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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.12.2014

FraktusMajor Tom im Facebook-Zeitalter

Von Florian Werner

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Die Schauspieler und Musiker Jaques Palminger (l-r), Alicia Aumüller, Rocko Schamoni, Franziska Hartmann und Heinz Strunk spielen am 29.04.2014 in Hamburg auf der Fotoprobe von "Tonight:Fraktus". (dpa/ picture alliance / Markus Scholz)
Fraktus haben einen neuen Song veröffentlicht (dpa/ picture alliance / Markus Scholz)

Fraktus ist eine fiktive deutsche Band aus den 1980er Jahren. Dennoch haben sie gerade einen neuen Song veröffentlicht: "Freunde sind friends". Florian Werner interpretiert ihn für uns.

Die Band Fraktus feierte ihre größten Erfolge in den Achtzigerjahren und gilt als Wegbereiter der elektronischen Popmusik und Begründer des Techno. Nein − wer die vor zwei Jahren erschienene, hochkomische Film-Mockumentary namens Fraktus gesehen hat, weiß natürlich: Die Band ist eine Erfindung der Autoren, Musiker, Schauspieler und Ausnahmeentertainer Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger. Trotzdem hat sie gerade einen neuen Song veröffentlicht. Florian Werner hat ihn gehört und geliked.

"Ha ha ha ha ha ha ha ha ... "

"Freunde sind Friends” beginnt mit dem vermutlich kürzesten Zitat der Popgeschichte: der Silbe "ha". Der Laut stammt, zumindest in dieser minimalistischen Wiederholung, von der amerikanischen Performance-Künstlerin Laurie Anderson, aus ihrem Song "O Superman". Und um einen Superman, einen "Übermenschen", geht es auch in der Freundeshymne von Fraktus. Im denkbar wörtlichsten Sinn: Der Sänger trudelt Tausende von Kilometern über der Erde durch das All.

"Auf meinem einsamen Stern
Bin ich schwer zu erreichen
Kein Funkspruch kommt durch
Und kein Lebenszeichen."

Die erste Strophe gibt einen Hinweis darauf, was hinter dem enigmatischen "ha” stecken könnte: Ein gescheiterter Versuch zur Kontaktaufnahme. Ein abgeschnittenes "Hallo". Ein "Helft mir", ein "Holt mich hier raus" oder besser "rein".

Verschollen im Weltall

Der Sprecher ist verschollen im Weltall, ein Schiffbrüchiger wie Robinson Crusoe oder einer von dessen tragischen Science-Fiction-Erben, man denke an David Bowies Major Tom. Und seine Einsamkeit bedrückt ihn so sehr, dass er sich fühlt wie in einem Horrorfilm − etwa "The Fog" von John Carpenter:

"In meinem Nebel des Grauens
Holt die Angst mich ein
Plötzlich ein Signal
Ich bin nicht allein
Eine Botschaft kommt rein."

"No man is an island", heißt es in der Meditation Nummer XVII des englischen Barocklyrikers John Donne: "Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes." Diese tröstliche Einsicht gilt auch für unseren Schiffbrüchigen im Sternenmeer: Auch der Sprecher von "Freunde sind Friends" ist mit der Restwelt, der Erde verbunden. Aber wie?

"Freunde sind Friends, und Friends sind Freunde
Freunde sind Friends, Du musst sie liken
Zeige ihnen Dein Smiley-Icon
Zusammen − together, für immer − forever
Wie Thorsten, Dickie und Bernd"

Brüchige Freundschaften

Auf den ersten Blick ist der Refrain eine ungebrochene Hymne an die Freundschaft. Einzig die penetranten Anglizismen stören: Wörter wie "friends" und "liken" verorten die soziale Beziehung, die hier besungen wird, klar im Kosmos der sogenannten sozialen Netzwerke.

Und: Wer den Film "Fraktus" gesehen hat, weiß, dass es mit der Freundschaft zwischen den drei Bandmitgliedern Thorsten, Dickie und Bernd nicht allzu weit her ist. Ja, streng genommen lauert unter dem Firnis ihrer Friendship andauernd der Streit. Pardon: der battle.

"In meinem Sonnensystem
Ist es menschenleer
Kein Komet kommt vorbei
Kein Satellit besucht mich mehr"

Kein Wunder, dass der Sprecher in der dritten Strophe noch weiter von seinen Friends und dem Rest der Menschheit entfernt ist als je zuvor: Selbst leblose, unbemannte Objekte wie Kometen und Satelliten werden von ihm nun in seiner Verzweiflung vermenschlicht.

Wenn er schließlich wieder das enigmatische, engelsgleiche Hauchen vom Anfang des Songs hört, handelt es sich dabei denn wohl auch eher um Stimmen aus dem Jenseits. "Ha" wie "Halluzinationen". "Ha" wie "Hades". "Ha" wie die letzten Japser eines einsamen Astronauten, dessen Sauerstoffvorräte allmählich zur Neige gehen.

"In meiner Kapsel aus Glas
Geht mir der Sauerstoff aus
Plötzlich höre ich Stimmen (ha ha ha ... )
Endlich komm ich nach Haus
Meine Freunde hol'n mich raus.
Freunde sind Friends etc."
 

Mehr zum Thema:

"Die Band Fraktus hat mich sehr, sehr geprägt"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 08.11.2012)

"Fraktus" in Hamburg - Amüsanter Nonsens
(Deutschlandfunk, Corso, 05.05.2014)

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(Deutschlandradio Kultur, Thema, 08.11.2012)

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