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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 27.01.2017

Gefährliches KinoWie Hollywood unser Denken verändert

Von Hartwig Tegeler

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Links: Der inzwischen verstorbene Schauspieler Heath Ledger als Joker in in The Dark Knight. Rechts: Bei einem Protest gegen Donald Trump trägt ein Demonstrant eine Maske. (imago/ZUMA Press)
Links: Heath Ledger als "Joker", rechts: Ein Demonstrant mit Trump-Maske. Was macht Hollywood-Kino mit uns? (imago/ZUMA Press)

Superhelden wie Batman, Ironman oder Spiderman leben uns eine Vereinfachung der Welt vor, die sich tief in unseren Köpfen einnistet, meint der Publizist Hartwig Tegeler. Spätestens mit Donald Trump seien ihre Konzepte zur Konfliktbewältigung in der Realität angekommen.

Armageddon, Jüngstes Gericht, Apokalypse,  Krieg, der zwischen Gut und Böse herrscht, sowieso. Und höret Ihr da, die Ihr Euch schon aufgegeben hattet, die Ihr Euch abgehängt wähntet von wirtschaftlicher Entwicklung, Ihr, aus den verkommenen Industriestädten: Hört den Held aus "Star Wars" … oder war es einer von den "Avengers"? Oder "Dr. Strange"? Oder war's ein Tweet aus dem Oval Office? Egal, die Botschaft lautet: Wir werden den Krieg gewinnen. Wobei: Schuld sind immer anderen, die Chinesen, Darth Vader, Globalisierung, Super-Bösewicht Joker, die Medien in jedem Fall oder die in Washington, Brüssel, Berlin.

Damit sind wir nun … wohin geraten? In eine Superhelden-Comicverfilmung aus dem DC-Universum? In eine Regierungs-Pressekonferenz in Washington D.C.? Oder schon in den deutschen Bundestags-Vorwahlkampf? Alles eins. Denn ein Messias wird die Rettung bringen. Wird er versprechen.

Manchmal sind die Superhelden-Weltretter im Hollywoodfilm tatsächlich Präsidenten. Wie einst Bill Pullman in "Independence Day", der an der Spitze der Kampfjets die Aliens killte. Ich kriege immer noch patriotisch-feuchte Augen, wenn er ruft: "Wir werden nicht schweigend in der Nacht untergehen!"

Gewalt als einzige Problemlösung

Was das Nachdenken über die gesellschaftlichen Auswirkungen von audiovisuellen Bildern angeht, sind wir bei Videospielen weiter als im Kino. Der Nerd vorm Computer, der nach Aufsaugen von zu viel gewalttätigen Bildern möglicherweise selbst gewalttätig wird, ist inzwischen Gegenstand seriöser Forschung. Alles harmlos, sagen die einen Studien. Von wegen, die anderen. Bestimmte Spiele seien schädlich für die Entwicklung von Empathie, und in Verbindung beispielsweise mit familiärer Gewalt in prekären sozialen Verhältnissen förderten sie aggressives Verhalten.

Unter den Tisch fällt dabei meist, dass nicht nur Videos im heimischen Kämmerlein, sondern auch die große Leinwand des Kinos permanent Geschichten anbietet, die Gewalt als einzige Problemlösung präferieren. Nicht Empathie, Solidarität, der kommunikative Diskurs, sondern Krieg rettet Welt und Zivilisation.

Vereinfachung als Angebot

Das Problem an solchen Rettungen durch den Superhelden ist eine Vereinfachung von Welt, die in Dauerschleife vor uns abgespult wird und sich in der Wiederholung tiefer und tiefer eingräbt. Vereinfachung trifft im Zeitalter des Postfaktischen, von Fake News oder sogenannten "alternativen" Faten auf einen fruchtbaren Boden.

Vereinfachung als Angebot, wie gesagt. Quasi als Werbebotschaft, die Tore für Rattenfänger aufreißt, wenn diese Weltsicht auf eine psychische wie soziale Verunsicherung trifft. Bei denen, die sich als abgehängt wahrnehmen.

Die Superheldenfilme wären als albern abzutun, wenn sie nicht mit Donald Trump in der Realität angekommen zu sein scheinen, weil der mächtigste Mann der Welt genau so vereinfacht die Welt sieht: superheldenmäßig, schwarz-weiß, Freund-Feind. Und diesen Feind gilt es nicht zu überzeugen, sondern auszumerzen.

Fiktion ist an die Stelle von Geschichte getreten

Hollywood-Filme folgen in der Regel einer Drei-Akte-Struktur: Exposition, Konfrontation, Auflösung. Die Exposition haben wir hinter uns. Jetzt sind wir im Hauptteil und müssen fragen: Spielt Milliardär Donald Trump einen milliardenschweren Superhelden wie Batman oder Iron Man nach? Oder umgekehrt? Ist Fiktion endgültig an die Stelle von Geschichte getreten?

Nur noch eine Frage: Was, wenn die, die den großen Vereinfacher Trump wählten, was, wenn diese Abgehängten erkennen müssen, dass er nicht ihre, sondern ganz andere, seine eigenen Interessen vertritt?

Im Film wie historisch gibt es für traumatisches Erwachen Vergleiche, die in blutiges Aufbegehren münden. Variante 1. Variante 2: Die Präsentation eines neuen Superhelden. 2017 kommt Wolverine wieder auf die Leinwand oder ein neuer Wächter der Galaxie ... zur Beruhigung.

Hartwig Tegeler (privat)Hartwig Tegeler (privat)Hartwig Tegeler, geboren 1956 in Nordenham-Hoffe an der Unterweser, begann nach einem Studium der Germanistik und Politologie in Hamburg seine journalistische Arbeit bei einem Privatsender und arbeitet seit 1990 als Freier Hörfunk-Autor und -Regisseur in der ARD, schreibt Filmkritiken, Features und Reportagen.

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