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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.08.2007

Geformte Persönlichkeit

Judith Rich Harris: "Jeder ist anders", Deutsche Verlags-Anstalt, 2007, 416 Seiten

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Menschenmenge (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)
Menschenmenge (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)

In "Jeder ist anders" untersucht die US-amerikanische Wissenschaftsautorin die Frage nach der Herkunft menschlicher Individualität. Ihre Antwort: In der Evolution hat der menschliche Geist "mentale Organe" beziehungsweise Systeme entwickelt, um Beziehungen zu handhaben, sich zu sozialisieren und um wettbewerbsfähig zu sein.

Judith Rich Harris steht in "Jeder ist anders" unter dem Eindruck des Aufruhrs, den "Ist Erziehung sinnlos?" hervorgerufen hat. In den ersten Kapiteln kommt die Autorin, die sich als "ungläubiger Thomas" stilisiert, notorisch auf ihre private Situation, ihre Keilereien mit US-amerikanischen Koryphäen wie Jerome Kagan sowie Scharmützel rund um die Zeitschrift "American Psychologist" zu sprechen. Dazwischen geschaltet: Schnellkurse zur Korrelation und Varianz, Bekenntnisse zu Evolutionspsychologie und Verhaltensgenetik als "neuen Besen" des Fachs, Sherlock-Holmes-Sprüche. Der Stil variiert zwischen guter Wissenschaftsprosa und Flapsigkeit ("nicht viele Menschen lenken Flugzeuge in Hochhäuser, manche aber tun es").

Der Leser erhält stimmungsvolle Bilder von der chronisch kranken Autorin und dem Allzumenschlichen im Wissenschaftsbetrieb, muss sich aber die roten Fäden zunächst selbst weben. Harris hat die "wissenschaftliche Detektivgeschichte" als Narrativ gewählt, jagt den "Persönlichkeitsgestalter" und kokettiert mit Problemen: "Es besteht kein Zweifel, dass der Täter, nach dem ich fahnde, schwer zu fassen ist."

"Es war ihre Individualität, für die sie starben" – bemerkt Harris zu den iranischen Zwillingen Laleh und Ladan Bijani, die 29 Jahre am Kopf verwachsen waren und die operative Trennung (von beiden gewollt) nicht überlebten. Für Harris erklärt keine gängige Individualitätstheorie die Verschiedenheit der Zwillinge, noch die anderer Menschen. Sie wendet sich gegen Modelle, die Individualität aus Lebens- und Familienumständen oder dem Zusammenspiel von Genen und Erziehung erklären. Sie argumentiert darwinistisch: Die Evolution habe die Persönlichkeit plastisch gestaltet (also formbar), weil Anpassungs- und Lernfähigkeit die Überlebenschancen erhöhen.

Ab Seite 200 findet Harris endlich in ihre Spur: Sie begreift den menschlichen Geist als "modular", das heißt, als Zusammensetzung spezialisierten Mechanismen. Bei der Kindesentwicklung sei die Fähigkeit entscheidend, Beziehungen aufzubauen, die Sozialisation zu absolvieren und langfristig im Wettbewerb zu bestehen (Beziehungs-, Sozial- und Statussystem). Das Statussystem ist für Harris der eigentliche Agent der menschlichen Individualität. Aus Statusstreben hätten auch die Zwillinge Laleh und Ladan ihr Leben riskiert.

Harris weiß offenbar selbst, dass ihre mentalen Organe höchst vage Instanzen bleiben. Sie schreibt: "Dass es so schwierig ist, den Einfluss dieser drei Systeme voneinander und vom Einfluss der Gene zu unterscheiden, hat damit zu tun, dass die drei oftmals zusammenwirken und einen gemeinsamen Output hervorbringen." Jeder ist anders ist ein zugleich sprunghaftes und schematisches Werk, dessen Detektiv-Spiele bisweilen kindisch wirken. Harris hat eine Menge disparater Materialen vereinigt. Konzentration auf die Hauptsache wäre nützlicher gewesen.

Rezensiert von Arno Orzessek

Judith Rich Harris: Jeder ist anders. Das Rätsel der Individualität
Übersetzt von Susanne Kuhlmann-Krieg
Deutsche Verlags-Anstalt, Verlagsgruppe Random House House GmbH
München, August 2007
416 Seiten, 24,95 Euro

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