Hause. Nichts war gut, was aus Amerika kam.

"Es gab da so einen witzigen Ausspruch, ich meine das war Walter Ulbricht, da ging es um die westliche Rock- und Popmusik, dass das die Jugend verdirbt und so."

Walter Ulbricht: "Ist es denn so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen."

Marion: "In dem Land, in dem ich groß geworden bin, war das Klassenfeind. Das spielte wahrscheinlich eine Rolle, dass man sich dem Feind nicht nähert, gar nicht. Amerika war der große Klassenfeind natürlich. Ich hatte nicht persönlich eine Feindschaft, aber ich bin nicht hingegangen - gedanklich auch nicht."

Gehirnwäsche war das, meint die Ex-DDR-Bürgerin, und eine ziemlich gründliche dazu. Eigentlich hätte jedes Interesse an den USA abgestorben sein sollen. Von wegen. Das Sehnen nach Amerika lässt sich aus den Deutschen nicht gut herauslösen. Am Ende, hatten die DDR Bürger mehr Jeanshosen im Schrank hängen als die Leute in den alten Bundesländern. Und Marion? Sie sagt, dass sie mit den USA nie wirklich was am Hut hatte. Aber als die Mauer weg war und sie mit ihrem Mann reisen konnte, wohin sie wollte...

"Das kann so ein Symbol gewesen sein. Wir sind also nicht zuerst in die Schweiz gefahren, sondern wir sind nach Amerika gefahren, so groß es nur geht. Und das war vielleicht so eine leichte kleine Genugtuung, für uns zu sagen, da fahren wir als erstes hin. Amerika war sozusagen das Größte, [der größte Klassenfeind.]"

"Ich habe sehr viel USA in mir"

Thomas Meinecke: "Als jemand, der in Deutschland in den 80er-Jahren angefangen hat und zwar eine, die irgendwie den Gedanken hatte daran anzuknüpfen an das, was die Nazis unterbrochen hatten, also eine eigene Kultur, war es immer sehr reizvoll zu wissen, Popmusik zu machen ist immer irgendwie ein angloamerikanisches Unternehmen, eigentlich ein amerikanisches."

Das Gegenbild aus dem Westen. Der Autor und Musiker Thomas Meinecke.

Thomas Meinecke: "Ich habe sehr viel USA in mir, weil ich nichts so sehr liebe, als afroamerikanische Musik."

Meinecke ist jetzt kein glühender USA-Verehrer, aber er ist sich bewusst darüber wie sehr das Leben, geistig und materiell in der Bundesrepublik mit dem American Way of Life verwoben ist. Sein künstlerisches Schaffen ist geprägt von dieser Mixtur. Der gebürtige Hamburger gehört seit über 35 Jahren der Avantgarde-Popband FSK an. Sie zitieren und brechen die amerikanischen Vorbilder, die ja selbst Anverwandlungen europäischer oder afrikanischer Musiken sind. Woher kommt der Jodler in dem Song "When it rains in Texas it snows on the Rhine?"

Thomas Meinecke: "Wir sind sozusagen in einer Uneigentlichkeit."

Wer sind wir eigentlich, wenn wir so viel von den USA in uns tragen?

"Und wenn man jetzt deutsch singt, dann singt man nicht deutsch, damit einen der Nachbar versteht, dem man im Treppenhaus begegnet morgens, sondern eher um klarzumachen - das hier ist eigentlich gar nicht das, als was es eigentlich gedacht war."

Meinecke schätzt die Vielfalt, die in der Idee Amerika steckt und auch das Potenzial, das sie für ihn als Künstler erschließt.

Thomas Meinecke: "In gewissem Sinne sind die USA das Gegenmodell zu dem Sehnsuchtsort der Deutschen aus den vergangenen Jahrhunderten, was in den vergangenen Jahrhunderten immer Italien war, wo eben das Italienische gefunden werden konnte - das sage ich jetzt auch ein bisschen verallgemeinernd allerdings - während in den USA das Heterogene, das völlig Unübersichtliche, das im Abgrund lauernde, der Widerspruch gefunden werden konnte."

In seinem neuen Roman beschreibt Meinecke das Schicksal deutscher Revolutionäre aus dem 19. Jahrhundert, die in Texas an ihrer Utopie arbeiten. Forty-Eighters, nannte man die dort. Sie folgten einem Versprechen, das irgendwie noch immer gültig scheint.

Thomas Meinecke: "Und es ist verrückt, wenn wir unsere deutsche Fahne ankucken, die Schwarz-Rot Goldene, dann ist sie nun wirklich aus einer Zeit der Versprechungen, des Aufbruchs, der Revolution und trotzdem kann ich es kaum aushalten, sie in den Straßen dauernd zu sehen, weil sie für mich immer im Kontext etwas verbindet, was ich als Nationalismus bezeichnen würde. Und das ist in den USA irgendwie anders, weil diese Flagge, die Stars and Stripes, den verschiedensten Gruppierungen zuzurechnen ist. Und das ist zumindest eine noch immer nicht fest ausgemalte Flagge. Weshalb ich sie selbst auch als irgendwie attraktiv empfinde."

Wie in Klein-Amerika

Hermann Mees: "Ich habe das mit so viel Liebe gemacht, das war einfach ein Teil meines Lebens geworden. Und heute stehe ich wieder in der Ledward Barracks vor dem Hauptquartier und fühle etwas Wehmut."

Herrmann Mees führt mich über das Gelände der ehemaligen US-Kaserne in Schweinfurt. Hier steht auch ein Fahnenmast, aber er ist verwaist. Mees ist 78 Jahre alt, 41 davon hat er hier gearbeitet, als technischer Betriebsleiter. Sein Job war es, die Infrastruktur für die Army in Schuss zu halten. Er winkt mich zu einer verglasten Tür bei einem der Schuppen.

Hermann Mees: "Da sehen Sie, da sind die Utility-Räume, das war unser Reich. Warten Sie, da können Sie reinkucken, schauen Sie Mal. Das ist jetzt die Gebäudeleittechnik, das war alles auf dem neuesten Stand."

Jetzt ist er über alles leer und öde, das Gras wuchert aus den Ritzen. Mees streicht sich über seine gebräunte Glatze. Das hat zu seiner Zeit besser ausgesehen.

Herrmann Mees vor der ehemaligen US-Kaserne (Heiner Kiesel)Herrmann Mees vor der ehemaligen US-Kaserne (Heiner Kiesel)
Hermann Mees: "In den Hochzeiten hatten wir hier bis zu 6000 Soldaten und mit den Familienangehörigen hatten wir hier bis zu 15.000 amerikanische Angehörige. Das ist für die Stadt Schweinfurt schon eine ganz schöne Zahl, wenn Sie bedenken, dass wir hier in Schweinfurt 54 bis 56.000 Einwohner hatten, waren alleine davon 14 bis oder 15.000 amerikanische Bürger."

Hier fehlt etwas. Amerika hat Schweinfurt verlassen. Reihenweise standen auf den betonierten Flächen im Norden des 26-Ha-Geländes Abrams-Panzer, Geschützlafetten, Transportlaster, daneben Lagerhallen und Werkstätten. Es gab eine kleine Baptistenkirche und ein Kino, einen Supermarkt, in dem nur US-Bürger einkaufen durften.

Hermann Mees: "Und es ist auch alles hier amerikanisch geführt, gemanaged und inszeniert worden mit dem Hintergrund, die Familien sollen sich wirklich wie in Klein-Amerika fühlen. Und wir mussten auch alles so ändern, in den 70/80er Jahren, dass es nicht mehr an die deutsche Wehrmacht erinnert, sondern, dass es für sie das Gefühl ist, hier bin ich in meiner Heimat."

Sie waren die Beschützer, die dafür sogen sollten, dass die Rote Armee nicht einfiel. Bis zu den 90er-Jahren waren um die 200.000 US-Soldaten in Westdeutschland, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und auch in Berlin. Wir Kinder im Süden Deutschlands haben sie in den Wäldern getroffen, ständig waren Manöver. Die GIs waren immer voll locker. Ansonsten Dann gab's noch die alljährlichen Freundschaftsfeste. Die waren ganz beliebt, aber ansonsten war die Bevölkerung überwiegend ganz froh, nichts mit den Amis zu tun zu haben. Viel fraternisiert wurde nicht. Die Vorurteile von früher sind ziemlich hartnäckig. Hier in Franken war das auch noch in den 80ern eine Schande für die Familie, wenn eine Tochter mit einem GI, oder Gott bewahre, mit einem Neger, ausging. Mees erinnert sich an ein regionales Schimpfwort für die Soldaten.

Hermann Mees: "Zupfer, Zupfer war so ein Schimpfwort, eigentlich. Ja, weil die Amerikaner an allem gezupft haben, ja, insbesondere an deutschen Frauen. Deswegen hat man sie alle Zupfer genannt."

Mees hebt abwehrend die Hände hoch. Das ist nicht seine Meinung. Er selbst lässt nichts Schlechtes über seine früheren Arbeitgeber kommen. Von ihm aus könnte es in Deutschland überhaupt ein bisschen amerikanischer zugehen.

Hermann Mees: "Die haben uns wirklich ein Stück Kultur gebracht. Sicherlich in einer völlig anderen Form, also auch diese Lässigkeit, dieser wunderschöne Small-Talk, wenn wir uns Abends getroffen haben.
Ich kann mich immer noch daran erinnern, wenn die Steaks gemacht haben ... Es war ja amerikanisches Fleisch, das war der absolute Traum. Ich bin heute noch ein Fan vom amerikanischem Steakfleisch. Es tut mir leid, aber so ist es eben."

Peter Hoeres: "Wenn wir jetzt mal die Nachkriegszeit anschauen, dann waren die Amerikaner in Toto natürlich erstmal die guten Besatzer und im Verlauf der 50er Jahre dann die Beschützer. Na, die Beschützer eben vor dem Kommunismus, vor dem Ostblock. Dann mit Kennedy war eine Projektionsfigur da, auf die sich die Hoffnungen und Sehnsüchte der Deutschen richteten. Nach seiner Ermordung - Lyndon B. Johnson - kam es dann schon zu ersten deutlichen Rissen."

Reagan, Bush, Trump

Peter Hoeres, der Historiker aus Würzburg, beschreibt die jüngere Vergangenheit. Die Zeit, in der die Amerikaner noch sehr präsent in Deutschland sind, aber ihr Ansehen bei den Deutschen schwindet. Vietnam, Watergate, Wettrüsten und dann ...

Ronald Reagan: "Mr. Gorbachev tear down this wall!"

... auch noch ein Schauspieler als Präsident.

Peter Hoeres: "Es ist einfach ein Unverständnis in Deutschland. Wie konnte man damals Reagan wählen, wie konnte man George W. Bush wählen, beide wurden ja auch wiedergewählt, das hat wieder für Erschütterung gesorgt. Wie kann jetzt Trump so durchmarschieren durch die Vorwahlen? Das verstehen wir nicht und wollen das letztlich auch nicht verstehen."

Es steckt einfach zu viel Amerika in uns, als dass wir uns mit der realen USA so einfach abfinden könnten. Sie haben uns befreit und zu Demokraten gemacht. Wenn wir uns über die USA aufregen, ärgern wir uns immer auch über uns selbst. Und dann hegen wir diese widerstreitenden Vorstellungen von den USA. Das beständige Schwanken zwischen Abgrenzung und Nähe. Wie soll man damit nur umgehen?

Peter Hoeres: "Ja, das Bild ist dissonant. Einerseits mögen wir die amerikanische Kultur, die amerikanischen Werte und haben sie letztlich auch übernommen. Auf der anderen Seite sind wir immer wieder entsetzt über - besonders natürlich - amerikanische Politiker, aber auch über amerikanische Zustände. Man strebt natürlich auch danach, würde ich auch sagen, solche Fremdbilder möglichst konsistent zu formen. Das erleichtert eben das Ganze auch - Komplexitätsreduktion würde Luhmann sagen. Und das gelingt eben bei den USA nicht ganz so einfach wie bei anderen Nationen und den Bildern, die wir uns von ihnen machen."

Bundestagsabgeordneter Klaus Ernst  (Heiner Kiesel)Bundestagsabgeordneter Klaus Ernst (Heiner Kiesel)
Klaus Ernst: "Wenn sie nach meinen gegenwärtigen Bild von der USA fragen, dann hat sich das natürlich dramatisch zu dem verändert, was früher mein Bild von der USA war."

Klaus Ernst, seit zehn Jahren Abgeordneter des Deutschen Bundestages und dort stellvertretender Vorsitzender der Linken. Er macht nicht den Eindruck, dass er Schwierigkeiten hat mit einem dissonanten, widersprüchlichen Amerikabild.

Klaus Ernst: "Wenn man weiß, dass die Amerikaner unsere Kanzlerin abhören, in dem man weiß, dass sie die ganze Welt belogen haben, in dem sie behauptet haben, dass im Irak Massenvernichtungswaffen sind, die nie gefunden wurden. Dann ist es doch schon ein anderes Bild. Auch die Tatsache der Kriege, die die USA führen - geheime und öffentliche Kriege - die zur Destabilisierung des gesamten Nahen Ostens geführt haben - die wir jetzt ausbaden mit den vielen Flüchtlingen die aus diesen Gebieten fliehen - dann weiß man, die USA sind nicht nur die Macht, die mit Menschenrechten in Verbindung gebracht werden, sondern eine ganz knallharte Macht, der es um eigene Interessen geht."#

Zwischen harter Kritik und Schwärmerei 

Auf den ersten Blick hat Ernst seine Erwartungen an die USA nach Faktenlage angepasst. Es wird sich gleich noch zeigen, an welcher Stelle ihn die Schwärmerei dann doch wieder packt. Auf die Habenseite der USA kommt er von selbst eher nicht zu sprechen. Befreiung vom Hitlerfaschismus?

Klaus Ernst: "Die Dankbarkeit darf nicht dazu führen, dass man auf ewig unterwürfig ist."

Mit vielen seiner Kollegen im Bundestag ...

Klaus Ernst: "Leider noch demütig, ha!"

... ist Ernst ziemlich unzufrieden, wenn es um ihren Umgang mit der USA geht. Bei der leisesten Kritik würde ihm Antiamerikanismus vorgeworfen. Die hätten dort die Zeichen der Zeit einfach nicht erkannt.

Klaus Ernst: "Also die Amerikaner haben sich in einer Weise entwickelt, wo eigene Werte, die sie in den Vordergrund gestellt haben nicht mehr gelten und wo das Bild, das die USA von sich selbst gerne hätte, der Realität nicht mehr stand hält und deshalb wenden sich viele Bürger und Bürgerinnen eher kritischer den USA zu, als sie es vorher gemacht haben."

Roderich Kiesewetter: "Ich heiße Roderich Kiesewetter, bin seit sieben Jahren Bundestagsabgeordneter und habe in meinem 52-jhrigen Leben sehr viel mit den USA zu tun gehabt, war früher auch als Jugendlicher sehr, sehr euphorisch, was die USA anging, als großer, starker,  verlässlicher Partner."

Der Obmann der Unionsfraktion im Auswärtigen Ausschuss kämpft auch damit, dass die alten Gewissheiten über Amerika ins Schwanken geraten sind.

Roderich Kiesewetter: "Und das ist weiterhin positiv, als überzeugter Transatlantiker, belegt. Aber ich bin auch traurig darüber, wie die Amerikaner mit dem früher guten Ruf, den sie hatten über die Jahre umgegangen sind."

Er beobachtet genau, wie die USA agieren. Und wenn es Probleme mit dem Verbündeten gibt, weil er einen zum Beispiel ausspäht, dann scheint das für ihn eher ein Denkanstoß zu sein, denn ein Affront.

Roderich Kiesewetter: "Wir Deutschen beginnen langsam zu begreifen, dass wir, wenn wir Sicherheit in Deutschland haben wollen, starke Nachrichtendienste brauchen. Aber die NSA-Affäre hat eben eher offengelegt, wie schwach er BND ausgestattet ist und wie anfällig er war für Unterstützung von der NSA."

Bei Kiesewetter schlägt die positive Grundierung seines Amerikabildes immer wieder durch. Wo sein Kollege von der Linken, Klaus Ernst, die "knallharte" Interessenpolitik der USA geißelt, sieht der Unionsabgeordnete mehr eine Blaupause für Deutschland.

Roderich Kiesewetter: "Aber als Außenpolitiker weiß ich auch, dass die Amerikaner sehr stark interessenorientiert vorgehen und das ist für uns Deutsche sicherlich ein Rollenmodell, über das wir vielleicht nachdenken sollten."

Barack Obama: "We are heirs to a struggle for Freedom, we are a people of improbable hope, with an eye towards the future, with resolve in our heart. Let us remember this history an answer our destiny and remake the world once again."

Peter Hoeres: "Wir schauen eben auf die USA und das letzte Mal hat man es bei Obama gesehen: Ich meine, Obama als Kandidat geht an die Siegessäule in Berlin und verspricht eine Heilung der Welt und Hunderttausende haben gejubelt. – das ist ja schon ein ganz eigenartiges Phänomen!"

Wir können einfach nichts dagegen tun. Ständig passiert es wieder, dass wir unsere Hoffnungen in Amerika setzen. Die Idee davon ist so aufgeladen, mit dem, was uns wichtig ist. Die USA sind zu sehr Supermacht, um sie zu ignorieren. In der Soziologie gibt es den Begriff der kontrafaktischen Stabilität. Der ist auch von Niklas Luhmann. Dieser Zustand tritt dann ein, wenn eine Gesellschaft trotz aller enttäuschten Erwartungen, nicht aufhören will an etwas zu glauben. Selbst der vehemente Amerika-Kritiker Klaus Ernst beginnt am Ende unseres Gespräches, da geht es um den US-Demokraten Bernie Sanders, wieder von der Tatkraft und den Möglichkeiten da drüben, jenseits des Atlantik zu schwärmen.

Klaus Ernst: "Dass so einer so einen Zuspruch hat, der ja an die Grundfesten des Kapitalismus herangeht, der sagt, die Verteilung stimmt nicht mehr zwischen arm und reich. Das sind alles Dinge, so Dinge ... und die Konsequenz, der sie  Finanzkrise bewältigt haben ... Also wenn es dann mal eng wird, dann trauen sie sich, sage ich mal."

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