Seit 06:05 Uhr Studio 9
 

Samstag, 18.11.2017

Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 23.11.2014

FrackingAnbohren und Abhören

In Polen wächst der Widerstand gegen Fracking

Von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster

Podcast abonnieren
Ein Fracking-Bohrturm in der Abenddämmerung. (dpa/picture alliance/Jim Lo Scalzo)
Ein Fracking-Bohrturm in der Abenddämmerung. (dpa/picture alliance/Jim Lo Scalzo)

In Polen herrscht Goldgräberstimmung und alle wollen das eine: Schiefergas. Doch die sonst so unpolitischen Bürger gehen angesichts der umstrittenen Abbaumethode Fracking auf die Barrikaden - und rufen so den Geheimdienst ABW auf den Plan.

 "Leider haben wir niemanden, der ihnen Auskunft geben kann". Das war die Antwort auf unzählige Mails und Anrufe. Der Energie-Konzern Chevron wollte einfach kein Interview geben zum Thema Fracking in Polen. Das macht natürlich neugierig. Erst Recht, wenn sich ein kleines Dorf dem Weltkonzern entgegenstellt.

Das Dorf heißt Zurawlow und befindet sich im Osten Polens, 40 Kilometer entfernt von der ukrainischen Grenze. 

Hier einige Kostproben aus der Reportage über die Situation in Zurawlow:

"Occupy Chevron" fordert ein Transparent am Straßenrand. An den Haltestangen wehen zwei polnische Fahnen. Darunter mahnen sechs aufgespießte Gasmasken. Chevron, einer der größten Energiekonzerne der Welt, will hier nach Schiefergas suchen, hat die Konzession für eine Probebohrung. Der Kleinbauer Andrzej parkt den Traktor. Auf der anderen Straßenseite: ein großer Bauwagen, beklebt mit Protestplakaten "No Fracking" steht da. Und: "Chevron go home". Daneben ein grünes Versammlungszelt, und ein großer Hänger, meterhoch beladen mit Strohballen. Andrzej klettert vom Traktor, begrüßt mit Handschlag einen Kollegen, der am Straßenrand wartet.

Eindrücke aus der Region Kaschubien und dem Dorf ZurawlowKaschubien wird auch die "Region der Wälder und Seen" genannt. Warnschilder an einem Bohrfeld in Kaschubien.Widerstand auf dem Acker in Zurawlow.Widerstandszentrale im Bauwagen in Zurawlow.Widerstand auf dem Acker in Zurawlow.Chevron auf dem Acker in Zurawlow.

 "Natürlich ist es nicht einfach Protest und Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen", sagt der Kleinbauer. "Aber wir kriegen es schon hin." - "Das muss einfach sein", sagt sein Kollege. "Das muss sein."

Andrzej deutet kurz nach rechts, aufs Nachbarfeld: Da liegt das Chevron-Camp. Ein Bauwagen, ein Dixi-Klo, ein orangener Generator, ein Mast mit einer Scheinwerferbatterie, einer mit einer Rundum-Überwachungskamera. Ein Sicherheitsmann in schwarzer Uniform mit gelber Warnweste blickt herüber, greift zum Telefon. Er bewacht das Chevron Material auf dem Acker. Eine Schaufel, einige Holzpfosten und ein paar Rollen Zaundraht.

Es gibt in Zurawlow kein Trinkwasser - und keine Gasleitung. Das Örtchen mit seinen 96 Einwohnern ist einfach zu abgelegen, um es an die zentrale Versorgung anzuschließen. Wer Gas braucht, kauft es in Flaschen, das Trinkwasser liefert der Untergrund. Jener Untergrund, in dem der US-Konzern Chevron Schiefergas vermutet. Lange Zeit ahnen die Einwohner von Zurawlow nichts davon. Bis der Energieriese zu einem Informationsgespräch lädt. Barbara Siegienczuk erinnert sich noch gut an das üppige Buffet. Mit Garnelen, Tintenfisch, Muscheln – Meeresfrüchten, die viele hier noch nie probiert hatten.

"Das Erste, was sie sagten, war: Sie sind ein Unternehmen, das nichts zu verbergen hat, das voll transparent arbeitet. Und dass sie der Kommune hier ein Angebot machen möchten. Aber als sie im Saal Besucher mit Plakaten sahen, die an die Schiefergasförderung in Ecuador erinnerten und an die Verseuchung dort, da bekamen sie es mit der Angst zu tun. Sie forderten den Bürgermeister auf, die Leute vor die Tür zu setzen. Auch die aus den Nachbardörfern. Nur die Bewohner von Zurawlow sollten bleiben."

...

Das Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Text-Format


Anja Schrum (privat)Anja Schrum (privat)Ernst-Ludwig von Aster (privat)Ernst-Ludwig von Aster (privat)"Wir wurden neugierig als wir hörten, dass ein Konzern wie Chevron angeblich niemanden hat, der einem etwas über Fracking in Polen erzählen kann. Und ganz besonders, als wir dann noch von dem kleinen Dorf erfuhren, dass sich einem so großen Konzern entgegenstellt."

Die Reportage

Kinder in IndienDie Mädchen vom Müllberg
Ein Mädchen sammelt Abfälle auf einem Müllberg vor Delhi. (Deutschlandradio / Laura Salm-Reifferscheidt)

Müll ist wertvoll – überall auf der Welt. Aber während der Müll hierzulande ins Recycling gelangt, klettern in Ländern wie Indien Menschen auf Müllberge, um das Wertvollste herauszufischen. Oft sind Kinder beim Sammeln dabei - so auch Saruna, Anjum und Jasmin, drei Mädchen aus Delhi.Mehr

Heimerziehung in der DDRRückkehr in den Jugendwerkhof
Eine Frau schaut sich am 07.11.2009 eine Fotografie des Innenhofes des ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhofes Torgau in der heutigen Gedenkstätte in Torgau an. (dpa / picture-alliance)

Renate wollte mit 17 kurze Röcke tragen, so laut wie möglich die Rolling Stones hören. Eine ganz normale Jugend war für sie in der DDR aber nicht möglich. Sie wird in den Jugendwerkhof Eilenburg eingewiesen. 45 Jahre später beginnt sie mit der Aufarbeitung. Mehr

Kirche heuteJedes Schäfchen zählt
Die junge Pfarrerin Katrin Berger mit ihrem Hund Perla (Deutschlandradio Kultur / Elin Rosteck )

Katrin Berger hat ihren "Entsendungsdienst" als Pfarrerin in der tiefsten Provinz Westfalens absolviert. 14 Jahren dauerte ihre Ausbildung. Ob sie einmal eine feste Stelle bekommt, ist unklar. Sie will etwas bewegen, gerade in dieser Zeit, in der sich ihre Kirche bewegen muss.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur