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Donnerstag, 23.11.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.02.2015

Florian Werner liest MusikKlingt nach Brecht, aber überraschend aktuell

Von Florian Werner

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Peter Thiessen, Sänger der Band Kante bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio Kultur / Manuel Czauderna)
Peter Thiessen, Sänger der Band Kante bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio Kultur / Manuel Czauderna)

Die Hamburger Band Kante trat zuletzt vor allem mit Theatermusik in Erscheinung. Für das Album "In der Zuckerfabrik" haben die Musiker die besten 15 Stücke aus den letzten sieben Jahren ausgewählt. Florian Werner hat das Titelstück gelesen.

Es sind harte Zeiten hier nach harten Jahr’n
Und die Sitten sind so hart wie sie immer war’n
Hier in der Zuckerfabrik, hier in der Zuckerfabrik

Harte Zeiten, ein schlechtbezahlter Job, ein lyrisches Ich, dem von der Welt Unrecht getan wird: Auf den ersten Blick trägt "Das Lied von der Zuckerfabrik“ alle Kennzeichen eines klassischen Blues-Texts. Allerdings handelt das Lied nicht von der Situation eines Plantagenarbeiters in den 1930er Jahren − sondern von der eines Sklaven in Niederländisch-Guayana, Mitte des 18. Jahrhunderts.

Und reißt uns die Mühle einen Finger von der Hand
Hackt man ab, was von der Hand noch übrig blieb
Hier in der Zuckerfabrik, hier in der Zuckerfabrik

"Wir arbeiten in den Zuckerraffinerien, und wenn uns das Mühlrad einen Finger abreißt, so schneidet man uns die ganze Hand ab.“ So heißt es in dem 1758 verfassten Roman "Candide oder Der Optimismus“ von Voltaire. "Das Lied von der Zuckerfabrik“ ist im Wesentlichen eine gereimte, rhythmisierte Paraphrase des neunzehnten Kapitels aus diesem Roman: Der gutgläubige Titelheld begegnet darin einem brutal verstümmelten afrikanischen Sklaven − und sein Optimismus wird auf eine harte Probe gestellt.

Und jedem, der versuchte, diesem Elend zu entflieh’n
Schlägt man ab das Bein, mit Schenkeln und Knien
Und wie der Zufall so spielt ist mir gleich Beides passiert

Candide ist ein eifriger Student der "Metaphysico-theologico-cosmologie“, und hängt als solcher der von Gottfried Wilhelm Leibniz formulierten Lehre an, dass wir in der "besten aller möglichen Welten“ leben. Das bedeutet allerdings nicht, dass es kein Leiden gäbe: Da es, Leibniz zufolge, Gott nicht um das Glück der Einzelnen, sondern um das große Ganze geht, ist ein gewisses Maß an Leid unvermeidlich. Es kann nur Gutes geben, weil es auch Übel gibt. Es gibt nur Zucker, wenn jemand anderes dafür blutet.

Das ist der Preis, das ist der Preis
Das ist das Blut, das bei uns fließt
Das ist der Preis, das ist der Preis
Um den ihr drüben in Europa euren Zucker genießt

"Ihr drüben in Europa" − damit ist die koloniale Perspektive eröffnet; die Kritik an der Leibnizschen Theodizee-Lehre wird zur Kritik an Politik und Wirtschaft erweitert. Wobei diese Bereiche im achtzehnten Jahrhundert kaum zu trennen waren: Die Christianisierung der Sklaven sollte nicht zuletzt dazu dienen, sie zu gefügigen Subjekten des kolonialen Diskurses zu machen. Auch der Sklave aus der Zuckerfabrik wurde entsprechend zur Religion seiner holländischen Herren bekehrt.

Sonntags in der Kirche hör ich eure Litanei’n
Dass wir alle, schwarz und weiß, die Kinder Adams sein
Hier in der Zuckerfabrik, hier in der Zuckerfabrik
Nun verstehe ich nicht viel von Genealogie
Doch Geschwisterkinder, glaub ich, war’n wir nie
Hier in der Zuckerfabrik …

"Das Lied von der Zuckerfabrik" − der Titel klingt altmodisch, nach Brecht-Song. Und auch das Genussmittel, um das es geht, wirkt anachronistisch: 'Zucker’ wird kaum noch als Luxusprodukt wahrgenommen, für das Arbeiter in Entwicklungsländern schuften und bluten müssen. Wenn man das Wort allerdings durch 'Turnschuhe', 'Jeans' oder 'T-Shirts' ersetzt − dann ist der Song mit einem Mal bestürzend aktuell.

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