Seit 03:00 Uhr Nachrichten

Montag, 28.05.2018
 
Seit 03:00 Uhr Nachrichten

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.07.2012

Frankreichs verdrängte Geschichte

Das schwere Erbe des Algerienkrieges

Von Ursula Welter

Podcast abonnieren
Der Algerienkrieg hatte auch in Paris verschärfte Polizeikontrollen zur Folge. (picture alliance / dpa)
Der Algerienkrieg hatte auch in Paris verschärfte Polizeikontrollen zur Folge. (picture alliance / dpa)

Nach einem blutigen Krieg entließ Frankreich Algerien 1962 in die Unabhängigkeit. Bis heute geblieben sind die Wunden einer nicht aufgearbeiteten Geschichte - und die Erinnerungen der Algerien-Flüchtlinge, die im Mutterland mit wenig offenen Armen empfangen wurden.

Algier 1958. Die Menge singt die Marseillaise und jubelt Charles de Gaulle zu.

Ich habe Euch verstanden! Aber was hatte de Gaulle verstanden? Was waren seine Pläne in Algerien, für Algerien, für Frankreich?

Es ist bis heute ein umstrittenes Thema, ob de Gaulles Absichten von vorneherein klar waren, oder ob er sie geändert hat mit der Zeit.


1954. Die algerische Befreiungsfront FLN hat die Oberhand behalten in Kämpfen mit anderen nationalistischen Kräften, ein Attentat am 1. November leitet den entscheidenden Aufstand gegen die Kolonialherrschaft ein. Es sollte ein "vielfacher Bürgerkrieg" werden. Der Politologe Gérard Gabert:

"Denn dieser Krieg, der bis 2000, bis zu einem Beschluss des französischen Parlaments, nicht Krieg genannt werden durfte, war auch ein Krieg unter Algeriern, unter Franzosen, unter verschiedenen Bevölkerungs- und Interessengruppen."

Ein Krieg aller gegen alle. In Frankreich. Denn Algerien, die einstige Kolonie ist zu diesem Zeitpunkt französisches Staatsgebiet. Bis heute sind die Wunden nicht verheilt.

"Meine Kindheit, das ist der Krieg."

"Ich bin zeitgleich mit dem geboren, was man später den 'Algerien-Krieg' nannte, was aber zunächst nicht so hieß."

"Les evenements" – die Ereignisse nannte man das blutige Geschehen jenseits des Mittelmeers, im algerischen Teil Frankreichs. Bis heute sitzt die Umschreibung fest in den Köpfen vieler Franzosen. Ein Krieg, das hätte Krieg in Frankreich geheißen. Erst vierzig Jahre später wird der Terminus in den offiziellen französischen Sprachgebrauch übernommen.

"Ich kann mich nicht an entspannte, ruhige Eltern erinnern. Ich bin mit dem Krieg geboren und habe Algerien mit dem Ende des Krieges verlassen, das waren die ersten sieben Jahre meines Lebens."

Eine Lehrerin in Südfrankreich, Bandol am Mittelmeer. Selbstbewusstes Auftreten, blonde Haare, fester Blick. Dennoch: Es fällt ihr schwer, über Algerien zu sprechen.

"Ich habe Zeit gebraucht, bis ich zugeben konnte, dass ich ein 'pied noir' bin, ich habe mich geschämt."

Die "Pieds Noirs", die "Schwarzfüße". Eine der Gruppierungen in Frankreich, die bis heute die Schmerzen des Algerien-Krieges spürt.

"Über die Herkunft des Begriffs gibt es bis heute eine große Unsicherheit. Denn unter 'Schwarzfüßen' wurden die Europäer kategorisiert, die in Algerien lebten, wobei die meisten dieser Europäer keine Franzosen waren."

Spanier, Italiener, Malteser, die Frankreich gezielt im 19. Jahrhundert in Algerien angesiedelt hatte. Die einstige Kolonie Algerien, das spätere französische Staatsgebiet, Heimat für Franzosen, die keine französische Vergangenheit hatten, das Mutterland häufig nicht einmal kannten.

"Die sich gleichwohl als Franzosen fühlten, aber als 'pieds noirs', als besondere Kategorie. und die auch diese Idee, diese Erinnerung an die Pionierzeit hatten, die das Gefühl hatten, das Land aufgebaut zu haben."

Die Siedler hatten die besseren, die fruchtbaren Landstriche bekommen, die einheimische Bevölkerung Algeriens hatte vom 19. Jahrhundert an weichen müssen. Auch diese Rechnung wollte die Befreiungsbewegung FLN begleichen.

"Es hat keine Reformen gegeben, zehn Millionen Moslems waren nichts verglichen mit einer Million, ja wie soll ich sagen, Algerierfranzosen."

Alfred Großer, der Politologe, sieht den Kern des Krieges, der bis heute in Frankreich nicht recht aufgearbeitet ist, auch im sozialen Gefälle Algeriens:
Die französische Verwaltung sortierte die einheimische Bevölkerung in die Kategorie muslimische Franzosen ein, Staatsbürger zweiter Klasse ohne Wahlrecht für die Institutionen des Mutterlandes. Daneben die sogenannten Europäer. Zwei Gruppen, die miteinander lebten und doch getrennt waren.

"Es gibt viele Franzosen, die ein völlig friedliches Leben geführt haben, inmitten von Arabern. Man lebte in guter Eintracht zusammen. Mein Vater sprach arabisch, mit seinen Arbeitern, meine Mutter kümmerte sich um deren Kinder, gab Kleidung, aber es war eine Form der Bevormundung. In der Realität waren die Lebensumstände für die muslimische Bevölkerung schlechter, weniger gut entwickelt, als für die europäische Bevölkerung, das ist sicher."

Als die Attentate zahlreicher werden, der Krieg vom Land in die Städte getragen wird, wird aus der guten Eintracht, über die noch heute viele Algerienfranzosen sprechen, Misstrauen:

"Mein Vater hatte im Haus einen Raum ohne Fenster geschaffen. Da schliefen wir alle vier. Mein Vater wachte die ganze Nacht, das kleinste Geräusch schreckte uns alle hoch, wenn mein Buch vom Bett fiel, er hatte sich eine Waffe zugelegt, wir lebten in ständiger Angst."

Die Menschen in Algerien geraten zwischen alle Fronten. Die algerische Befreiungsfront FLN kämpft gegen Frankreich in Algerien; Frankreich stockt die Truppen auf, schickt selbst unvorbereitete Rekruten über das Mittelmeer, zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.

"Die meisten von ihnen sind traumatisiert zurückgekommen."

Die Soldaten von einst sprechen nicht darüber. Nach dem Krieg beginnt das große Schweigen, in vielen Familien hält es bis heute an. Das Trauma und eine gescheiterte Erinnerungspolitik wirken nach.

Ein Amnestiegesetz tut sein Übriges. So können die Wunden nicht heilen. Was hatten die Soldaten gesehen? Was hatten sie getan? Viele wurden zur Folter gezwungen oder mussten systematischen Folterungen beiwohnen. Erst allmählich beginnen Film und Literatur, die Soldaten-Geschichten des Algerienkrieges zu schreiben, die Aufarbeitung steckt in den Anfängen.

Fernsehsendungen widmen sich heute den vielen Fragen des Algerien-Krieges, den dunklen Seiten der französischen Geschichte, einer Geschichte, die nahezu jede französische Familie betroffen hat: Algerien, der Krieg, der Verlust der einstiegen Kolonie, die undurchsichtige Taktik de Gaulles, die Vertreibung, die Umsiedlung, all das ist Gesprächsstoff auch nach 50 Jahren.

"Sie sehen, heute rede ich darüber, aber ich habe Zeit gebraucht, viel Zeit. Es ist hart, wir waren nichts, für die Leute waren wir keine Franzosen, ich hatte keine Freundinnen, ich war so allein."

"Und dann ist alles anders geworden, als es ausgemacht war. Die Franzosen 'die Nicht-Moslems', sollten bleiben, mussten fliehen."

Auf die Panik des Aufbruchs in Algerien folgt im Mutterland Frankreich offene Ablehnung:

"Die französische Bevölkerung hatte diesen Krieg satt. Man wollte an diesen Krieg nicht mehr erinnert werden. Es sollte ein neues Kapitel kommen und für viele Franzosen waren die 'pieds noirs', die Vertriebenen, Schuld, man betrachtete sie als mitschuldig. Vor allem wegen der OAS, die in den letzten Jahren des Krieges auch den Krieg nach Frankreich gebracht hatte, mit zahlreichen Bombenanschlägen."

Der Staat verteilt die Ankömmlinge, baut vor allem im Süden Siedlungen, bis heute bevölkern die Algerien-Franzosen von einst dort die Boule-Plätze am Mittelmeer:

"Wir sind 1962 gekommen, ja, die Erinnerung ist wach. Selbst wenn die Jahre dahingehen, die Erinnerung daran bleibt lebendig."

"Mensch ich habe damals in Algerien in einem Araber-Viertel gewohnt, wir hatten niemals, wirklich niemals Probleme miteinander."

"Ich denke, de Gaulle hat erwartet, dass mehr Menschen bleiben werden und sich irgendwie arrangieren."

Die Rechnung des Generals geht nicht auf. Als Frankreich Algerien in die Unabhängigkeit entlässt, am 3. Juli 1962 ist ein Großteil der sogenannten "Europäer" bereits geflohen, de Gaulle steht als Verräter da.

"Und das bringt in Südfrankreich Marine Le Pen heute noch hunderttausende Stimmen."

"Die Art und Weise, wie vor allem Linke, die Sozialisten, die Flüchtlinge hier empfangen haben, mit ihren Koffern, die war widerwärtig, niederträchtig",

…schimpft die Chefin des rechtsextremen Front National.

"Und wie man die Harki behandelt hat, das ist eine wahre Schande."

Die Harkis. Noch eine große Verlierer-Gruppe des Algerien-Krieges. Einheimische, die an der Seite der französischen Armee gekämpft hatten, gegen die algerische Befreiungsbewegung. Als der Waffenstillstand besiegelt ist, sind sie Freiwild. Das französische Militär hat Befehl, die Harkis zu entwaffnen, sie nicht nach Frankreich zu bringen, nur einzelne Offiziere widersetzten sich dieser Order:

"Es gab viel Verrat in Anführungsstrichen durch den Staat Frankreich, der es nicht geschafft hat, zurechtzukommen mit den Harki, den Millionen Moslems, den Millionen Pieds Noirs, der es dann nicht geschafft hat, die Geschichte aufzuarbeiten, zu sagen, was das Militär getan hat, aber für uns Erwachsenen von heute ist es vor allem das: Wir sind nach Frankreich gekommen und waren nichts!"

Die Eltern einsam, weil sie keine Freunde hatten. Die Kinder einsam, weil sie in der Schule gehänselt wurden. Sicher, heute könne sie darüber reden, tue das auch als Lehrerin, heute habe sie keine Angst mehr zu sagen, dass sie in Algerien geboren wurde. Aber die Aufarbeitung des Algerien-Krieges in Frankreich komme zu langsam voran:

"Man spricht über Fakten, aber nicht über Gefühle, erlittenes Leid. Erst im nächsten Jahr soll ein Geschichts-Schulbuch erscheinen, das auch Augenzeugen zu Wort kommen lässt."

Die Geschichten von Leid, Verantwortung, Schuld sind so unterschiedlich, dass keine gemeinsame Ebene gefunden werden kann.

"Das ist bis jetzt in Frankreich nicht möglich, das ist in Algerien nicht möglich und das ist zwischen Frankreich und Algerien um so schwieriger, solche Arbeit zu leisten, wie sie zwischen Frankreich und Deutschland geleistet wurde."

Die offenen Wunden des Krieges belasten das bilaterale Verhältnis Frankreichs zu Algerien, beide Länder gehen da auf sehr dünnem Eis, sagt Hans Stark vom sicherheitspolitischen Forschungsinstitut IFRI in Paris, und nicht nur die Erinnerung und Wiedergutmachung für "pieds noirs" und "harkis" sei heute das Thema der französischen Gesellschaft:

"Viel, viel wichtiger ist heute die Frage, wie stehen wir zu unseren algerischen Einwanderern? Wie können wir dafür sorgen, dass sie in der französischen Gesellschaft ankommen, dass sie Positionen in der Politik, in der Wirtschaft übernehmen können, dass sie nicht ausgegrenzt werden in den banlieus, im Departement von Saint-Denis, im 93."

Algerien – das kann innerhalb Frankreichs heute vielerlei bedeuten: Großväter, die Befreiungskämpfer gegen die französische Herrschaft waren, und die dann dennoch ins ungeliebte Frankreich fliehen mussten, als sich nach der Unabhängigkeit im Juli '63 die algerischen Freischärler gegenseitig bekämpften.

"Was eine paradoxe Situation ist, die dazu führte, dass auch unter den Algeriern, die in Frankreich leben und Kinder geboren haben, ein großes Schweigen herrschte."

Algerien – das heißt heute auch die zweite, dritte Generation der Einwanderer.

"Wie stehen die jungen Algerier, die in Frankreich geboren worden sind, die die französische Nationalität haben heute, wie stehen die zur französischen Nation und zu ihrer Herkunftsnation, diese Dinge sind wichtig heute."

Algerien – das wirkt bis heute auch im Bewusstsein nach: Die Einordnung der Bevölkerung in "Muslime" und "Nicht-Muslime" von einst, hat den Beamtenapparat auch im Mutterland geprägt.

"Diese Gleichstellung Islam, Muslime, Einwanderer – ist ein Produkt dieser Zeit. Denn man nannte die einheimischen Algerier 'francais musulmans', 'die muslimischen Franzosen'."

Algerien – das heißt 50 Jahre nach der Entlassung in die Unabhängigkeit für Frankreich: Eine junge Generation in den Betontürmen der Vorstädte, die sich nicht integriert fühlt; das heißt in den Siedlungen der "pieds-noirs" und der "harkis" eine wache Erinnerung an Flucht und Vertreibung und das ist ein verblassender Traum vom Leben jenseits des Mittelmeeres. Die meisten sind nie wieder hingefahren, haben ihren Geburtsort nie wiedergesehen.

"Nein, nein – ich träume davon, aber ich weiß nicht, ob es hilft oder nicht, ich habe Erinnerungen an meine Kindheit und weiß nicht, was geschieht, wenn ich sie mit der Realität konfrontiere."

"Nein nie. Ich war nie wieder da, aber Algerien, das fehlt mir immer noch."

Weltzeit

Kolumbien im WahlkampfNur ein bisschen Frieden
Wahlkampf in Bogota: Unterstützer des kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten Germán Vargas Lleras (imago / Agencia EFE)

Am 27. Mai wählen die Kolumbianer einen neuen Präsidenten. Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren. Die Wahl wird auch eine Abstimmung über den Friedensprozess zwischen Regierung und FARC sein. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur