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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 10.03.2017

Fritz BenscherEin fast vergessener Entertainer

Von Michael Hollenbach

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Kabarettistin Claire Waldoff und Schauspieler und Moderator Fritz Benscher (A0009_dpa)
Der Schauspieler und Moderator Fritz Benscher, hier mit der Kabarettistin Claire Waldoff (A0009_dpa)

Schauspieler, Quizmaster, Drehbuchautor: Fritz Benscher war ein Multitalent. Der jüdische Überlebende des Holocaust wurde beim Bayerischen Rundfunk ein Radio-Star. Ein Buch erzählt nun seine Lebensgeschichte.

"Oh diese Telefone, ich warte, Moment. Telefonklingeln. Jetzt ist Schluss, raus ... endlich Ruhe. Ich möchte endlich leben wie im Mittelalter, jedenfalls bevor das Telefon erfunden worden ist."

Fritz Benscher war auch das, was man heute vielleicht einen Comedian nennen würde. Kurze witzige Auftritte, die zuweilen an Heinz Erhardt erinnern.

Erinnerung an die Kindheit in Hamburg

Nach der Befreiung war er 1945 beim Bayerischen Rundfunk in München hängen geblieben, doch in seinen Sendungen erzählt er manchmal von seiner Heimatstadt Hamburg:

"Das, was Sie da hören, ist der Dampfer Orinoco. Herrlich, das ist eigenartig, wenn man auch schon seit langen Jahren ganz woanders zu Hause ist, so nimmt man doch die Sprache seiner Heimatstadt wieder an, wenn man die vielfältigen Geräusche des Hafens hört und den Geruch von Wassertang und Schlick wieder in die Nase bekommt."

Fritz Benscher, 1904 geboren, beschreibt, wie er zur Kaiserzeit als kleiner Junge im Matrosenanzug mit seinem Vater an der Elbe spazieren geht: Sein Vater, ein strenger und streng religiöser Patriarch, von dem sich Fritz als junger Mann abnabelt. Er steigt nicht ins Lederwarengeschäft ein, sondern macht Theater und geht zum Rundfunk. Zunächst will er auch vom Judentum nichts mehr wissen, doch das ändert sich – zwangsläufig – nach 1933, als er nicht mehr als Künstler auftreten darf. Seine Biografin Beate Meyer:

"Er hat dann bei der Jüdischen Gemeinde eine Ausbildung zum Sargtischler gemacht, er hat als Angestellter der Jüdischer Gemeinde auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg-Stellingen gewohnt. Vorher hat er als Helfer der Gemeinde die Deportationen mit vorbereiten müssen."

Langzeitschäden durch die Zeit im KZ

Als einer der letzten Juden wird er im Sommer 1943 nach Theresienstadt deportiert. Aus Propagandagründen erlauben die Nazis in dem KZ so etwas wie kulturelles Leben: Fritz Benscher ist einer der Stars des KZ-Entertainments. Doch im September 1944 kommt er zunächst nach Auschwitz, einen Monat danach nach Dachau. Die Zeit im KZ prägt später einen Teil seines Lebens. So legt er sich noch in den 50er-Jahren Brot unters Kopfkissen – aus Panik, verhungern zu können:

"Er hatte körperliche Langzeitschäden, auch psychische. Zu Hause hatte er Alpträume. Er musste Schlaftabletten nehmen und den Konsum ständig steigern. Nach außen hin war er der unglaublich produktive Fritz Benscher, der Tausende von Sendungen konzipierte."

Vor allem im ersten Nachkriegsjahrzehnt engagiert sich Benscher gegen die Wiederbewaffnung und gegen die alten PGs, die ehemaligen Parteigenossen aus der NSDAP:

"Wenn das Benzin zu teuer ist, dann muss man wieder die Ochsen vor den Wagen spannen. Glücklicherweise haben wir genug davon. Aber die können den Karren nicht aus dem Dreck ziehen, denn zwischen den PS sitzen schon wieder zu viele PGS. (Gesang) Leute, hört die traurige Ballade."

Ein provozierender Aufklärer

Beate Meyer: "Er machte Reeducation, er wollte aufklären, über das was war; er wollte nazistisches Gedankengut bekämpfen, das machte er durch Provokation."

Ende der 50er-Jahre startet Benscher dann seine zweite Karriere: als Entertainer im Fernsehen:

"Er ist immer noch ein bissiger Quizmaster und sehr schlagfertig, zum Beispiel als er den Twist vorstellen sollte, sagte er: Naja, wenn sie tanzen, das ist gut; dann marschieren sie nicht."

Beate Meyer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden, hat eine sehr informative Biografie geschrieben, die auch die zeitgeschichtlichen Hintergründe ausleuchtet. Eine Lebensgeschichte, die nicht einfach zu schreiben war. Denn über das Leben von Fritz Benscher gibt es erstaunlicherweise wenige Dokumente. Und seinen eigenen Angaben konnte man oft nicht trauen:

"Gerade im Konzentrationslager hat er gelernt, sich immer wieder neu zu erfinden. Er hatte immer wieder neue Geburtsdaten reingeschrieben. Er hat die Berufsangaben gewechselt und nach 45 hat er das zu einer Art Lebensprinzip ausgebaut."

Zu Unrecht kaum mehr bekannt

Heute ist der jüdische Rundfunkmoderator und Fernseh-Quizmaster fast in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, sagt Beate Meyer:

"Er war sehr wichtig beim Rundfunk und in den 60er-Jahre auch beim Fernsehen, und er war einer der ganz wenigen Juden, die so in der Öffentlichkeit standen, und einer der ganz wenigen, wenn nicht der einzige KZ-Überlebende, der so in der Öffentlichkeit stand und das auch betonte, und insofern ist eine Ausnahmeerscheinung."

Ein Entertainer, der sein Judentum nicht verheimlichte und in der Adenauer-Ära politisches Profil zeigte.

Literaturtipp
Beate Meyer: Fritz Benscher

Wallstein Verlag, Göttingen 2017
272 Seiten, 48 Abbildungen, 24,90 Euro

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