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Dienstag, 16.01.2018

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 16.06.2016

Florence Foster JenkinsDie schlechteste Sängerin der Welt

Von Georg Schwarte  

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Die US-Sopranistin Florence Foster Jenkins (1869 – 1944): berühmt für ihr komplett fehlendes Gesangstalent. (imago / United Archives International)
Die US-Sopranistin Florence Foster Jenkins (1869 – 1944): berühmt für ihr komplett fehlendes Gesangstalent. (imago / United Archives International)

Sie liebte das Singen so sehr und war doch völlig unbegabt. Florence Foster Jenkins fand vor 80 Jahren in New York trotzdem ein begeistertes Publikum, das bei ihren Auftritten tobte. Im Herbst kommen gleich zwei Filme über die "verstimmte Nachtigall" in unsere Kinos.

"In den falschen Tönen, die sie singt, ist nicht die geringste Unsicherheit zu spüren. Man hört sofort, wenn sich jemand versingt und es spürt. Die Stimme vermittelt die Unsicherheit auch. Bei ihr: null!"

Die ausverkaufte Carnegie-Hall New York. 25. Oktober 1944. Das Publikum tobte. Nicht vor Begeisterung. Vor Lachen. Als Florence Foster Jenkins Mozarts Arie "der Hölle Rachen" singt. Unbeirrt:

"Es waren ungezogene Zuschauer dabei. Es waren welche dabei, die sich Lachen nicht halten konnten. Es waren welche dabei, die sich Taschentücher zwischen die Zähne gestopft haben, um keine Geräusche zu machen."

Ralf Pleger, der Emmy-nominierte Regisseur wäre damals gern dabei gewesen, als jene selbsternannte Operndiva 76-jährig zum ersten und letzten Mal die Carnegie-Hall mit ihren vokalen Verirrungen füllte. Gerade dreht Ralf Pleger eine Kinodokumentation über die schlechteste Sängerin der Welt, Florence Foster Jenkins:

"Man muss diese Schallplatte nur auflegen und man spürt sofort, da steckt wahnsinnig viel Herzenswärme und Leidenschaft dahinter. Sie war absolut überzeugt davon, dass das alles richtig war, was sie tat. Sie war überhaupt niemand, der eine böse Absicht hatte."

In den 1930er-Jahren ein Geheimtipp in New York

Florence Foster Jenkins, in den 30er-Jahren war sie ein New Yorker Geheimtipp. Einmal pro Jahr gab sie damals ein Konzert im Ballsaal des Ritz Carlton. Die Leute schlugen sich um Tickets. Sie war ein Naturereignis, ein Phänomen. Eine - für jeden hörbar - grauenhafte Sängerin, in deren Kopf aber das Kreischen und Quietschen, die Dissonanzen anders geklungen haben müssen.

Gespielt und gesungen in der Dokumentation, die im November in die Kinos kommt, wird Florence Foster Jenkins ausgerechnet von einer der berühmtesten Opernsängerinnen dieser Tage, dem Star der New Yorker Met, Joye DiDonato. Sie zwang sich zu dem, was Florence von Natur aus beherrschte, grauenhaft zu singen:

"Cosme McMoon, ihr Pianist, hat ein Interview gegeben, das uns vorliegt, und darin erzählt er, dass sie, als sie hörte, dass die Leute bei Frank Sinatra ausflippen und vor Begeisterung Geräusche machen, dass sie denselben Effekt aufs Publikum hat." (Anmerkung der Redaktion: In der ersten Fassung war dieses Zitat nicht ganz korrekt wiedergegeben.)

Die Heiterkeit im Publikum. Ein großes, ein trauriges Missverständnis für eine Sängerin, die das Singen so liebte und doch so gründlich unbegabt war. Dass ihre vergeblichen Anläufe, den richtigen Ton zu treffen, ihre kreischenden Annäherungen an die Melodie des Originals, das der Komponist einst in Kopf und Ohr hatte, wahlweise anrühren oder erheitern.

"Wir haben über sie gelacht und ihre Geschichte und wie sie die Lieder präsentierte. Dabei hat sie die Menschen geliebt, das Singen, die Musik. Und wir haben uns über sie lustig gemacht. Verständlicherweise vielleicht. Aber sie war ein großartiger Mensch und ich glaube das wird im Film sehr deutlich werden."

Jeglichen Hinweis auf ihr fehlendes Talent ignoriert

Die Tochter eines reichen Bankiers, geboren in Pennsylvania, ignorierte damals als junge Musikerin jeden professionalen Hinweis darauf, dass sie keinerlei musikalisches Talent habe. Ihre Eltern weigerten sich daraufhin, eine Gesangsausbildung zu finanzieren, wegen der "entsetzlichen Qualität ihrer Stimme". In der Dokumentation drehten sie in der Carnegie Hall, der dortige Archivar Gino Francesconi sagt noch heute - 72 Jahre nach ihrem Tod - gehe es in jeder fünften Anfrage an sein Archiv um sie, die schlechteste Sängerin der Welt.

Ihre Lieder, teilweise selbstgeschrieben. Ihr Pianist der ihren abrupten Verfehlungen von Ton, Tempo und Rhythmus gnädig entgegenkam, wandte sich gelegentlich während Florence brüllte, mit einer Miene der Entschuldigung ans Publikum. Egal. Sie sang ihre teils selbstverfassten Texte:

 "Einer ist besonders schön. Er heißt 'Like a Bird'. Also ich singe wie ein Vögelchen. Eine sehr poetische Selbstbeschreibung."

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