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Donnerstag, 23.11.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.10.2014

Florian Werner liest MusikGeklonte Hipster

"Brillenmann" und "Warum heißt Du" von der Band Erfolg

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Erfolg heißt das Bandprojekt des Musikers Johannes von Weizsäcker. Trotz des vielversprechenden Namens ist der Durchbruch bisher versagt geblieben. Unser Autor hat sich zwei Songs angehört.

Bei Vernissage und Kaviar − Brillenmann ist immer schon da

Beim Punkkonzert und in jeder Bar − Brillenmann ist immer schon da

Mit Brillengestell wie Baudrillard − Brillenmann ist immer schon da

Du berichtest von Abenden, bei denen ich nicht war − Brillenmann war natürlich da

Auch wenn der Name der Stadt nie genannt wird, ist doch klar, wo die in dem Lied "Brillenmann" der Gruppe Erfolg skizzierten Szene-Szenen sich abspielen: in Berlin, mutmaßlich Berlin-Mitte, an den Wasserlöchern und Häppcheneinwurfstellen der Digitalen Bohème. Neben Schlüsselbegriffen wie 'Vernissage', 'Kaviar' und 'Bar' ist es vor allem der Protagonist des Songs, der den entscheidenden Hinweis gibt: Jeder, der schon mal auf einer Ausstellungseröffnung in Mitte war, weiß, welcher Typ Mensch − und Retrobrillengestell − hier gemeint ist.

Ich wollte es wissen: Ist es wirklich wahr? Ist Brillenmann überall immer schon da?

Bezieht er fürs Dasein ein Honorar? Ich folgte ihm heimlich nachts aus der Bar

Sein Zuhause, das ganz in der Nähe war, glich einer Taxizentrale ohne viel Inventar

Ich trat näher ans Fenster und was ich da sah, war kaum zu glauben, aber dennoch wahr

Eine rauchende Oma, die Haare voll Henna − und zehn identische Brillenmänner

Dass die Brillenmannbrille ausgerechnet dem prägnanten Gestell des Philosophen Jean Baudrillard ähnelt, ist kein Zufall: dem Poststrukturalisten zufolge leben wir im Zeitalter der Simulation, in dem die Welt der Zeichen und die von diesen repräsentierte Wirklichkeit nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Entsprechend ist auch der Brillenmann kein autonomes oder gar authentisches Subjekt, sondern bloß ein Simulakrum − eine beliebig vervielfachbare Fiktion:

Aus Romanen und Dramen kennt man das ja, doch wurde es hier vor meinen Augen wahr

Das fragmentierte Subjekt stellt sich physisch dar, als vielfacher Huldiger vor dem Szenealtar

Brillenmann C sagt zu Brillenmann A: Ins Berghain musste nicht, denn F ist schon da,

Darauf A zu C: Na das war ja klar, F gehört dort ja schon fast zum Mobiliar

Die Taxifunk-Oma mit dem Hennahaar sagt: Bitte ein Brillenmann in die Paloma-Bar

Jetzt weiß ich Bescheid, jetzt ist es mir klar: Fragmentiert ist Brillenmann immer schon da.

Was die Gruppe Erfolg hier narrativ entwickelt, setzt sie seit Kurzem auch praktisch um: Seit Mitte Oktober komponiert, produziert und veröffentlicht sie jeden Tag ein Lied, einen Monat lang, allerdings nicht allein: Jeder − Brillenmann oder nicht − ist aufgefordert, per Email, Facebook oder Twitter Textvorschläge, Klangdateien und anderes Inspirationsmaterial einzusenden.

Vielmehr geht es ja um heute und um Leute

Die Ideen schicken, auf dass wir daraus Lieder machen,

So schickte mir man ganz mies

Heute folgende drei Zeilen − wie fies:

Leberkas,

Leberkas,

Warum heißt Du Leberkas?

(Das ist mein Worst-Kas-Szenario)

"Leber-Kas ..." Folgt man den Philosophen der Postmoderne, so beginnt die Dezentrierung des Subjekts in jenem Moment, in dem es in die symbolische Ordnung der Sprache eintritt: Sie weist ihm seinen Platz in der Welt zu, so wie die Taxizentralen-Oma den Brillenmännern. Kein Wunder also, dass sich das Stück "Warum Heißt Du" an der Matrix der Subjektkonstitution, der Sprache, abarbeitet:

Es klingt einfach fies

In Süddeutschland klingt von dem Punkt an alles mies

An dem das Wort Leber auf das Wort Käse stieß

In den Neunzigern klang alles so wie dies.

Das Konzept, durch endlose Reihung mehr oder weniger reiner Reime Komik zu erzeugen, scheint es Johannes von Weizsäcker, dem Sänger und Texter von Erfolg, angetan zu haben. Aber: Ist es überhaupt von Weizsäcker, der hier singt, rappt, spricht? Oder ist es die crowd, der Schwarm, die Sprache selbst? Oder gar eine Taxizentrale voller Brillenmänner? Wir wissen es nicht − vielleicht spielt es auch keine Rolle. Um mit dem Philosophen Michel Foucault zu sprechen, der seinerseits mit Samuel Beckett spricht: "Wen kümmert's, wer spricht?"

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