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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.06.2014

FrankenLeidenschaft für altes Kernobst

Marius Wittur will alte Quittensorten erhalten

Von Lisa Weiß

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(picture alliance / dpa)
Zur Ernte reife Quitten hängen in einem Garten in Bochum an einem Strauch. (picture alliance / dpa)

Alte Sorten erhalten - das ist das Ziel von Marius Wittur. Er hat sich der Quitte verschrieben. Im fränkischen Untereisenheim am Main betreibt er unter dem Namen "Mustea" ein Rekultivierungsprojekt für alte Quittensorten. Er hat auch eine Kooperative gegründet, um das alte Kernobst besser vermarkten zu können.

"So, wir kommen jetzt zur ersten Station hier am Quittenlehrpfad, diese Quittenreihe, die wir auf der rechten Seite sehen, sind etwa 70 Jahre alt."

Marius Wittur deutet auf die knorrigen Bäume mit den wunderschönen zartrosa Blüten, schiebt seinen Cowboyhut aus der Stirn, gestikuliert, erklärt. Seine Begeisterung  für die Quitte ist ansteckend -  die rund 25 Teilnehmer an der Führung stehen im Halbkreis um ihn herum in der Wiese und lauschen seinen Ausführungen interessiert.  Die Quitte ist ein ganz besonderer Baum, erklärt Wittur gerade. Sie wächst oft strauchförmig. Zwei, drei Meter Platz links und rechts reichen ihr deshalb nicht.  Damit sie richtig wachsen kann, sollte sie mindestens 35 Quadratmeter für sich haben. Eine ältere Dame nickt, sie kann das gut verstehen.

"Ja fast wie’n Mensch, also ein Mensch braucht auch mindestens 35 qm zum Durchatmen."

Diese Quitten könnten die letzten ihrer Art sein

Marius Wittur grinst, die Antwort gefällt ihm. Schon lange beschäftigt er sich mit den Früchten.  Als er vor Jahren nach Franken gekommen war, waren ihm  zwischen den Weinreben, die für diese Gegend so typisch sind, immer wieder alte Quittensträucher aufgefallen– damals für ihn eine unbekannte Pflanze. Bei seinen Nachforschungen fand er  heraus: Diese Quitten könnten die letzten ihrer Art sein. Momentan  gibt es weltweit etwa 1000 verschiedene Quittensorten. Doch wirklich angebaut werden davon vielleicht vier oder fünf; viele alte Sorten sind vom Aussterben bedroht.  Schnell war für ihn klar: Dagegen muss man etwas tun. Deshalb hat er das Mustea-Projekt gegründet:

"Wir bewirtschaften zurzeit 5 ha Quittenanbau hier in Mainfranken, wo wir alte Standorte pachten, um mit Pachtverträgen die Standorte über `nen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren zu sichern. Aber zu unserem Quittenanbau gehört natürlich auch, neue Sorten nachzupflanzen."

Dafür gibt es zum einen die Quittenbaumschule in Untereisenbach, wo Wittur auch Interessierte berät, welche Quittensorte die richtige für sie ist. Und zum anderen den Sortengarten hier am Quittenlehrpfad. Lauter kleine Bäumchen stehen hier als Beispiele für die verschiedenen Quittensorten auf einer Blumenwiese - natürlich mit ausreichend Abstand. Welcher Baum zu welcher Quittensorte gehört, das steht allerdings nirgends. Schuld daran sind ausgerechnet andere Quittenfreunde, sagt Marius Wittur bedauernd:

"Das liegt daran, dass wir auch internationale Sorten haben, die nirgendwo anders in Deutschland wachsen. Und bei Sortensammlern ist es dann so, dass sie dann oft uns die Bäume erst mal klauen, obwohl wir eine Quittenbaumschule haben, wo alle Sorten letztlich für jeden verfügbar sind."

Nummern statt Namen

Es gibt auch Sorten, von denen man nicht einmal mehr den Namen kennt. Die letzten Menschen, die das noch wussten, sind längst gestorben – nur die alten Bäume stehen noch. Marius Wittur vermehrt auch diese Sorten weiter, gibt ihnen Nummern statt Namen. Und befragt alte Männer und Frauen nach den Quittenbäumen ihrer Kindheit, damit nicht noch mehr Sortennamen verloren gehen.

Die Gruppe steht inzwischen an einem Wiesenhang  – vor einem alten Quittenstrauch. Wirklich besonders sieht er auf den ersten Blick nicht aus. Aber er trägt die Astheimer Perlquitte, eine Quittenart, die es nur hier in Volkach gibt, erzählt Marius Wittur stolz. Und stellt sich gleich danach den Spezial-Fragen einiger Paare, die selbst fast schon Quittenexperten sind. Die Gruppe ist bunt gemischt, die jüngste Teilnehmerin ist erst 14, die ältesten dürften weit über 70 sein. Einige sind sogar aus Hessen oder aus Freiburg für die Führung angereist. Nicht jeder, der hier mit über den Astheimer Quittenpfad geht, hat selbst einen Baum im Garten  - aber irgendwie dann doch einen Bezug zur Quitte:

"Wir ham einen Bauernhof ghabt, da haben wir noch Quitten ghabt, aber die letzten Jahre hab ich auch nichts damit gemacht, ist auch viel Arbeit, die Quitten sind sehr hart und von daher hab ich keinen Bezug mehr dazu gehabt. Aber jetzt wollt ich einfach nochmal schauen, vielleicht gibt’s irgendwann mal Gelegenheit, dass ich’s wieder mach / Ich fand die schon immer toll als Kind, weil die so gut geduftet hat. Und in dem Dorf aus dem ich komme da gab's auch viele Quittenbäume in den Gärten und Quittengelee war was ganz besonderes was die Oma gekocht hat."

Die Quitte war schon immer etwas ganz besonderes, meint Marius Wittur. Die Frucht mit der samtig-gelben Haut wurde früher der Liebesgöttin Aphrodite zugeordnet:

"Vergleichbar mit einer Ehe"

"Hängt natürlich damit zusammen, dass die Quitte einen sehr intensiven Duft hat, dass das Kerngehäuse sehr viele Kerne besitzt was natürlich in Assoziation zur Fruchtbarkeit gesetzt wurde und dass die Quitte natürlich auch wenn man roh reinbeißt nen leicht bitteren Nachgeschmack hat. Sprich: Vergleichbar mit ner Ehe."

In England gab es deshalb früher den Brauch, dass ein junger Mann, der sich das erste Mal bei den Eltern seiner Braut vorstellte, eine Schachtel mit Quittenkonfekt als Geschenk dabei hatte. Als Zeichen seiner großen Liebe.

Romantisch? Naja. Die 14-jährige Julia verzieht das Gesicht.

"Ufff…ich weiß ned, ob ich davon so begeistert wär… "

Das Stück Quittenkonfekt, das Marius Wittur ihr zum Probieren reicht, schmeckt ihr aber dann doch. Die süße klebrige Masse, die entsteht, wenn man Quittenmus mit Zucker aufkocht und trocknen lässt, war früher die Lieblingssüßigkeit vieler Kinder in Deutschland, erzählt Marius Wittur.

"Und erst nach dem Zweiten Weltkrieg als letztendlich die Schokoladen in die damals auch aufkommenden Supermärkte gekommen sind, da hat letztendlich das neue Geschmackserlebnis Schokolade das Quittenkonfekt."

Wirtschaftswunder, technischer Fortschritt, Schnelllebigkeit -  Die Quitte passte einfach nicht mehr in die Zeit. Früchte deutscher Quittensorten sind auch nach der Ernte steinhart, einfach reinbeißen geht nicht. Sich stundenlang in die Küche zu stellen, um Quittengelee zu kochen – dazu hatten immer weniger Menschen Lust. Die Industrie sprang auf Quittenprodukte auch nicht an. Neben Apfel oder Birne war die Quitte immer ein Nischenobst. Das Stiefkind, wie Marius Wittur sagt. Mit diesem Problem hat er auch heute zu kämpfen. Denn  Fördermittel für sein Quittenprojekt – die gibt es nicht, bedauert er.

"Wenn eine Obstart 0,5 Prozent der Obstarten ausmacht in Deutschland, dann gibt es da kein wirtschaftliches Interesse für. Und wo kein wirtschaftliches Interesse für irgendwas ist, da sind die Förderungen dann auch nicht da. Das heißt leider wird jedes Gehirngespinst gefördert in Deutschland aber ne Obstart die kurz vorm Aussterben ist mit ihren Regionalsorten und Landsorten wird überhaupt nicht gesichert."

Quittensorten müssen vegetativ vermehrt werden

Und die Zeit drängt, warnt Wittur. Denn man kann nicht einfach Quittensamen jeder Sorte einfrieren und irgendwann auftauen.  Wer sichergehen will, dass eine Quittensorte erhalten bleibt, muss sie vegetativ vermehren – dafür braucht man Teile eines lebenden Baums. Aber einfach nur ein paar Quittenbäumchen anpflanzen - das reicht nicht, davon ist Marius Wittur überzeugt:

"Der Sortenerhalt macht nur Sinn, wenn man wieder das Obst richtig verwertet, wenn wir Obstbauern davon begeistern können, wieder Quitten anzubauen, wenn wir die Hausgärtner davon begeistern können, wieder Quitten anzupflanzen und wenn wir Menschen in den Städten begeistern können, die auch keinen Garten haben – nämlich über das Geschmackserlebnis."

Deswegen verarbeitet Marius Wittur seine Quitten, stellt alles Denkbare aus ihnen her. Neben Klassikern wie Quittensaft und Quittenkonfekt produziert er auch Quittenwein und Quittensherry, alkoholfreien Quittensecco oder Balsamico aus Quitte. Er verkauft die Produkte, in der Region, auf Messen oder auch an die gehobene Gastronomie. So finanziert er den Quittenanbau, ganz ohne Fördermittel. Und so macht er gleichzeitig die Quitte bekannter. Ein Konzept, das aufgeht. Auch die Slowfood-Bewegung, die sich für genussvolles, bewusstes und regionales Essen einsetzt, ist schon auf ihn aufmerksam geworden. Denn Witturs Produkte entsprechen dem Slowfood-Motto, sagt Hans Werner Bunz  von Slow Food. Sie sind gut, sauber und fair:

"Gut, das was er also produziert, schmeckt einfach gut. Sauber bedeutet, es ist frei von Fremdstoffen, es ist mit Respekt für Umwelt und Klima erzeugt und fair, er hat ja ne Kooperative in die Welt gesetzt, in denen er den Erzeugern einen höheren Preis bezahlt als das, was üblicherweise da ist."

Auch für Hans Werner Bunz ist die Quitte eine total unterschätzte Frucht, er schwärmt von Quittentarte und Ente mit Quittenfüllung.

Marius Wittur führt inzwischen seine Gruppe über einen Grashang nach unten, weg vom Quittenlehrpfad, zwischen alten Obstbäumen hindurch. Hinter einem Quittenbaum hat er nämlich noch eine Kiste voller selbst produziertem Quittensherry versteckt - nach so viel Theorie über die Quitte ist jetzt auch mal Zeit für eine Kostprobe:

"Gluggglugg –der riecht wunderbar. – der riecht wie ein Cream Sherry aus Jerez in Andalusien, das ist die Heimat des Sherrys. Und da werden jetzt die Franken Konkurrenz machen."

Länderreport

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