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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 03.08.2015

Fundamentalismus in AcehBei Verfehlung 100 Stockhiebe

Von Thomas Kruchem

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Sharia-Polizisten plazieren eine Frau zur öffentlichen Auspeitschung in Banda Aceh, Indonesien am 12. Juni 2015.  (picture alliance / dpa / Hotli Simanjuntak)
Sharia-Polizisten plazieren in Banda Aceh eine Frau zur öffentlichen Auspeitschung. (picture alliance / dpa / Hotli Simanjuntak)

Das Leben in der indonesischen Provinz Aceh ist streng nach den Regeln des Korans ausgerichtet. Seit dem Ende des Bürgerkriegs vor zehn Jahren regieren hier die Rebellen von damals – die sich für einen aus ihrer Sicht unverfälschten sunnitischen Islam starkmachen.

Weit holt der Scharfrichter aus und lässt den anderthalb Meter langen Rohrstock hinunter fahren auf den Rücken der vor Schmerz schreienden Frau.  

Die Strafe der öffentlichen Auspeitschung für moralische Vergehen ist üblich in Ländern, wo man die Regeln der Scharia, des islamischen Strafrechts, radikal auslegt: in Saudi-Arabien, Sudan, Somalia und seit einiger Zeit auch in Aceh, einer Provinz an der Nordspitze der indonesischen Insel Sumatra. Viele Acehnesen halten Körperstrafen im Rahmen der Scharia für richtig – Fatalan Ameni, zum Beispiel, ein junger Grundschullehrer in Achehs Hauptstadt Banda Aceh.

"Wir praktizieren die Scharia äußerst streng, um das soziale Leben hier in Aceh zu kontrollieren. Begehe ich zum Beispiel Ehebruch, verfalle dem Glücksspiel oder dem Alkohol, dann handle ich gegen unser aller Religion, den Islam. Die Scharia-Polizei wird mich deshalb festnehmen. Das Scharia-Gericht wird mich zu einer bestimmten Anzahl von Schlägen verurteilen.

Die öffentlich auf einer Bühne exekutierte Strafe jedoch soll den Delinquenten nicht verletzen. Nach der Bestrafung verlässt er dann die Bühne; und die Menschen umarmen ihn. 'Hast du genug zu essen?' fragen sie ihn, 'genug Reis, Zucker und Kaffee? Wir wollen dich wieder in unsere Gemeinschaft aufnehmen; wir lieben dich. Du hast einen Fehler gemacht und die Strafe dafür ertragen. Jetzt gehörst Du wieder zu uns; und wir helfen dir, wann immer Du Hilfe brauchst.'"

Mit ganz anderen Worten befürwortet im Dorf Lam Teungoh wenige Kilometer außerhalb der Stadt der Fischer, Bauer und Dorfvorsteher Baharruddin eine möglichst strikte Auslegung des Korans. Der 55-Jährige ist ein schmächtiger  Mann mit fragend nach innen gerichtetem Blick hinter dicken Brillengläsern.

Hinter ihm, an der hell-lila gestrichenen Wand seines Hauses, hängen Bilder seiner Frau und seiner vier Kinder. Sie alle fielen der Tsunami-Katastrophe am 26. Dezember 2004 zum Opfer.

"Wir Menschen hier in Aceh hatten die Geduld Allahs überstrapaziert", meint Baharuddin. "Wir hatten zu viel gesündigt in den vielen Jahren des Bürgerkriegs."

Ein Krieg, der allein in zwischen 1999 und 2005 12.000 Menschenleben forderte.

"Allah hat uns aufgerüttelt mit dieser Katastrophe. Wir sollten aufhören mit dem Bürgerkrieg, der so viele unschuldige Menschen das Leben gekostet hatte. Und wir sollten aufhören, herumzuhuren in den Bordellen unserer Städte. Diese Lektion haben wir zum Glück gelernt."

Immer mehr Vorschriften

Systematisch hat sich die Regierung der autonomen Provinz Aceh das Recht ertrotzt, immer neue Bereiche auch des privatesten Lebens den Vorschriften des Koran zu unterwerfen. Frauen müssen den ganzen Körper verhüllende Gewänder tragen und den Hijab, einen langen Schleier. Glücksspiel und Alkohol sind verboten. Unverheiratete Paare dürfen sich nicht allein treffen; Homosexualität gilt als Verbrechen.

Durchgesetzt werden diese Gebote von einer Scharia-Polizei, die in feldgrünen Uniformen patrouilliert. Scharia-Gerichte verurteilen überführte Delinquenten zu Prügelstrafen, die im Rahmen eines öffentlichen Spektakels verabreicht werden. Der Tarif für Sex außerhalb der Ehe liegt bei 100 Stockhieben.

Nun exportieren sie ihr Verständnis des Islams in andere Regionen des Inselstaates, obwohl Indonesien ein säkulares Staatswesen ist und der Islam keine Staatsreligion.

Chairul Fahmi, ein Soziologe, er forscht am – international geförderten – Aceh Institute das Verhältnis zwischen Politik und Zivilgesellschaft in der Provinz. Der Gelehrte greift während des Gesprächs immer wieder zu Folianten in arabischer Schrift, die in verstaubten Glasvitrinen liegen. Die Regulierung des sexuellen Lebens durch die Scharia erklärt er damit, dass die Ehre des Einzelnen und seiner Familie geschützt werden müsse. Die Scharia-Strafen hält auch er für nicht so schlimm, wie sie aussähen.

"Diese Strafen verfolgen in erster Linie das Ziel, den Delinquenten öffentlich bloßzustellen, damit er bereut und andere abgeschreckt werden. Vor der Bestrafung zieht der Verurteilte eine dicke Jacke an. Der die Strafe ausführende Scharia-Polizist darf nicht zu stark ausholen.

Sicher, Striemen auf dem Rücken haben die Geschlagenen anschließend, aber noch keiner musste meines Wissens wegen solcher Verletzungen ärztlich behandelt werden. Nur einmal wurde eine Frau ins Krankenhaus eingeliefert – dies aber nicht wegen ihrer Verletzungen, sondern weil sie infolge der öffentlichen Bloßstellung und Schande ohnmächtig geworden war."

Die Prügelstrafe als eine heilsame Lektion für Übeltäter. Diese Theorie predigen unverdrossen auch viele Politiker ausländischen Besuchern in Aceh. Ganz anders sprechen Menschen, die wenig anfangen können mit islamischer Theologie und Ideologie – wie die die alte Bäuerin Ani im Dorf Lam Teungoh:

"Ich habe einmal mit angeschaut, wie sie auf dem Hof einer Moschee Ehebrecher bestraft haben. Der Mann wurde von einem Mann geschlagen, die Frau von einer Frau. Beide haben furchtbar geschrien, weil das wohl sehr wehtat."

Steinigung von Ehebrechern

Eine eindeutige Sprache spricht auch die Gesetzgebung in Aceh: 2009 verabschiedete das Parlament eine Bestimmung, die die Steinigung von Ehebrechern vorsieht. Dies Gesetz trat nur deshalb nicht in Kraft, weil sich der damalige Gouverneur weigerte, es zu unterschreiben.

In der methodistischen Kirche von Banda Aceh, einem schlichten Zweckbau, feiert die Gemeinde ihren Sonntagsgottesdienst. Nach dem Tsunami haben die 300 Gemeindemitglieder ihr damals zerstörtes Gotteshaus wieder aufgebaut.

"Leider nicht so groß, wie wir es wollten", klagt Johann, der aus China stammende Pfarrer der Gemeinde. Die von strengen Muslimen beherrschte Stadtverwaltung stellte sich quer.

Insgesamt 90.000 Christen leben in Aceh, knapp zwei Prozent der Bevölkerung. Viele gehören der chinesisch-stämmigen Minderheit an. In einer derzeit noch subtilen Art und Weise bedrohe wachsender muslimischer Fundamentalismus Christen wie Buddhisten Acehs, meint der Pfarrer.

"Im Distrikt Bireuen betreiben wir Methodisten einen Kindergarten. Dorthin haben früher auch viele Muslime ihre Kinder geschickt. Vor einigen Jahren jedoch wurden sie von radikalen Kräften bedroht: 'Wagt es nicht, eure Kinder weiter von Christen in indoktrinieren zu lassen.' Und uns ließ die Stadtverwaltung inoffiziell wissen, es sei besser für uns, keine Muslime mehr aufzunehmen."

Drei protestantische Kirchen und eine katholische gibt es in Banda Aceh. Viele Christen aber, berichtet der methodistische Pfarrer, feiern ihre Gottesdienste auch in halb privatem Rahmen.

"Es gibt hier, wissen Sie, eine weit verbreitete Hausbauweise, die wir Romatako nennen: Im Erdgeschoss ist ein Laden untergebracht und im Obergeschoss eine Wohnung. Solche Wohnungen nutzen wir Christen seit langem auch als Kirchen. Plötzlich aber kam die Regierung und schloss viele solcher Kirchen – mit der Begründung, wir hätten gegen die Bauvorschriften verstoßen und Wohnraum zweckentfremdet."

Sorge unter den Christen

Von bürokratischer Schikane und Anfeindungen im Alltag sei es oft nur ein kleiner Schritt zu offener Diskriminierung oder gar Pogromen, sorgt sich Pfarrer Johann. Hinzu kommt: Im Dezember 2013 unterzeichnete Gouverneur Zaini Abdullah eine Verordnung, nach der auch Nicht-Muslime in Aceh die Regeln der Scharia befolgen müssen. Ein Veto der Zentralregierung in Jakarta verhindert vorläufig die Umsetzung der Verordnung.

"Wirklich Angst, dass uns die Scharia aufgezwungen wird, haben wir noch nicht. Denn das öffentliche Leben Indonesiens beruht immer noch auf unserer offiziellen Staatsphilosophie, in der religiöse Freiheit und Toleranz eine große Rolle spielen. Trotzdem sind wir beunruhigt. Denn zumindest die neue Bürgermeisterin von Banda Aceh will allen Bürgern der Stadt die Scharia aufzwingen."

Diskriminierung von Christen, Ausdehnung der Scharia auf Nicht-Muslime? "Alles Unsinn", sagt in seinem Büro Suleiman Abda, der recht beleibte und jovial auftretende Vizepräsident des Parlaments von Aceh. Abda gilt als engagierter Befürworter der Scharia in Aceh, wirft zugleich aber Christen wie ausländischen Kritikern Paranoia vor.

"Dass hier Christen ausgegrenzt und Vorschriften der Scharia auf Nicht-Muslime angewandt werden, ist nichts als ein Gerücht. Und bei offiziellen Anlässen feiern Angehörige aller Religionen gemeinsam. Überhaupt: Dort drüben, auf der anderen Straßenseite, steht eine Kirche. Muss die bewacht werden? Wird die mit Steinen beworfen? Nein. Und ich kann Ihnen nur empfehlen, bösartig in die Welt gesetzten Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Damit wollen gewisse Kräfte nur Investoren von Aceh fernhalten."

Ein hellgrün gestrichenes Häuschen, gelegen in einem bunt blühenden und liebevoll gepflegten Garten am Rande der Innenstadt von Banda Aceh. In einem Seminarraum diskutieren 20 junge Frauen und Männer über die Poesie acehnesischer Freiheitskämpferinnen – angeleitet von einer an der Tafel stehenden Dozentin. Veranstalter des Seminars ist  eine kleine Frauenorganisation mit dem Namen APIK, die der Scharia-Diktatur in Aceh höchst kritisch gegenüber steht. APIK gewährt Frauen vor allem juristische Hilfe gegenüber religiös motivierter Willkür.

Gegen Frauen-Diskriminierung

Gegründet wurde die Organisation von der Lehrerin Samsidar Kumbathy und von der Rechtsanwältin Azriana Rambemanalu. Zwei schon etwas ältere Frauen, die gleichwohl sehr unterschiedlich wirken. Die Einführung der Scharia in Aceh verkörpere vor allem eine Diskriminierung von Frauen, sagt Azriana Rambemanalu; eine Diskriminierung von Frauen, die die Hauptlast des Bürgerkriegs getragen hätten.

"Während des Kriegs mussten sich viele Männer in den Bergen verstecken. Die Frauen hier haben derweil ihre Familien ernährt; sie haben den Kämpfern Proviant und kriegswichtige Informationen besorgt; und sie haben das öffentliche Leben in den Dörfern organisiert, drangsaliert von der indonesischen Armee. Sobald die Männer aber zurückkamen aus dem Krieg, haben sie die Frauen zurückgeschickt an den Herd – sogar Frauen, die aktiv gekämpft hatten. Ihnen wurde überdies der Zugang zu staatlichen Demobilisierungsprogrammen verweigert."

In der Scharia, wie sie in Aceh praktiziert wird, sieht Rambemanalu primär ein Instrument zur Unterdrückung und zur gesellschaftlichen Ausgrenzung von Frauen.

"Frauen sind inzwischen fast völlig aus dem öffentlichen Leben Acehs verdrängt worden – dies, obwohl sie oft Familienoberhäupter sind. Zudem wird die Sexualität der Frau drastisch eingeschränkt. Nicht nur in Aceh, sondern auch in anderen Regionen Indonesiens gibt es seit kurzem Gesetze, nach denen vor einer Heirat die Jungfräulichkeit der Braut überprüft werden muss."

Über jeder Frau in Aceh, die selbstbestimmt ihr Leben gestalten wolle, schwebe wie ein Damoklesschwert das archaische Strafrecht der Scharia, erklärt die Frauenrechtlerin Und eine Prügelstrafe sei fast gleichbedeutend mit der Todesstrafe für die betroffene Frau.

"Die Konsequenzen einer solchen Strafe treffen Frauen ganz anders als Männer. Wenn ein Mann trinkt, spielt oder herumhurt, sagt man: 'Naja, das haben Männer schon immer getan.' Trinkt dagegen eine Frau oder hat sie Sex außerhalb der Ehe, dann reagiert die Gesellschaft extrem heftig. An jene Resozialisierung, von der die Regierung und die islamische Geistlichkeit so gern schwafeln, ist gar nicht zu denken. Im Gegenteil: Der Mann lässt sich scheiden; die Frau verliert ihre Kinder und ihren Arbeitsplatz; und sie muss fortziehen und ein völlig neues Leben beginnen. Dazu aber fehlt vielen Frauen schlicht und einfach die Kraft."

Doppelmoral der Rebellenführer

Samsidar Kumbathy berichtet von Frauen, die Selbstmord begingen, nachdem sie in die Mühlen der Scharia-Justiz geraten waren. Dann spricht sie spöttisch über Acehs neue Oberschicht aus ehemaligen Rebellenführern und Geschäftemachern.

Diese Leute jagten armen Chinesen, die daheim ein wenig Karten spielen, die Polizei auf den Hals. Sie selbst aber pokerten online und parkten mit Ihren Geländewagen vor Lokalen, von denen jeder wisse, dass es sich um kaum kaschierte Bordelle handle.

"Immer wieder versuchen radikale Islamisten, unsere Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Wir seien Agentinnen des Westens, sagen sie – oder Kommunistinnen. Wir hätten keine Moral und befürworteten zügellosen Sex. Und da wir beide schon etwas älter und nicht verheiratet sind, stellt man unsere sexuelle Orientierung infrage. Trotzdem kämpfen wir weiter für die Rechte der Frauen von Aceh und hoffen auf Hilfe, von wo auch immer sie kommen mag."

Aus dem Seminarraum sind die 22-jährige Ayu und ihr Freund Davi ins Besprechungszimmer gekommen. Beide studieren Gesellschaftswissenschaften und absolvieren ihr Praktikum bei einem amerikanischen Kulturinstitut. Während Ayu nur verlegen und bisweilen spöttisch lächelt, kann der junge Mann irgendwann nicht mehr an sich halten.

"Mag sein, dass die Gesetze ganz gut sind für die öffentliche Moral. Aber dass sie Frauen diskriminieren, sieht man schon auf der Straße. Frauen sollen, zum Beispiel, lange Röcke tragen. Aber wie sollen sie damit motorradfahren? Da hat es schon schlimme Unfälle gegeben. Außerdem dürfen Frauen nur seitlich auf dem Motorrad sitzen – was eine sehr wacklige Angelegenheit ist. Naja, für Frauen aus der Oberschicht, die Auto fahren, spielt das vielleicht keine Rolle. Für die meisten Frauen aber, die ich kenne, ist das ein echtes Problem."

Mehr zum Thema:

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