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Lesart | Beitrag vom 04.02.2017

Fritz Breithaupt: "Die dunklen Seiten der Empathie"Ganz einfühlsam das Schlechte tun

Von Bodo Morshäuser

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Eine Bildcombo zeigt das Buchcover von Fritz Breithaupt "Die dunklen Seiten der Empathie" vor dem Foto von Händen, die sich berühren. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft / dpa / Hans Wiedl)
"Die dunklen Seiten der Empathie" von Fritz Breithaupt: Es gibt gefährliche Varianten von Mitgefühl. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft / dpa / Hans Wiedl)

Wozu sind Menschen fähig, weil sie über Mitgefühl verfügen? In "Die dunklen Seiten der Empathie" konzentriert sich der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt auf schlechte Taten in Verbindung mit dieser positiv besetzten Empfindung.

Es gibt Menschen, die können den Schmerz anderer genießen. Diesen "empathischen Sadismus" kennen nicht nur Psychopathen. Der Begriff beschreibt auch alltägliche Verhaltensformen wie das Strafen, Demütigen, Herabsetzen oder Bloßstellen. Sadisten berichten manchmal, dass ihre Lust nicht in der Qual des anderen besteht, sondern dass sie ihre Einfühlung in dessen Schmerz auskosten.

Eine weitere gefährliche Variante von Empathie wird Vampirismus genannt – wenn ein Mensch mittels anderer sein Erleben erweitert. Fritz Breithaupt nennt als Beispiele überfürsorgliche Helikopter-Eltern und kindesruhmsüchtige Bühnen-Mütter, die in ihren Zöglingen erleben wollen, was sie selbst nie geschafft haben, und auch Stalker.

Beobachtungen zur Flüchtlingskrise

Und selbst die Empathie angesichts schrecklicher Ereignisse hat ihre dunklen Seiten, stellt Breithaupt klar. Da wir Empathie nur zeitlich begrenzt aufbringen können, denn sie ist anstrengend, muss das Ende in Sicht sein. Deshalb erfahren chronisch Kranke weniger Empathie als kurzzeitig Kranke. Und, so lautet eine der Thesen dieses Buches: Empathie gilt oft gar nicht den Leidenden oder Opfern, sondern unausgesprochen ihren Helfern. Und Breithaupt geht noch weiter. Wer mit dem Helfenden statt mit dem Leidenden mitfühlt, empfindet sich selbst ein bisschen wie ein Helfer. Womit wir bei der Flüchtlingskrise und bei Angela Merkel und einer interessanten Beobachtung sind, die Breithaupt macht:

Im Frühsommer 2015 befindet sich Angela Merkel in Rostock in einem Kreis von Schülern. Das aus dem Libanon stammende palästinensische Mädchen Reem erzählt, dass ihre Familie seit vier Jahren in Deutschland nur geduldet sei und wohl bald ausgewiesen werde.

Reem: "Ich habe ja auch Ziele, so wie jeder andere. Ich möchte studieren, das ist wirklich ein Wunsch und ein Ziel, das zu schaffen."

Die Kanzlerin versucht darzulegen, dass der Libanon keine Kriegszone sei und dass Deutschland die Menschen nicht aufnehmen könne. Sie gibt dem Mädchen aber auch recht, dass vier Jahre Wartezeit zu viel seien.

Merkel: "Das müssen wir ändern, und da haben wir jetzt auch mit den Ländern darüber geredet ..."

Die Kanzlerin spricht weiter. Das Mädchen weint.

Merkel: "Och komm, du hast das doch prima gemacht ..."

Was meint die Bundeskanzlerin?

Was meint Angela Merkel mit der Bemerkung "Du hast das doch prima gemacht"? Fritz Breithaupt interpretiert das so: In einem Moment, in dem die Kanzlerin ihre Empathie unter Beweis stellen will, unterläuft ihr ein Lapsus, der ihre Empathielosigkeit offenlegt.

Moderator: "Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums Primamachen geht, sondern dass das natürlich eine sehr belastende Situation ist ..."
Merkel: "Das weiß ich."

Merkel reagiert gereizt auf die Bemerkung des Moderators, weil er ihren Fehler anspricht. Hört man einen anderen Ausschnitt derselben Szene, fällt eine Formulierung auf, die leicht abgewandelt der Kanzlerin-Satz des Jahres werden wird.

Merkel: "Du weißt auch, in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch tausende und tausende und wenn wir jetzt sagen ihr könnt alle kommen, und ihr könnt alle aus Afrika kommen, und ihr könnt alle kommen – das können wir auch nicht schaffen."

Breithaupt meint, es gebe kaum stärkere Empathie-Auslöser als markierte empathische Fehler. Und er fragt: War vielleicht der empathische Fehler der Kanzlerin gegenüber dem palästinensischen Mädchen einer der Auslöser für die inhaltliche Kehrtwende und die Nicht-Schließung der Grenzen zwei Monate später?

Ein empathischer Fehler als Wendepunkt

Jedenfalls, im Sommer galt noch dieser Satz:

Merkel: "Das können wir nicht schaffen."

Und im Herbst galt das genaue Gegenteil:

Merkel: "Wir schaffen das."

Fritz Breithaupt ist Literatur-, Kultur- und Kognitionswissenschaftler und unterrichtet seit vielen Jahren in den USA. Als er dort dieses Buch schrieb, verfolgte er den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Donald Trump lieferte ihm Anschauungsmaterial für die These, dass Empathie das Freund-Feind-Denken fördert, da Empathie immer eine von zwei Seiten bevorzugt. Mit anderen Worten: Wir handeln vielleicht nicht moralisch, weil wir Empathie empfinden. Sondern wir moralisieren, weil wir vorschnell Partei ergriffen haben und voreingenommen sind. Breithaupt ist der Meinung, dass Donald Trump ein Meister der empathischen Polarisierung ist.

Polarisierung mit Mitgefühl

Breithaupt schreibt:

"Wer einmal Trumps Partei ergriffen hat und diese Parteinahme mit Empathie paart, kann sich in seiner Parteinahme nun immer wieder bestätigt fühlen. Für jeden Wutausbruch, für jede Diffamierung und jeden Lapsus in seinem Verhalten können Gründe und Ausreden gefunden werden. Ja, jeder Gefühlsausbruch von 'Donald', wie er häufig nur genannt wird, bestätigt nach dem Motto 'Jetzt erst recht' für seine Anhänger nur, dass sie sich richtig entschieden haben. Begeistert warten sie, wie er sich gegen die (selbstverschuldeten) Vorwürfe zur Wehr setzen wird. Parteinahme, Identifikation und In-Schutz-Nehmen sind hier ein Amalgam eingegangen. Er ist zum großen Baby der Politik geworden. Und viele wollen ihm helfen und beistehen, denn seine Gefühle sind nun ein Faktum geworden."

Den Aufenthalt des Autors in den USA spürt man noch auf andere Weise. Wenn er die Empathie von Vergewaltigern beschreibt, folgt wie pflichtgemäß der Hinweis, dass Vergewaltigungen zu verurteilen sind. Wenn er Helikopter-Eltern kritisiert, folgt der Hinweis, die Sorge um ihre Kinder sei Pflicht aller Eltern. Der Autor entschuldigt sich für Missverständnisse, die noch gar nicht im Raum stehen. An amerikanischen Unis gelten strikteste Regeln, damit jeglicher Verdacht unkorrekten Verhaltens im Vorhinein ausgeräumt wird. Vielleicht färbte das ab. Aber egal:

"Die dunklen Seiten der Empathie" ist ein absolut lesenswertes Buch.

Fritz Breithaupt: Die dunklen Seiten der Empathie
Suhrkamp Wissenschaft, Berlin 2017
227 Seiten, 16 Euro

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