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Studio 9 | Beitrag vom 12.06.2018

Friedenspreis des Buchhandels an Ehepaar AssmannBeeindruckende Einzelwerke, folgenreiches Gemeinschaftswerk

René Aguigah im Gespräch mit Liane von Billerbeck und Hans-Joachim Wiese

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Jan Assmann und Aleida Assmann, Montage (Jan Assmann: imago/Leemage; Aleida Assmann: imago/Horst Galuschka)
Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann und ihr Ehemann, der Ägyptologe Jan Assmann (Jan Assmann: imago/Leemage; Aleida Assmann: imago/Horst Galuschka)

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht an die Eheleute Aleida und Jan Assmann. Damit werde ein Forscherpaar ausgezeichnet, bei dem jeder für sich ein beeindruckendes Werk vorzuweisen hat, sagt Literaturexperte René Aguigah.

Aleida Assmann ist Anglistin und Literaturwissenschaftler, Jan Assmann Ägyptologe und Kulturwissenschaftler. Sie hat sich vor allem mit ihren Forschungen zur Erinnerungskultur und Geschichtsvergessenheit einen Namen gemacht, er hat internationale Debatten angestoßen über den Zusammenhang von Religion und Gewalt. Nun ehrt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels das Paar mit seinem Friedenspreis.

René Aguigah, Leiter der Abteilung Hintergrund Kultur und Politik bei Deutschlandfunk Kultur, sagt, das Besondere am Werk des seit 50 Jahren verheirateten Paares sei vielleicht Folgendes:

Stereoskopisches, das zusammenfindet an einer Stelle

"Einerseits, ja, sind beide Kulturwissenschaftler, beide haben zu ähnlichen Sachen geforscht; aber beide haben doch auch ganz, ganz eigene Felder, die in der gemeinsamen Arbeit dann so eine Schnittmenge finden – das ist, glaube ich, schon etwas Besonderes: so etwas Stereoskopisches, was aber trotzdem auch zueinander findet an einer Stelle."

In der Frühzeit der Forschungsarbeiten von Jan Assmann – mittlere bis späte 60er-Jahre – habe er Ausgrabungen in Ägypten gemacht und in dieser Zeit habe Aleida ihn regelmäßig besucht: Auch Aleida Assmann, heute Anglistik-Professorin, habe Ägyptologie studiert und kenne sich da aus.

"Das Feld des einen ist die Ägyptologie, das Feld der anderen ist die englische Literaturwissenschaft – und dann gibt es aber ein Forschungsfeld, in dem beide richtig gemeinsam, Hand in Hand muss man sich das wahrscheinlich vorstellen, gearbeitet haben: Das ist die Theorie des kulturellen Gedächtnisses."

Theorie des ulturellen Gedächtnisses

Dazu haben die Assmanns vor allem in den 80er Jahren viel geschrieben. 

"Das ist nicht das individuelle Gedächtnis von uns einzelnen, es ist nicht Erinnerungspolitik; sondern es ist das, was Kollektive, beispielsweise Nationen, prägt, durch tradierte, durch überlieferte Texte, über Hunderte und Tausende von Jahren. Das ist, extrem grob gesagt, was das kulturelle Gedächtnis ausmacht. Die Theorie dazu stammt von den beiden Assmanns."

Insbesondere diese Arbeit an kulturellem Gedächtnis und Erinnerungskultur sei, so Aguigah, "eine, die eben auch erinnerungspolitische Effekte hat: Ist klar, in einem Land, in dem der Holocaust stattgefunden hat." 

In einem langen Gespräch, das Aguigah für Deutschlandfunk Kultur mit den Assmanns vor einiger Zeit geführt, das im März erstmals ausgestrahlt wurde, stellt Aleida Assmann eine These auf:  

"Nämlich, dass aus ihrer Sicht ins kulturelle Gedächtnis heute auch unbedingt die Geschichten einfließen müssen, die die Migranten zu erzählen haben. Also, dass Erinnerungspolitik und so weiter sich nicht nur auf 'die bösen zwölf Jahre' bezieht in Deutschland, sondern, dass man – nicht zuletzt durch die letzten drei Jahre, aber natürlich auch durch die lange Migrationsvorgeschichte, die es in Deutschland gibt – heute unbedingt auch zum Zusammenhalt die Geschichten hören muss, die die erzählen, die von außen kommen." 

Gemeinsames Erinnern 

In dem Gespräch erinnerten sich die beiden zudem an ihr eigenes Leben erinnern, hebt Aguigah hervor: Und an einer Stelle erzähle Jan Assman über die Kriegszeit und gerate etwas ins Verklären. Aleida Assmann falle ihm dann aber ins Wort, sage, dass die unmittelbar Nachkriegszeit doch für ihn äußerst entbehrungsreich gewesen sei und auch schmerzhaft.

"Das heißt, sie ergänzt die Erinnerung ihres Gatten und man konnte richtig dabei sehen, wie die beiden, die so eigen sind und so einzelne starke Charaktere, dann doch eine gemeinsame Schnittmenge haben und einander berühren. Das konnte man ganz schön sehen und das habe ich jedenfalls schon als sehr besonders empfunden."

Fazit also zur Auszeichnung mit dem Friedenspreis: 

"Ich finde das Werk dieser beiden Kulturwissenschaftler jeweils für sich äußerst eindrucksvoll; ich finde es faszinierend, dass ein Doppelwerk so eine Schnittmenge haben kann – und nebenbei, muss ich mal sagen, als Nachgeborener finde ich das unfassbar, dass man zwei solche wissenschaftlichen Karrieren hinlegen und auch noch fünf Kinder großziehen kann – ich bin einfach beeindruckt."

(mf)

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