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Donnerstag, 23.11.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.07.2015

Florian Werner liest Musik"Pressure Off" von Duran Duran

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Sänger Simon Le Bon von Duran Dura (picture alliance / dpa / Foto: EFE/Alejandro Garcia)
Sänger Simon Le Bon von der britischen Band Duran Dura während eines Konzerts in Barcelona am 20. Juni 2015. (picture alliance / dpa / Foto: EFE/Alejandro Garcia)

Duran Duran war eine der erfolgreichsten Bands der 80er-Jahre. Schon damals arbeiteten die Briten mit dem Funk-Gitarristen Nile Rodgers von der Gruppe Chic zusammen. Jetzt hat Rodgers den Song "Pressure Off" für sie produziert – ein Versuch von Gesellschaftskritik.

…Pressure off, pressure off, pressure, pressure, pressure off!

The past is another country,
The present will never last,
The future, it's still tomorrow,
Are we living too fast?

Leben wir zu schnell? Ja, sagt der deutsche Soziologe Hartmut Rosa: Ihm zufolge leben wir in einer "Beschleunigungsgesellschaft", die Geschwindigkeitserhöhung des modernen Daseins sei eine "neue Form des Totalitarismus". Ja, sagt auch die englische Band Duran Duran in ihrer neuen Single "Pressure Off". Die Vergangenheit ist schneller vergessen, als man "Comebackversuch" sagen kann. Die Gegenwart wird immer kürzer − Zeit, endlich den Druck rauszunehmen:

Everybody everywhere, feel it in the air, oh yeah,
It's time to take the pressure off

Der Refrain macht klar, an wen sich diese Aufforderung wendet: alle Menschen, überall… Ein nicht gerade bescheidener globaler Anspruch, wie er sonst eher von Religionsstiftern oder den Herrschern totalitärer Staaten formuliert wird. Und wie gute Diktatoren inszenieren auch Duran Duran die Zustimmung zu ihrer Ansprache gleich mit: Die beifällige Antwort kommt frisch aus der Applauskonserve:

Steppin' out, steppin' out, steppin' out, and jumpin' up and
Steppin' out, steppin' out, steppin' out, and jumpin' up and

Gegen das System

Kommt heraus aus eurem falschen Leben!, rufen Duran Duran den frenetisierten Dosenfans zu. Schwimmt nicht länger mit beim kapitalistischen Rattenrennen! Lauft gegen den Strom! Tretet ein ins Reich der schiefen Metaphern, die irgendwie Unwohlsein an den bestehenden Verhältnissen ausdrücken sollen, aber leider genauso fehlerhaft sind wie die Verhältnisse, die sie beklagen:

Swimming with the rat race
Or running against the tide,
It's everybody's business
when there's nowhere to hide

Wenn der moralische Kompass dermaßen verrückt spielt, ist es naturgemäß schwierig, einen Gegenentwurf zu formulieren. Janelle Monáe, die als Gastsängerin die dritte Strophe bestreitet, versucht es denn auch gar nicht erst: Sie bejaht freudig die Entfremdung vom eigenen Ich, die Hartmut Rosa zufolge mit dem Beschleunigungstotalitarismus einhergeht.
 
I'm lost, don't wanna be found
I'm up and not gonna be down
Outside looking in on myself
Just me, I couldn't be anyone else.

Ähnlich ambivalent ist der gesamte Song: Er beklagt die Beschleunigung des modernen Daseins − und ist dabei mit 113 beats per minute exakt auf das Erfolgstempo zeitgenössischer Tanzflächenkracher eingependelt. Er fordert "take the pressure off" − tut das aber mit erheblichem Nachdruck. Was tun? Nun, wer wahre Entschleunigung sucht, muss vier Minuten und zwanzig Sekunden warten: Dann ist der Song nämlich zu Ende.

Step out into the future!

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