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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.02.2012

Gehirne suchen den Kick

David Linden: "High. Woher die guten Gefühle kommen", C.H. Beck, München 2012, 272 Seiten

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Laufen, Sex, Einkaufen oder Essen lassen das Gehirn auf ähnliche Weise jubeln. (AP Archiv)
Laufen, Sex, Einkaufen oder Essen lassen das Gehirn auf ähnliche Weise jubeln. (AP Archiv)

Wie entstehen Hochgefühle? Anhand anschaulicher Beispiele erklärt der amerikanische Neurowissenschaftler David J. Linden, was in unserem Gehirn geschieht, wenn wir Freude, Vergnügen und Lust empfinden. Eine Einführung in den Forschungsstand zum Thema "Wohlfühlen".

Denken, Rechnen, Informationen speichern und abrufen. Die über 100 Milliarden Nervenzellen in unserem Gehirn haben viele Aufgaben zu erfüllen. Aber anders als bei den Schaltkreisen im Computer steht die Informationsverarbeitung für unser Gehirn nicht im Vordergrund. Es will mehr. Es braucht den Kick.

Sachkundig und zugleich unterhaltsam beschreibt der renommierte Neurowissenschaftler David J. Linden, wie die ständige Suche nach guten Gefühlen unser Leben prägt. Ein Lottogewinn kann uns ebenso ein Hochgefühl verschaffen wie eine Achterbahnfahrt, eine rauschende Ballnacht, ein Dauerlauf oder eine Meditation. Jeder Moment des Glücks aktiviert ein Belohnungszentrum im Gehirn. Der Botenstoff Dopamin wird ausgeschüttet und sorgt vorübergehend für Freude, Vergnügen oder Lust.

Sex, Einkaufen oder Essen lassen das Gehirn auf ähnliche Weise jubeln. Und wenn unser Gehirn einmal herausgefunden hat, wie und wann es sich am besten belohnt, dann kann und will es nicht mehr aufhören. Was eben noch eine Quelle für gute Gefühle war, wird dann zum Ursprung einer Sucht. Sobald sich der Kick auf Kommando wiederholen lässt, gibt es kein Halten mehr. So entsteht Sexsucht, Kaufsucht oder Drogensucht. Alkohol, Nikotin, Kokain, Opiate oder Amphetamine dienen als Ersatz. Alle diese Stoffe wirken in unterschiedlicher Weise auf das Belohnungszentrum im Gehirn.

Um zu zeigen, wie aus einem guten Gefühl eine Sucht wird, beschreibt David J. Linden einen Tierversuch aus den 50er-Jahren. Die Forscher hatten damals bereits herausgefunden, welche Region im Gehirn ihrer Laborraten sie elektrisch stimulieren mussten, damit die Tiere sich wohlfühlten. Sobald nun eine Ratte in eine bestimmte Ecke ihres Käfigs kam, stimulierten sie das Belohnungszentrum im Gehirn. Schon bald suchten die Tiere die gleiche Ecke immer wieder auf. Schließlich wollten sie nicht mehr weg. Sie waren süchtig geworden. Der Kick wurde zum Dauerereignis. Sie vergaßen sogar das Fressen und den Sex.

Sachlich und anschaulich beschreibt David J. Linden den Zusammenhang von guten Gefühlen und Sucht. Beide beruhen auf den gleichen Vorgängen im Gehirn. Dabei taucht er tief ein in die moderne Neurowissenschaft, geht aber auch auf gesellschaftliche Zusammenhänge ein und bezieht Stellung. Nach seiner Einschätzung lässt sich Sucht ohne Kenntnisse des menschlichen Gefühlslebens weder verstehen noch bekämpfen. Denn Sucht ist eine Krankheit, gegen die sich mit Willensstärke allein nichts ausrichten lässt.

"High" ist ein eindrucksvolles Plädoyer gegen die Dämonisierung von Suchtverhalten. Denn das Leben jedes Menschen ist eine Gratwanderung zwischen dem Streben nach Glück und der Bedrohung durch die Sucht. Das Buch liefert keine einfachen Rezepte zum Glücklichsein oder zur Suchtprävention. Aber es bietet eine verständliche Einführung in den aktuellen Forschungsstand der Neurowissenschaften zum Thema "Wohlfühlen". Dabei wird klar, dass die Wissenschaft noch ganz am Anfang steht.

Besprochen von Michael Lange

David Linden: High. Woher die guten Gefühle kommen
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
C.H. Beck, München 2012
272 Seiten, 19,95 Euro

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