Seit 05:50 Uhr Kalenderblatt
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:50 Uhr Kalenderblatt
 
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.10.2014

Florian Werner liest MusikEndloser Liebesschwur

Caribou: "I Can’t Do Without You"

Podcast abonnieren
Der kanadischer Musiker Dan Snaith als Caribou bei einem Live-Auftritt im französischen Nimes am 11. Juli 2012. (picture alliance / dpa / Samuel Dietz)
Caribou bei einem Live-Auftritt im französischen Nimes. (picture alliance / dpa / Samuel Dietz)

Der Kanadier Dan Snaith alias Caribou hat ein Lied geschrieben, das mit wenig Text auskommt und trotzdem viel sagt. Es geht um die Abhängigkeit eines Liebenden von seinem Objekt der Begierde. Unser Autor hat reingehört.

Can't do withou/I
Can't do withou/I
Can't do withou/I
Can't do withou/I

Der Song beginnt mit einem gesampelten Halbsatz − und einer linguistischen Unmöglichkeit: Der ganz hinten im Mundraum gebildete Laut [au], mit dem das Wort without eigentlich enden müsste, wird elektronisch verfremdet und mitten im Diphthong zu einem [ei] umgebogen, einem Laut also, der ganz vorne im Mund gebildet wird. Und so unmöglich es wäre, diesen Laut als Mensch nachzuahmen, so unmöglich ist auch die Lage des Sängers: Er kann es nicht schaffen, kann nicht leben, nicht sein – aber ohne wen oder was?

I can't do without you
I can't do without you
I can't do without you
I can't do without you

Hundertmal dieselbe Zeile

Aha: Der Text richtet sich also an ein nicht näher definiertes Du. Doch nicht nur das Du bleibt unbestimmt, auch das Ich, das tun, das Wieso Weshalb Warum. I − can't − do − without − you, Subjekt − Prädikat − Objekt:Offenbar ist dem Satz in seiner ganzen Aufrichtigkeit und grammatikalischen Schlichtheit nichts hinzuzufügen. Und so wird er einfach immer weiter wiederholt; im Lauf des knapp vierminütigen Stücks ungefähr einhundert Mal.

Wiederholt man einen Satz häufig genug, so geschieht etwa Merkwürdiges: Zunächst wirkt die Wiederholung intensivierend, bestätigt das Gesagte. Nach einer Weile aber wirkt sie ermüdend oder führt sogar dazu, dass der Satz allmählich seine Bedeutung einbüßt: Die Worte werden auf ihre reine Lautlichkeit reduziert, werden zu Sprachmusik.

Und schließlich schlägt die vermeintliche Bestätigung in ihr Gegenteil um: Wer etwas allzu oft sagt, setzt sich dem Verdacht aus, dass er sich seiner Sache womöglich doch nicht ganz sicher ist. Oder um es mit Johann Wolfgang Goethe zu sagen: "Er wiederholte nicht so heftig Wort und Lehre, / Wenn es ganz just mit dieser Sache wäre."

Am Ende doch noch ein paar mehr Worte

Offenbar ist sich Dan Snaith dieses Dilemmas bewusst: Da die Aussage "Ich kann ohne Dich nicht existieren" für ein Wesen, das am Leben hängt, inhaltlich kaum steigerbar ist, intensiviert er, um etwaigen Zweifeln an seiner Aufrichtigkeit vorzubeugen, einfach die den Text unterfütternde Musik. Und als auch diese ihren Intensitätszenit erreicht hat, gibt er endlich seine ästhetische Überbietungslogik auf – und fügt dem bisher Gesagten doch noch ein paar leise, abschließende Worte hinzu:

"And you're the only thing I think about
It's all that I can tell you
And you know you're the one I dream about
I couldn't do without you"

I couldn't do without you – was vorher hundert Mal im Indikativ formuliert wurde, wandert nun in den Konjunktiv, in die Möglichkeitsform: Der Sänger könnte ohne den/die Angesprochene nicht leben. Er muss es offenbar also gar nicht können; er wollte es nur einmal gesagt haben.

I can't do without you ...

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur