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Thema / Archiv | Beitrag vom 09.12.2011

"Für den Menschen hochgradig gefährlich"

Welche Schäden Pestizide beim Maisanbau anrichten

Reinhild Benning im Gespräch mit Joachim Scholl

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Mais-Monokulturen können der Umwelt schaden, meint der BUND.  (AP)
Mais-Monokulturen können der Umwelt schaden, meint der BUND. (AP)

Biogasanlagen sollen dazu beitragen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Dafür wird in großem Stil Mais angebaut - auch mit Hilfe des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat. Dabei jedoch handele es sich um ein gefährliches Gift, warnt Reinhild Benning vom BUND.

Joachim Scholl: Axel Flemming über die Folgen des massiven Anbaus von Mais in Brandenburg. Im Studio begrüße ich jetzt Reinhild Benning. Sie ist Agrarexpertin beim BUND, dem Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland. Willkommen im "Radiofeuilleton", Frau Benning!

Reinhild Benning: Guten Tag!

Scholl: Was wir da gerade aus Stabeshöhe gehört haben – hohe Belastung der Böden mit Pestiziden, Unkrautvernichtungsmitteln –, ist das nicht ein eklatanter Verstoß gegen Umweltschutzrichtlinien, und das Land tut so gut wie gar nichts?

Benning: Leider nein. Tatsache ist, dass die Umweltrichtlinien für die Landwirtschaft so weich und so verwässert sind, dass Landwirte im Rahmen der Regeln diese Verunreinigungen von Gewässern und auch Böden auslösen.

Scholl: Also selbst achtfache Erhöhung des Wertes oder so, das spielt keine Rolle?

Benning: Ja, der Landwirt hat ja erst einmal sozusagen nach Anweisung des Herstellers der Pestizide die Pestizide eingesetzt. Dass dort eine starke Hangneigung besteht und die Pestizide daraufhin zusammenlaufen, dass Gewässer in der Nähe sind, in denen empfindliche Amphibien leben oder Kinder baden, all das hat der Hersteller des Mittels natürlich nicht berücksichtigt, und der Landwirt hat keine Vorgaben, wie er sich in so einem Gelände anders mit Pestiziden verhalten soll.

Scholl: In Stabeshöhe hat man auch besonders hohe Konzentrationen vom Glyphosat festgestellt. Dieses Unkrautvernichtungsmittel wird in der ganzen Welt schon am häufigsten benutzt beim Anbau von Mais. Es soll absolut ungefährlich sein für Mensch und Tier laut Hersteller. Was ist das genau für ein Mittel?

Benning: Das Mittel Glyphosat ist ein hochgefährliches Gift, das zunächst alles Grüne abtötet, das wächst auf der Erde. Es ist auch Bestandteil gewesen von Agent Orange, das in Vietnam eingesetzt wurde zur Entlaubung der Wälder im Krieg Ende der 60er-Jahre. Jetzt wird dieses Mittel eingesetzt, um alle Gräser und Unkräuter abzutöten, etwa bevor neu gesät wird.

Scholl: Wenn Glyphosat aber so giftig ist, wie Sie das sagen – also der Hersteller sagt, es sei absolut ungefährlich.

Benning: Das Glyphosat ist hochgefährlich. Es kann das Erbgut schädigen, es greift Organismen im Boden an, die verantwortlich sind für die Humusbildung, das heißt, es macht Böden auf Dauer unfruchtbar, und es ist auch für den Menschen hochgradig gefährlich. Das sehen wir in Gebieten, wo es massiv eingesetzt wird, etwa in Lateinamerika.

Scholl: Es gibt immer größere Mais-Monokulturen überall in Deutschland jetzt. In manchen Regionen wird schon auf bis zu 70 Prozent der Ackerfläche Mais angebaut. Sind da eigentlich allein die Biogasanlagen schuld oder gibt es noch andere Gründe für diesen massiven Anstieg?

Benning: Für die Ausweitung des Maisanbaus gibt es mehrere Gründe. Zum einen wird Mais gerade auf dem Weltmarkt sehr gut bezahlt, und wer Körnermais anbaut und die Körner dann anschließend handelt, kann damit im Moment sehr gut Geld verdienen. Zum zweiten wird die Tierhaltung immer weiter ausgedehnt, insbesondere die industriellen Ställe mit viel Mastgeflügel wachsen gerade rapide an in Zehntausender-Einheiten, und auch diese Tiere fressen, und sie fressen vorwiegend Mais. Und die Biogas-Anlagen bilden da sozusagen noch ein drittes, um den Maisanbau voranzutreiben.

Scholl: Warum wird aber für den Maisanbau anscheinend gerade so viel Gift versprüht, dass man zum Beispiel jetzt auch anscheinend gar kein Problem hat, dieses Glyphosat einzusetzen?

Benning: Bei Mais ist es so, er verträgt sich zwar selbst, sodass man ihn Jahr auf Jahr anbauen kann, doch in den Pflanzenresten, die auf dem Feld verbleiben, können über den Winter Krankheiten und Schädlinge wunderbar überleben. Das heißt, ich habe von Jahr zu Jahr bei Monokulturanbau bei jeden Jahr Mais eine Verstärkung der Schädlinge und der Krankheiten. Und ebenso verhält es sich mit den Gräsern, die durchwachsen können. Also werden Glyphosat und auch andere Pestizide in hohen Dosen, letztlich jährlich höheren Dosen eingesetzt, weil Monokulturen die Probleme noch vorantreiben.

Scholl: Nun sind ja die meisten Menschen hierzulande froh über die Energiewende in Deutschland – nachhaltige, erneuerbare Energie, das ist das Wort der Stunde. Jetzt jene Biogasanlagen, die sollen ja auch helfen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Wie ist denn die CO2-Bilanz des Betriebsstoffs Mais?

Benning: Zunächst brauchen wir Biogas tatsächlich für die Energiewende. Biogas kann umweltfreundlich erzeugt werden mit einem hohen Überschuss an sozusagen Klimaschutz. Allerdings geht das nicht mit Mais-Monokulturen, denn der Mais entzieht dem Boden auch Kohlenstoff und setzt damit Klimagase, die eigentlich im Boden verankert sind, auch wieder frei, sodass wir etwa auf Moorböden wissen, wenn dort vorher Wiesen und Weiden waren, das wird umgebrochen, dann wird Mais darauf gepflanzt, dieser Mais kommt in die Biogasanlage, die Anlage müsste über 100 Jahre laufen, um die CO2-Bilanz wieder auszugleichen.

Deshalb sagen wir als BUND: Wir brauchen in Biogasanlagen eine vielfältige Biomassegrundlage, nämlich Gräser, Schnittgrün aller Art, denn im Grunde können die Biogasbakterien alles fressen. Sie brauchen nicht nur Mais, sondern der höchste Stromertrag ist aus Mais zu erzielen. Das heißt, hier ist wieder die Gewinnmaximierung das Gegenteil von Optimierung im Umwelt- und Klimaschutz.

Scholl: Also wenn ich Sie richtig verstehe, konterkarieren die Schritte für den Klimaschutz also dann doch auch den Umweltschutz?

Benning: Es geht beides Hand in Hand sehr gut, wir sehen sehr viele Biogasanlagen, die etwa mit Naturschutzschnitt aus Naturschutzgebieten betrieben werden, wo im Einklang mit dem Artenschutz Biogas erzeugt wird auf einer quasi Low-Input-Strategie. Es werden keine Spritzmittel und keine Düngemittel dem Mais zugeführt, sondern es wird der Grünaufwuchs genommen, der schon da ist, oft auch Wildkräuter, und so kann man kostengünstig Biomasse produzieren, die in der Biogasanlage dann vergoren wird und dennoch die Einnahmen aus der Stromvergütung bringt.

Scholl: Das hört sich jetzt auch für den Laien alles sehr plausibel, sehr vernünftig an, Frau Benning. Hört man denn auf Sie?

Benning: Wir haben bei der Novelle des EEG, die zum 1. Januar 2012 einsetzt, zwei Dinge erreicht ...

Scholl: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz, EEG.

Benning: Richtig, das EEG ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz – ... zwei Dinge erreicht: Das eine ist, der Maiseinsatz in Biogasanlagen wird begrenzt auf 60 Prozent der Biomasse, die reinkommt in die Anlage. Der zweite Aspekt ist, dass Biogasanlagen zukünftig auch die Wärme nutzen müssen, denn bei der Umwandlung von Gas in Strom entsteht Wärme, und wenn die einfach verloren geht, ist sozusagen viel aus der Biomasse gewonnene Energie einfach in die Luft abgegangen. Das muss künftig von den Landwirten und Biogasanlagenbetreibern besser genutzt werden. Sehr unzufrieden sind wir damit, dass die Bundesregierung gewaltigen Großanlagen nun einen viel besseren Stand erlaubt hat, denn dann werden wir auch regional, wo diese Großanlagen sind, immer noch Mais-Monokulturen beobachten müssen, und die Gefahr ist mitnichten gebannt.

Scholl: Biogas, der Maisanbau, das ökologische Gleichgewicht – Reinhild Benning vom BUND hat uns das Problem, die Konsequenzen erläutert. Ich danke Ihnen herzlich für den Besuch.

Benning: Ich bedanke mich ebenfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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