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Buchkritik | Beitrag vom 02.05.2017

Forrest Leo: "Der Gentleman"Literarischer Ausflug ins viktorianische England

Von Hans von Trotha

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(imago / robertharding / Aufbau Verlag)
Garten von Osborne House - ein beschauliches Schlösschen, das für Queen Victoria und Prince Albert gebaut wurde (1845 - 1851) (imago / robertharding / Aufbau Verlag)

Der US-Amerikaner Forrest Leo, erst 27 Jahre alt, hat ein wunderbares Debüt geschrieben. Er taucht ab ins britische 19. Jahrhundert - und erzählt von vier Duellen in vier Tagen. Schön, dass auch der Teufel seinen Auftritt hat.

Was wir 19. Jahrhundert nennen, heißt in England "Victorian". Es ist dort immer noch omnipräsent – in der Architektur, in der Sprache, im Benehmen. Die Literatur allerdings ist weiter, sie ist modern geworden. Da fällt ein Buch natürlich auf, das sich ganz viktorianisch gibt. Verwundert reibt man sich die Augen und sieht nach, wer sich das traut. Es ist einer, der dem viktorianischen England denkbar fern steht: jung, Schauspieler, Amerikaner. That makes sense.

Intelligent, witzig und sehr gut gemacht

"Der Gentleman" heißt das literaturhistorische Reenactment von Forrest Leo und ist zwar nicht die "literarische Sensation", die der Verlag annonciert, aber intelligent, witzig und sehr gut gemacht. Da hat sich einer eine Aufgabe gestellt und mit Bravour gelöst, ohne das Ergebnis mit weiteren literarischen Ambitionen zu überfrachten.

Das wirkt ziemlich reif und ist nicht selbstverständlich für das Debüt eines 27-Jährigen. Von der Handlung darf man nicht viel verraten, ohne den Lesespaß zu schmälern. So viel vielleicht: Vier Duelle in vier Tagen, und alle auftretenden Männer sind sowohl Variationen dessen, was das 19. Jahrhundert unter einem Gentleman verstand, als auch emblematische Figuren jener Epoche.

Auch "der beste Butler Großbritanniens" spielt mit

Da ist "der beste Butler Großbritanniens und vielleicht der ganzen Welt", ein Flugmaschinen bauender Erfinder, ein gutaussehender Abenteurer ("Die angespannten Muskeln unter seiner Abendgarderobe führen einen Krieg gegen die Nähte, der nicht gut ausgehen kann"); es gibt den Herausgeber des Textes, der diesem ziemlich überflüssige Fußnoten hinzufügt, sowie einen jungen Dichter, der seit der Heirat aus Geldnot unglücklich ist und trotzdem nicht mehr dichten kann. Auch der Teufel selbst erweist sich als ein Gentleman ("Das hat natürlich Folgen für die Literatur der letzten zweitausend Jahre").

Klingt wie die Exposition zu einer Boulevardkomödie alten Stils. Und darin liegt die Crux: Forrest Leo hat ein Bühnenstück in Prosa überführt. Insbesondere im Finale, das nach guter alter (Theater-) Schule sämtliche Akteure auf der Bühne versammelt, gibt Leo den Spagat zwischen den Gattungen zugunsten des Theaters auf.

Komödie über die Liebe und die Kunst

Da aber ohnehin die Dialoge das Buch tragen und die ziemlich witzig sind, und da Leo die Chuzpe hat, eine Grundregel des britischen Boulevard konsequent zu befolgen – nämlich die, dass man als Erzähler immer noch ein bisschen mehr übertreiben kann, solange man die Contenance eines Gentleman bewahrt – bleibt es vergnüglich. Sogar die vom Herausgeber zu Recht bemängelte Wahl der "affektierten Form des Präsens" stört nicht, wenn einer richtig Tempo macht: "Wenn sie nicht heult, schmeißt sie Feste. Es ist furchtbar. Ich möchte sterben. Und ich kann nicht schreiben."

Eine Komödie über die Liebe, über die Kunst sowie über die im viktorianischen England immer wieder variierte These, dass die Eine nicht ohne die Andere zu haben ist und dass es dabei immer irgendwie mit dem Teufel zugeht. Leo gibt vor, 150 Jahre alte Konventionen ungebrochen zu bedienen und schafft es, aus dieser Versuchsanordnung ein Maximum an meist intelligenten Pointen herauszuholen. Ein Spiel, ein Spaß, sogar ein bisschen spannend und, auch auf Deutsch, so viktorianisch, wie man heute nur noch in Alaska und New York sein kann.

Forrest Leo: Der Gentleman
Aus dem Amerikanischen von Cornelius Reiber
Aufbau Verlag, Berlin 2017
304 Seiten, 20 Euro

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