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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 05.01.2017

Franz-Josef Radermacher Mit Vernunft die Welt retten

Moderation: Susanne Führer

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Franz-Josef Radermacher (Ralf Luethy)
Franz-Josef Radermacher leitet das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm. (Ralf Luethy)

Die Chance dafür, dass die Menschheit zu einem gerechten Ausgleich zwischen Arm und Reich findet, liegt bei 35 Prozent. Das hat der Mathematiker Franz-Josef Radermacher ausgerechnet. Er versucht, Entscheider in Politik und Wirtschaft davon zu überzeugen, auf eine ökosoziale Marktwirtschaft zu setzen.

Franz-Josef Radermacher träumt von einer Welt, in der sich die Vernunft durchsetzt, noch bevor der Mensch seinen eigenen Lebensraum zerstört. Der Professor für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung an der Universität Ulm sieht die Menschheit zwar nicht vom Aussterben bedroht, fordert aber dazu auf, die Bedingungen zu verbessern unter denen Menschen leben:

"Das Ringen ist ein Ringen um die Qualität der Zivilisation, um die Lebensbedingungen der Menschen."

Warnung vor dem Kollaps

Radermacher hat die Gefahr eines globalen Kollapses bis zum Jahr 2050 berechnet. Die Wahrscheinlichkeit liege bei 15 Prozent, sagt der Mathematiker. Das Risiko, dass die Menschheit in einer weltweiten Zwei-Klassengesellschaft lebe, liege bei 50 Prozent.

Es gebe aber auch eine Chance von 35 Prozent, dass die Menschheit zu einem gerechten Ausgleich zwischen Armen und Reichen finde. Jeder Einzelne könne einen Beitrag leisten, um die Welt in Balance zu bringen:

"Wir haben 200 Staaten mit sehr unterschiedlichen Interessen und sehr unterschiedlichen Möglichkeiten, sehr unterschiedlich starken Bevölkerungen und die sind in einer Art spieltheoretischer Verklemmung unter einander teils blockiert. Deshalb geht jetzt ersatzweise die Aufforderung zum Handeln an drei Akteure: an die Staatengemeinschaft, dann an die Menschen in ihren verschiedenen Rollen, zum Beispiel als Konsumenten, und dann an die Unternehmen als sehr starke Akteure. Im Dreieck dieser drei Gruppen entscheiden sich dann die Prozesse."

Bäume pflanzen, um die Erde zu retten

Von Forderungen an die Individuen, auf Flüge, Fleisch und Auto zu verzichten, um das Klima zu stabilisieren, hält Radermacher nichts.

"Das ist meiner Ansicht nach der vollkommen falsche Ansatz, weil es ein moralisierender Ansatz ist."

Vielmehr rät er zu konkretem positivem Handeln und schlägt drei Dinge vor, die jeder überall auf der Welt jederzeit tun könne:

"Jeder von uns kann jederzeit dazu beitragen, dass wir Bäume pflanzen. Bäume holen CO2 aus der Atmosphäre und sind eine unglaublich wertvolle Ressource. Überall auf der Welt aufforsten, das ist eines der sinnvollsten Dinge, die ein Individuum tun kann. Wir können auch jeder unter Nutzung des Internets als Pate oder Mentor für mindestens einen jungen Menschen irgendwo auf dem Globus auftreten. Wir können uns um jemanden kümmern, allein schon dadurch, dass wir regelmäßig kommunizieren.

Und natürlich können wir, indem wir viel lesen, uns klug machen, um die Dinge besser zu verstehen und aus einem besseren Verständnis heraus bessere Entscheidungen zu treffen. Also eine ganz wichtige Empfehlung: Viele Dinge zu lesen und über vieles nachzudenken und sich auf einem höheren Niveau der Reflexion sofort in die Prozesse einzubringen."

Eliten wollen weiterhin Bevölkerung ausbeuten

Radermacher ist Mitglied zahlreicher Gremien und war 2003 Mitinitiator der Global Marshall Plan Initiative, die sich für eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft einsetzt.

"Wenn man die weltweite ökosoziale Marktwirtschaft einführen würde, dann würde Folgendes passieren: Über geeignete Transfermechanismen würde jeder Mensch genügend Kaufkraft haben und über bestimmte Restriktionen würde die Produktion umweltproblematischer Güter limitiert. Wenn wir alle miteinander wollten, könnten wir uns ohne Probleme weltweit koordinieren."

Es gebe aber Interessen, die etwas anderes wollten als eine grüne und inklusive Marktwirtschaft, sagte Radermacher.

"Es gibt Eliten, die wollen weiterhin diese unglaublichen Volumina bei sich akkumulieren. Es gibt Potentaten, die ihre Bevölkerung ausbeuten und ihre Rohstoffe ausplündern und wir kaufen sie ihnen gerne ab. Und weil die Interessenlagen so sind, bekommen wir die vernünftigen Lösungen nicht hin."

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