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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.11.2015

FlüchtlingsdebatteWillkommen im Land der Oberlehrer

Von Gesine Palmer

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Flüchtlinge überqueren die deutsch-österreichische Grenze (dpa/picture-alliance/ Sebastian Kahnert)
Flüchtlinge überqueren am Morgen des 01.11.2015 nahe Wegscheid (Bayern) die Grenze von Österreich nach Deutschland (dpa/picture-alliance/ Sebastian Kahnert)

Ob Flüchtlingshelfer oder Asylkritiker: Wer über Flüchtlinge in Deutschland diskutiert, stellt sich charakterlich oft als Oberlehrer dar, kritisiert die Journalistin Gesine Palmer. Sie meint: Weniger Pose, Drama und Erziehungspathos würde der Debatte gut tun.

Nachrichtenhören wird zusehends zur Strapaze. Erinnern Sie sich noch an letztes Jahr um diese Zeit? Alle Krisenherde rund ums Mittelmeer waren schon bekannt. Auch dass viele Menschen im Mittleren Osten und in Afrika auf der Flucht sind. Wer hätte aber gedacht, dass sie ein Jahr später in derart großer Zahl bei uns eintreffen würden – und dann noch unsere Medien fluten?

Das stört uns nun doch ein bisschen, zumal wahr zu werden droht, was wir am meisten fürchten: irgendwelche "Spaltungen", die durch die Gesellschaft gehen könnten. Da sind die einen, die vom Hartz-IVler bis zum erfolgsverwöhnten Schriftsteller Botho Strauß ums Deutschsein bangen.

Im Guten so furchtbar feindselig

Und da sind die anderen, die unermüdlich hilfsbereiten Einsatz zeigen – und wollen, dass man in der Welt diese Seite Deutschlands endlich zur Kenntnis nimmt. Die Welt zu Gast bei Freunden, das soll auch für Flüchtlinge gelten. Gastfreundliche Deutsche, hilfsbereite Deutsche, zuversichtliche Deutsche, die sagen: Wir schaffen das – wäre das nicht die richtige Ergänzung zum sogenannten Fußball-Sommermärchen von 2006?

Aber der neue Welt-Gast in schäbigen Flip-Flops lässt Deutsche nicht nur gut dastehen. Eine meiner Lieblingsmeldungen ist die Kündigungsaufforderung des DGB: Wer hetzt, soll fliegen. Ist das nicht furchtbar feindselig?

Wann immer wir so schrecklich gut sind, brauchen wir gleich unbedingt Leute, denen wir es mal zeigen, wenn sie nicht so gut sind. Die einen verweisen dabei auf Flüchtlinge, die anderen auf jene, die sich überfordert fühlen.

Konsequenzen soll fühlen, wer irgendwelcher Fehler und Defizite überführt werden kann. Sowohl die, die einschärfen, dass der Flüchtling sich hier an unsere Regeln und Werte anzupassen habe, als auch die, die unendlich vorbildlich aufopferungsvoll zusammenrücken und am liebsten Privatwohnungen der kleinsten Leute beschlagnahmen möchten, hören nicht auf, Oberlehrer zu sein.

Das ist eben unsere Art, Verantwortung zu übernehmen – deutscher geht es nicht. Tatsächlich belohnen wir unter Immigranten der zweiten und dritten Generation zuverlässig diejenigen, die uns darin am perfektesten kopiert haben.

Probleme mit weniger Pose benennen

Natürlich bin ich als studierte Gouvernante selbst betroffen – schon in meiner Studienzeit deckten wir Skandale auf, wollen etwas "geißeln" und "bloßlegen" – die Verhältnisse zum Beispiel. Heute sind es die betrügerischen Scheinvorbilder VW und FIFA, diese kernigen, bodenständigen Experten für Brot und Spiele, denen wir es natürlich mal zeigen müssen, oder?

Müssen wir auch. Jedenfalls müssen wir aufklären. Aber das können wir vielleicht - an den Flüchtlingsaufnahmestellen ebenso wie in den Nachrichten - mit etwas weniger Pose, Drama und Erziehungspathos tun und übrigens auch mit weniger "politisch korrekter" Verdruckstheit.

Es ist doch völlig selbstverständlich, dass man die Probleme benennt. Ich jedenfalls finde es selbstverständlich, zwischen Einwanderung und Asyl zu unterscheiden, sich als Gastgeber selbstbewusst und hilfsbereit zu verhalten. Ich finde es selbstverständlich, dass man sich für Menschen in Not öffnet und gleichzeitig darauf achtet, die eigenen Leute nicht zu überfordern.

Und selbstverständlich tritt man als freie Bürgerin allen Ober-Oberlehrern, den eigenen wie denen der Gäste aus aller Welt, entschlossen entgegen, wenn sie rückwärtsgewandte, autoritär religiöse, frauenfeindliche und antijüdische Ordnungen etablieren wollen.

(privat)Gesine Palmer (privat)Dr. Gesine Palmer, geb. 1960 in Schleswig-Holstein, studierte Pädagogik, evangelische Theologie, Judaistik und allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Jerusalem und Berlin. Nach mehrjähriger wissenschaftlicher Lehr- und Forschungstätigkeit gründete die Religionsphilosophin 2007 das "Büro für besondere Texte" und arbeitet seither als Autorin, aber auch als Redenschreiberin, Trauerrednerin und Beraterin. Ihr wiederkehrendes Thema sind "Religion, Psychologie und Ethik" – im Kleinklein der menschlichen Beziehungen wie im Großgroß der Politik.

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