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Donnerstag, 23.11.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.05.2016

Florian Werner liest MusikPJ Harvey spricht mit Heilpflanzen

Von Florian Werner

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Sängerin PJ Harvey  (picture alliance/dpa/Foto: Jean-Christophe Bott)
Sängerin PJ Harvey im Juli 2011 in der Schweiz (picture alliance/dpa/Foto: Jean-Christophe Bott)

Auf ihrem Album "The Hope Six Demolition Project" erzählt die britische Musikerinnen PJ Harvey über ihre Reisen in Krisengebiete: Afghanistan, Kosovo – und Washington, D.C. Von dort stammt auch das Stück "Medicinals". Ein düsterer Blues für die Zeit der Baumblüte.

I was walking through the National Mall
Thinking about medicinals
How they used to grow there

Es war einmal: eine fruchtbare Sumpflandschaft. PJ Harvey wandert durch die Mall, den großen Stadtpark im Herzen von Washington, D.C., und denkt über "medicinals" nach – die Heilpflanzen, die einst hier wuchsen.

When the ground was a marshland
Undisturbed by human hands
And I heard their voices

Offenbar horcht sie dabei tief in den Boden und die Vergangenheit hinein – denn die längst gerodeten Bäume und Sträucher antworten ihr. Sumach, Zaubernuss, Fenchelholz und Präriegras verkünden selbstbewusst: Wir waren schon immer hier. Ihr Menschen – und vor allem: ihr Europäer – seid im Vergleich zu uns nur ein besiedlungsgeschichtlicher Wimpernschlag.

The sumac said: "We're always here"
The witch hazel: "We're always here"
The sassafras: "We’re always here"
The bluestem grasses: "Always here"

Vor Verzweiflung etwas blümerant im Kopf

Das ist, durch die Blume gesagt, überraschend. Zwar können Pflanzen neueren Forschungen zufolge sehen, riechen, fühlen und hören – über Sprachvermögen verfügen sie jedoch nicht. Wenn Menschen sich dennoch mit ihnen unterhalten, dann meist, weil sie vor Verzweiflung oder Einsamkeit etwas blümerant im Kopf sind; wie etwa der Sänger in Robert Schumanns "Dichterliebe":

Und wüssten’s die Blumen, die kleinen
Wie tief verwundet mein Herz
Sie würden mit mir weinen
Zu heilen meinen Schmerz

Um Heilung geht es auch bei PJ Harvey – allerdings zunächst um die der verletzten, verdrängten Natur: Nachdem sie sich so selbstbewusst zu Wort gemeldet haben, stehen die Pflanzen nämlich von den Toten auf und bohren sich mit ihren Trieben durch den Schotter der Parkwege.

I looked about, and what did I see?
Medicinals growing round me,
Rising from the gravel

"I looked about, and what did I see?" Der Satz ist eine fast wörtliche Reminiszenz an einen berühmten afro-amerikanischen Spiritual:

"I looked over Jordan, and what did I see?"

Hilfe kommt aus der Tiefe

Aber während dort eine Engelschar vom Himmel steigt, um die Menschheit zu erlösen, kommt die Hilfe in "Medicinals" aus der Tiefe:

The sumac and the witch hazel
Come to soothe our pain, oursouls
Come to soothe our troubles

Heilpflanzen gerettet, Menschheit genesen – alles könnte so schön sein. Da fällt der Blick der Sängerin auf eine Frau im Rollstuhl, eine amerikanische Ureinwohnerin: Sie trinkt aus einer Flasche, die sie nach Landessitte mit einer braunen Papiertüte umwickelt hat. Alkohol, so die bittere Erkenntnis, hat inzwischen Zaubernuss und Fenchelholz als bevorzugtes Schmerzmittel abgelöst. Was Hopfen und Malz dazu wohl sagen? Das steht in einem anderen Song.

A new painkiller
For the native people

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