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Studio 9 | Beitrag vom 23.01.2017

Früherer Pestizidpilot Jorge AcostaKampf gegen die Übermacht der Chemiekonzerne

Von Martin Reischke

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Der ehemalige Pestizidpilot Jorge Acosta arbeitet heute als Gewerkschafter und Aktivist. (Katja Herold / Oxfam)
Der ehemalige Pestizidpilot Jorge Acosta arbeitet heute als Gewerkschafter und Aktivist. (Katja Herold / Oxfam)

Bananen aus Ecuador sind häufig mit Pestiziden verseucht. Der ehemalige Pestizidpilot Jorge Acosta Orellana litt selbst unter Vergiftungen. Nun kämpft er gegen Chemiekonzerne, die mit ihren Produkten die Gesundheit der Arbeiter ruinieren - aber auch die Verbraucher täuschen.

Einen Großteil seines Berufslebens hat Jorge Acosta Orellana in der Luft verbracht.

"Zuerst war ich Militärpilot, dann bei einer zivilen Fluglinie, und dann bin ich Pestizidpilot geworden, weil man dort einfach besser verdient. Da habe ich bei verschiedenen Unternehmen in der Bananenindustrie im ganzen Land gearbeitet."

Aber seit ein paar Jahren bleibt der 56 Jahre alte Ecuadorianer lieber am Boden.

"2007 ging es los mit den Gesundheitsproblemen: Ich konnte nicht mehr richtig sehen, litt unter Herzrasen, Müdigkeit und Schwindelgefühl. Ich habe mir Sorgen gemacht und gedacht, es wäre was mit dem Herzen, also habe ich ein EKG machen lassen. Der Arzt hat mir dann gesagt, dass ich keine Herzprobleme, sondern Vergiftungserscheinungen habe."

Acosta spricht mit Kollegen – und merkt, dass auch andere gesundheitliche Probleme haben. Die Piloten sind den Pestiziden, die sie versprühen, oft direkt ausgesetzt – genauso wie die Arbeiter am Boden. Acosta wird klar: hier gibt es einen Zusammenhang. Er informiert sich. Das Pestizid, das am meisten benutzt wird, ist das Pflanzenschutzmittel Mancozeb. Er wendet sich an die ecuadorianische Ombudsstelle. Die prüft die Sache und stellt fest, dass neben den Pestiziden auch die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen krank machen: 14-Stunden-Schichten, sieben Tage die Woche, sind keine Seltenheit.

Sklavenähnliche Arbeitsbedingungen

Acosta betreibt Lobbyarbeit, die UN stufen die Arbeitsbedingungen auf den Bananenplantagen in Ecuador als sklavenähnlich ein. Jetzt verzeichnet Acosta erste Erfolge.

"Wir haben erreicht, dass die Arbeiter maximal fünf Stunden pro Tag den Pestiziden ausgesetzt sind, aber nachdem ich als Pestizidpilot aufgehört habe, wurde diese Verbesserung wieder abgeschafft."

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, der ziemlich frustrierend sein kann. Denn die Pestizidhersteller wehren sich mit allen Mitteln.

Außerdem haben wir erreicht, dass das Pestizid Mancozeb verboten wurde, aber später gab es eine Neu-Überprüfung, bei der rauskam, dass es angeblich keine Probleme verursachte.

Aber Acosta, ein kräftiger Mann mit ernstem Blick, lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

"Als ich die Beschwerde eingereicht habe, hat der Agroindustrieverband Crop Life einen kolumbianischen Toxikologen beauftragt. Der kam also zu uns und besaß die Dreistigkeit, uns zu sagen, man könne mehrere Liter des Pestizids Mancozeb trinken, ohne dass einem etwas passiert. Also hab ich ihm geantwortet: Na, wenn das so ist, dann nehmen sie doch bitte ein Glas! Da hat er sein Buch zugeklappt und ist gegangen!"

Kriminalisierung der Arbeiter

2010 tauscht Acosta seinen Job als Pestizidpilot gegen den des Aktivisten. Er gründet zuerst einen Arbeiterverband, später die gewerkschaftliche Vereinigung ASTAC, die ecuadorianische Arbeiter in der Landwirtschaft und auf Bananenplantagen vertritt.

"Wir haben 800 Mitglieder, aber man muss eben auch sehen, dass es sehr schwer ist, neue Mitglieder zu gewinnen. Seit 80 Jahren gibt es ein System, das dafür sorgt, dass die Arbeiter Angst davor haben, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Sie werden verfolgt, sie werden kriminalisiert, sie tauchen in schwarzen Listen auf. Und es gibt keinen Schutz von staatlichen Stellen."

Acosta selbst ist inzwischen als Störenfried bekannt und deshalb in Gefahr. Man will ihn aus dem Weg räumen. Angst hat er trotzdem nicht.

"Natürlich kann es passieren, aber ich glaube, dass es auch etwas schwierig wäre, weil ich erstens nicht alleine bin – es gibt viele Menschen, die mich in meinem Kampf unterstützen – und weil es zweitens doch sehr offensichtlich wäre, von welcher Seite der Angriff kommt."

Statt sich um seine eigene Sicherheit zu sorgen, reist er im Juni auf Einladung der Hilfsorganisation Oxfam zum ersten Mal nach Europa. Hier appelliert er an die Konsumenten, ihn im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen zu unterstützen.

"Der Kunde ist unser engster Verbündeter. Ein Konsument, der von seinem Supermarkt verlangt, dass die Arbeiterrechte überall eingehalten werden, ist für uns sehr wertvoll."

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