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Dienstag, 16.01.2018

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.12.2015

Friesische Kultur und Geschichte"Wi san rik foon mångfåldihäid"

Von Werner Junge

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Kinder stehen in Eiderstedt vor einem Biikefeuer. (picture alliance / dpa / Christian Hager)
Volksbrauch: Kinder stehen in Eiderstedt vor einem Biikefeuer. (picture alliance / dpa / Christian Hager)

Allein in Nordfriesland werden zehn verschiedene Dialekte gesprochen. Und kaum ein Dialekt ist für die Anderen verständlich. Die Vielfalt sei ihr Reichtum, meinen die Friesen deshalb. Unangenehm wurde es erst, als die modernen Nationalstaaten entstanden.

Es beginnt kompliziert. Erstmal damit, dass Nordfriesen auch Friesisch sprechen. Und:

Frau: "E historiie foon e nordfrasche läit önjt junken."

Genau: die Geschichte der Nordfriesen liegt im Dunkeln. Irgendwann um 800 nämlich haben sich Friesen irgendwo aus der Ecke zwischen Zuidersee und Weser auf die Socken gemacht. Sicher ist allein: sie sind zu weit gegangen.

Hätten sie an der Eider angehalten, wären sie im späteren Dithmarschen gelandet. Und das ist immer größer geworden, immer weiter in die Nordsee gewachsen. Doch sie mussten ja partout nach Norden über die Eider. Dort holte jede Sturmflut sich ein Stück Land zurück. Die Friesen mussten deshalb auf ihren Inseln und Halligen immer enger zusammenrücken. Dadurch entstand einmal das ach so schöne nordfriesische Wattenmeer, aber auch eine Art babylonischer Sprachverwirrung.

"Ik snååk mooringer frasch foon e fåste wål."

Karin spricht also Mooringer Festlandsfriesisch. Das bedeutet, es gibt noch andere friesische Dialekte auf dem Festland und – logischerweise – auch Inselfriesisch. Ohne mit Details zu quälen: Helgoland inbegriffen, gibt es allein in Nordfriesland zehn verschiedene Sorten friesisch. Und das tolle, kaum ein Dialekt ist für die Anderen verständlich.

Sind die Friesen Dänen oder Deutsche?

"Wi san rik foon mångfåldihäid."

Die Vielfalt sei ihr Reichtum, meinen die Friesen deshalb. Als sie das Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckten, war es eigentlich schon zu spät. Schnell erfanden sie noch ihre eigene Geschichte und ein paar schöne Volksbräuche wie zum Beispiel das Biikebrennen. Doch es half nichts, die modernen Nationalstaaten entstanden. Eine unangenehme Sache für eine Sprachminderheit. Besonders dann, wenn man in einer Grenzregion wohnt. Plötzlich gab es den Streit, sind die Friesen Dänen oder Deutsche? Nur locker 150 Jahre brauchten die Friesen, um zu erkennen, die Frage ist blödsinnig. Seitdem sind sie nur einfach Friesen und ganz glücklich. Damit stimmt nach über 1200 Jahren auch nicht mehr die alte Weisheit:

Frau auf Mooringer Festlandsfriesisch: "Das größte Problem der Nordfriesen sind sie selber."

Das größte Problem der Nordfriesen sind sie selber – Nein, das ist vorbei.

Wie auch die Zeiten, als das hohe, harte Friesengewächs zum Prototyp des blond blöden Germanen aufstieg. Dafür hat die Werbebranche die Friesen entdeckt. Sie bedeckt die Baugebiete mit Friesengiebeln, unter denen sich Friesentee zum Friesenkeks genießen lässt, wenn man nicht auf der Friesenbank hinterm Friesenwall bei friesisch-herben Bier entspannt. Die Friesen ertragen es inzwischen mit Humor, haben sogar selber den Partydrink "fieser Friese" erfunden. Denn weltoffen waren die Friesen immer schon – zumindest ein bisschen. Das belegt auch die Friesi-sie-rung der Polizei in Nordfriesland. Zumindest dort darf man in Zukunft ein Polizist friesisch korrekt als "Gendarm" ansprechen.

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