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Sonntag, 19.11.2017

Interview / Archiv | Beitrag vom 02.06.2016

Flüchtlingslager Dadaab in Kenia Leben wie auf einem fremden Planeten

Ben Rawlence im Gespräch mit Dieter Kassel

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Luftaufnahme des Flüchtlingslagers Dadaab in Kenia (dpa / Brendan Bannon/Iom/Unhcr)
Das Flüchtlingslager Dadaab in Kenia (dpa / Brendan Bannon/Iom/Unhcr)

Seit 25 Jahren existiert das Flüchtlingslager Dadaab im Norden Kenias. "Es ist eine Stadt von der Größe Frankfurts", sagt der Journalist Ben Lawrence. Da die Bewohner dort isoliert werden, sei ihr Leben wie auf dem Mars: "Sie haben kaum Verbindungen zum Rest der Welt".

350.000 bis 600.000 Menschen leben laut Schätzungen im Flüchtlingslager Dadaab im Osten Kenias, die meisten von ihnen aus dem benachbarten Krisenstaat Somalia. Seit 25 Jahren besteht Dadaab bereits, doch nun will die kenianische Regierung das Lager auflösen. Sie befürchtet, dass Terroristen der somalischen Terrormiliz Al-Shabab dort aktiv sind und Anschläge planen.

Wohin aber sollen die hundertausenden Menschen, sollte Dadaab geschlossen werden? Der britische Journalist und Mitarbeiter von Human Right Watch, Ben Rawlence, der für ein Buch mehrere Jahre lang regelmäßig in dem Lager recherchiert hat, sagt: Ein Flüchtlingslager dieser Größenordnung lässt sich nicht einfach so auflösen.

"Es ist eine Stadt von der Größe Frankfurts, die schon seit 25 Jahren existiert. Können Sie sich vorstellen, mal eben die Stadt Frankfurt abzubauen?"

Wenn die kenianische Regierung dies tatsächlich versuchen sollte, werde dies zu viel Leid führen.

Dem Journalisten zufolge werde es in Zukunft sogar noch mehr Flüchtlingslager wie Dadaab geben. Schon jetzt gebe es zahlreiche ähnliche Camps, etwa an der Grenze zwischen Thailand und Burma, in Äthiopien, im Sudan, im Tschad, Darfur:

"Wir sehen ein Archipel von Stadtstaaten, die schon eigene Nationen, eigene Länder voller Menschen bilden. Und dieses Archipel wächst, weil die Welt diese Leute isoliert halten möchte."


Das Gespräch im Wortlaut:

Dieter Kassel: Seit 1992 existiert in Dadaab, im Nordosten Kenias ein Flüchtlingslager, das längst zum größten der Welt wurde. Vor allem Somalier leben dort. Der britische Journalist kam ab 2009 als Beobachter der Organisation Human Rights Watch in dieses Lager und kehrte dann immer wieder zurück, um für sein Buch "Stadt der Verlorenen" zu recherchieren, ein Buch, in dem er uns mehrere langjährige Bewohner dieser regelrechten Flüchtlingsstadt vorstellt.

Gerade ist Ben Lawrence in Deutschland auf Lesereise und ich hatte Gelegenheit mit ihm zu sprechen. Fast gleichzeitig hat die kenianische Regierung erneut angekündigt, dieses riesige Lager noch in diesem Jahr zu schließen. Ich habe Ben Lawrence deshalb gefragt, ob er glaubt, dass das wirklich geschehen wird.

Ben Rawlence: Das Problem bei all diesen Drohungen, das Camp dicht zu machen, besteht erstens darin, dass schon einige Male solche Drohungen ausgesprochen wurden und wir daher nicht wissen, ob wir die Kenianische Regierung ernst nehmen sollen oder nicht. Und zweitens ist es sehr schwer vorstellbar, wie sie das tun würden. Dadaab ist ein riesiges Flüchtlingslager, es ist eine Stadt von der Größe Frankfurts, die schon seit 25 Jahren existiert. Können Sie sich vorstellen, mal eben die Stadt Frankfurt abzubauen?

Es ist fast unmöglich sich vorzustellen, wie sie das machen wollen. Mein erster Eindruck ist, dass es unmöglich ist, das zu tun, mein zweites Gefühl dabei ist die Angst, dass sie es trotzdem versuchen werden. Wenn sie das versuchen, werden sie eine Menge Schaden anrichten und es wird im Verlauf viel Leiden geben.

Die Menschen können nirgendwo hin

Kassel: Wäre es wirklich eine so schlechte Idee, diese Flüchtlingsstadt, in der inzwischen drei Generationen von Flüchtlingen leben - ohne die Hoffnung auf eine Zukunft -, zu schließen?

Rawlence: Niemand möchte gerne in Dadaab leben. Am wenigsten die Flüchtlinge, die dort festsitzen, in diesem Gefängnis in so einer heißen Wüste. Aber der Grund, warum es weiter besteht, ist, dass die Menschen keine anderen Möglichkeiten haben. Sie können nicht zurück nach Somalia, weil dort noch Krieg herrscht und obwohl Kenia weiterhin darauf besteht, dass Somalia ein friedliches Land sei, ist das nicht der Fall.

Wir sehen derzeit Menschen von Somalia nach Dadab wiederkehren, die versucht hatten, nach Somalia zurück zu gehen, dort aber gesehen haben, dass die Lage überhaupt nicht friedlich ist, dass Al-Shabab noch immer da ist und weiterhin versucht, ihre Kinder zu rekrutieren. Nach Kenia können sie nicht, weil Kenia diese Flüchtlinge nicht integrieren will und der Rest der Welt will sie auch nicht haben. Der Grund dafür, dass diese Stadt seit 25 Jahren existiert, liegt also genau darin, dass es keine einfachen Antworten gibt.

Kassel: Sie haben mit vielen Flüchtlingen gesprochen. Die Flüchtlinge sind an einem Ort, aus dem es für sie keinen Ausweg gibt. Ist den Menschen das bewusst?

Ein Kind sitzt neben einer bröckelnden Schlammwand im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia. (AFP - TONY KARUMBA)Das Flüchtlingslager Dadaab soll nun geschlossen werden. (AFP - TONY KARUMBA)

Rawlence: Ja, sie merken das durchaus, und das macht Dadab zu einem gleichzeitig so tragischen und so faszinierenden Ort, darum habe ich auch das Buch geschrieben, um zu versuchen zu erklären, wie es dort ist. Am besten kann man sich das Lager als fremden Planeten vorstellen – es sieht ein bisschen aus wie auf dem Mars, ein bisschen wie unser Leben hier auf diesem Planeten, aber gleichzeitig sind diese Leute so abgetrennt von uns, sie haben kaum Verbindungen zum Rest der Welt.

Sie haben dadurch fremde Charaktere entwickelt, sie haben seltsame Vorstellungen von sich selbst, auch weil ihr Hirn nicht allzu weit in die Vergangenheit blicken kann, wegen des Kriegstraumas, aber auch nicht sehr weit in die Zukunft, weil die Zukunft so hoffnungslos und endlos wie die Gegenwart erscheint. Und in der Gegenwart können sie auch nicht richtig heimisch werden, weil die aktuelle Situation in dieser Stadt ohne richtige sanitäre Anlagen, in der sie nicht arbeiten können, wo sie von Trockennahrungs-Rationen der UNO abhängig sind, weil diese Situation so schrecklich ist.

Sie ist von einigen Journalisten als Hölle auf Erden beschrieben worden. Die Leute also, die an diesem Ort aufwachsen haben sehr ungewöhnliche Vorstellungen von sich selber und das war einer der Aspekte, die mich als Autor so sehr interessiert haben. Ich denke, dass auch der Rest der Welt diese Tragödie begreifen muss.

"Dadaab schleicht in unser Bewusstsein"

Kassel: Existiert dieses Flüchtlingslager nicht deshalb, weil es der Welt die Möglichkeit bietet, diese Menschen und diesen Konflikt zu vergessen?

Rawlence: Ich glaube nicht, dass das genau der Grund ist, warum es existiert, denn diese Menschen haben ja keinen anderen Ort, an den sie gehen könnten, und das internationale System hat diesen Weg als mögliche Hilfsform für sie festgelegt.

Eine der Nebenwirkungen davon, diese Leute in dieser so schwer erreichbaren Wüste zu halten, ist natürlich, dass man sie in der Tat vergisst. Dass man den Krieg in Somalia vergisst. Aber weil wir über so lange Zeit zugelassen haben, dass dieser Ort vergessen wird, schleicht sich Dadaab jetzt auf anderem Wege in unser Bewusstsein: Viele der Menschen, die letzten Monat auf dem Mittelmeer gestorben sind, in einem der Boote, dass voll mit Somaliern war und gekentert ist, kamen aus Dadaab.

Die Leute haben begonnen zu merken, dass das Leben im Camp ihnen keine Zukunft bietet und sie fangen an, andere Reisen anzutreten – nach Südafrika, in die Golfstaaten, nach Europa, einige gehen sogar über den Atlantik nach Brasilien und Nordamerika. Wir können diese Camps also eine Zeit lang vergessen, aber früher oder später werden sich die Menschen bemerkbar machen.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) unterhält sich im März 2016 im Flüchtlingscamp Dadaab mit einer Frau. (dpa / picture-alliance / Michael Gottschalk BMZ-Poolfoto)Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) unterhält sich im März 2016 im Flüchtlingscamp Dadaab mit einer Frau. (dpa / picture-alliance / Michael Gottschalk BMZ-Poolfoto)

Kassel: Die Idee ist ja eigentlich, Menschen auf der Flucht einen Ort der Sicherheit zu geben. Aber Dadaab ist kein sicherer Ort. Warum gelingt es nicht, dieses Lager wikrlich zu kontrollieren?

Rawlence: Die internationalen Organisationen und die kenianische Polizei wollen diesen Ort nicht wirklich kontrollieren. Ihr Hauptanliegen ist nicht das Wohlergehen der Flüchtlinge, das Hauptanliegen der kenianischen Regierung ist die innere Sicherheit. Sie sehen die Flüchtlinge als eine potentielle Bedrohung. Es gab viele öffentliche Bekanntmachungen, in denen die Flüchtlinge "Terroristen" genannt wurden und Dadaab als Hafen für Terroristen bezeichnet wurde – und das stimmt einfach nicht.

Das Seltsame an diesem Camp ist, dass dieses eigene Leben dort entstanden ist. Nach dieser liberalen, eurozentrischen und pro-amerikanischen Sichtweise werden diese Leute als außerhalb des Welt-Systems stehend betrachtet. Aber es gibt ein internationales System, es gibt Demokratie – im Buch kommt ein junger Mann namens Towane vor, er ist einer der Anführer der Jugend im Camp. Er hat eine kleine Hütte, die weiß gestrichen ist, wo er sich mit den Leuten trifft, die er seine "Regierung" nennt, sein Kabinett, er nennt sie das weiße Haus und macht immer Witze darüber, dass er eines Tages sein wird wie Obama.

Das sind also Leute, die von der Welt marginalisiert wurden, aber sie versuchen verzweifelt sich wieder so zu fühlen, als seien sie ein Teil von ihr. So haben sie Gesetzgebung und Polizeigewalt selber in die Hand genommen. Als es tatsächlich mal terroristische Anschläge im Camp gab, hat nicht die kenianische Polizei darauf reagiert, weil sie Angst hatte, es war Towane und seine Gruppe junger Leute, die als Freiwillige auf den Straßen patrouillierten, um nach Landminen zu suchen und sicherzustellen, dass die Laster mit den Nahrungsmittel-Lieferungen ins Camp fahren konnten und so weiter. 

Es ist in der Tat eine Art Experiment in autonomer Selbst-Regierung. Alle anderen lassen die Flüchtlinge einfach machen.

In der Zukunft wird es noch mehr Lager wie Dadaab geben

Kassel: Die Ankündigung, das Camp schließen zu wollen, wird von einigen auch so interpretiert, dass Kenia mehr Geld einfordern will. Ist das die Zukunft, dass es immer mehr Orte wie in Dadaab gibt, weil der Westen sich einfach frei kauft?

Rawlence: Mit einem Wort: Ja. Ich glaube, das ist die Zukunft, aber es ist auch die Vergangenheit – die Tatsache, dass Dadaab solange existiert, ist eine Folge der Lager-Politik der Vereinten Nationen. Dieser Politik zufolge kann eine Nation, die sich nicht um Flüchtlinge in ihrem Gebiet kümmern möchte, die Vereinten Nationen einladen, ein Camp zu errichten und diese Leute abgeschirmt vom Rest des Landes zu halten. Was wir jetzt sehen, ist dass diese Camps über viele Jahre bestehen.

Wie Sie schon sagten, Dadaab ist zwar das größte Lager dieser Art, aber nicht das einzige. Es gibt Lager, die existieren seit 40 Jahren, an der Grenze zwischen Thailand und Burma, es gibt Gaza, was jetzt eine Stadt ist, die seit 60 Jahren existiert. Wir haben andere Camps in Äthiopien, im Sudan, im Tschad, Darfur…

Wir sehen eine Art Archipel von Stadt-Staaten, die schon eigene Nationen, eigene Länder voller Menschen bilden – und dieses Archipel wächst, weil die Welt diese Leute isoliert halten möchte. Ich sehe das als Teil einer Geschichte der Ausgrenzung und ich glaube es wird nur noch schlimmer werden, weil die Reaktionen seitens der Europäischen Union, sich dieser Leute anzunehmen, so armselig ausfielen, ebenso seitens der USA und des Nahen Ostens.

Die Aufnahmeländer wie Jordanien oder Kenia wollen diese Menschen auch nicht integrieren, wir sehen uns wohl also immer stärker einer Zukunft gegenüber, in der der Status einer Person leider eher nach ihrem Wert in Euro und Dollar festgelegt wird, als nach den Grundsätzen von Gesetzen und Menschenrechten.

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