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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.04.2015

Florian Werner liest MusikLiebe muss man sich leisten können

Von Florian Werner

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Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger steht am 28.07.2013 auf dem Greenville Festival in Paaren/Glien (Brandenburg) vor den Toren Berlins auf der Bühne. (picture-alliance / dpa / Britta Pedersen)
Sophie Hunger beim Greenville Festival 2013. (picture-alliance / dpa / Britta Pedersen)

Nach zwei Jahren Auszeit erscheint demnächst Sophie Hungers neues Album "Supermoon". Der Text der Vorab-Single "Love is not the Answer" offenbart: Die Schweizer Sängerin ist im emotionalen Kapitalismus gefangen.

Liebe, so wollen uns Dichter und Sänger seit Jahrhunderten weismachen, sei das Wichtigste im Leben, unser emotionales Grundnahrungsmittel, eine Himmelsmacht: "All you need is love". Aber stimmt das überhaupt? Sophie Hunger wagt, Einspruch zu erheben.

"Love is not the answer to everything
Ask the ice-cream van driver down on Madison
He's getting tipped by fathers on weekends
But can't afford no pipe tobacco cherry blend
No, love is not the answer to everything"

Nicht die Lösung aller Probleme

Nein, Liebe ist laut Hunger eben doch nicht die Lösung aller Probleme. Beispiel Nummer eins: Der Eisverkäufer auf der schnieken Madison Avenue in New York. Bekommt zwar am Wochenende von wohlsituierten Vätern ein Trinkgeld zugesteckt − kann sich davon aber, wie man so sagt, "ein Eis backen", sprich: nichts leisten. Sein Einkommen reicht nicht mal für den geliebten Pfeifentabak.

"Love is not the answer to everything
Ask the big black Orca in the aquarium in Oregon

He gets bright smiles from children with autistic symptoms
For three meals a day of packed sardines from tin cans"

Beispiel Nummero zwei kommt aus der Tierwelt – genauer gesagt dem Oregon Coast Aquarium, wo ein großer schwarzer Schwertwal von autistischen Kindern angehimmelt wird. Aber auch dieser Liebesdienst wird kläglich, mit einer Handvoll Dosenfutter entlohnt. Ein argumentatives Muster beginnt sich abzuzeichnen: Dem idealistischen Wolkenkuckuckskonzept von der Liebe als allseligmachender Seinsgrundlage wird die materialistische Auffassung entgegengesetzt, dass erst einmal die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen müssen.

Liebe ist Luxus

Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Liebe ist ein Luxus, den man sich leisten können muss.

"Ooooh
Please don’t …"

Bitte, tu’s nicht! Der Refrain wendet sich plötzlich an ein nicht näher bestimmtes Du: "Please don’t"– aber was?

"… love me!"

Natürlich. Wobei die zwei Worte so verführerisch für sich allein stehen, dass man sie auch anders, als Aufforderung zur Zuneigung lesen könnte: Lieb mich!

Von der Werbung geprägt

So ganz kann sich die Sängerin wohl doch nicht aus den Strukturen des "emotionalen Kapitalismus" lösen. Der Begriff stammt von der Soziologin Eva Illouz: Ihr zufolge sind wir in unserem Begehren weitaus stärker von Werbung, Filmen und anderen Werken geprägt, als uns bewusst ist.

"Love is not the answer to everything
Ask Romeo and Juliet living in a coffin"

Beispiel Nummer drei kommt entsprechend vom Höhenkamm der Liebesliteratur. Wohl kein fiktionales Paar hat unsere Vorstellungen von romantischer Liebe stärker geprägt als die verknallten Teenager aus Verona. Da sie aus adligem Haus kommen, können Romeo und Julia es sich leisten, hauptberuflich verliebt zu sein − doch werden auch sie damit nicht glücklich. "Ist Liebe blind, so zielt sie freilich schlecht", wie Romeos bester Freund Mercutio spottet. Da sie zudem stumm ist, ergänzt Sophie Hunger, gibt sie auch keine Antwort.

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