Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Studio 9 | Beitrag vom 18.01.2017

Flick-Kritiker in NRWUmstrittener Ex-Bürgermeister erhält Verdienstorden

Von Thilo Schmidt

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Auszeichnungen "Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen" liegen am 23.06.2014 in Schatullen. (picture alliance / dpa / Matthias Balk)
Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen, mit dem Bürger für außerordentliche Verdienste geehrt werden (picture alliance / dpa / Matthias Balk)

2008 hatte Rudolf Biermann als Bürgermeister im nordrhein-westfälischen Kreuztal ermöglicht, dass das Gymnasium nicht länger den NS-Kriegsverbrecher Friedrich Flick im Namen trug. Daraufhin wurde er von den Bürgern und der eigenen Partei abgestraft - nun zeichnet das Land ihn aus.

Rudolf Biermann: "Jeder hat gedacht, der Bürgermeister wird nicht so unklug sein und gegen den Willen der Bevölkerung hier entscheiden. Aber ich sagte schon, es ist eine Gewissensentscheidung, und (…) es ging nicht anders. Und es ist gut auch für die Stadt gewesen, zum Wohle der Stadt. Ich habe meinen Eid geleistet, Böses von der Stadt abzuwenden. Ich glaube, das habe ich damit getan."

Rudolf Biermann, ehemaliger Bürgermeister von Kreuztal im Siegerland, ist in seiner Heimatstadt für viele Bürger eine Persona non grata. Auch wenn Hannelore Kraft ihm heute Abend den Verdienstorden des Landes NRW übergeben wird – der einst populäre Biermann ist in Kreuztal in Ungnade gefallen. Sein Vergehen: Er hatte sich für eine Umbenennung des Gymnasiums eingesetzt – 60 Jahre nach Kriegsende. Das ehemalige Friedrich-Flick-Gymnasium heißt heute Städisches Gymnasium.

"Dabei war Friedrich Flick ein Sohn der Stadt, Wohltäter und Mäzen. Einerseits. Andererseits war Friedrich Flick auch verurteilter Kriegsverbrecher. Diese Seite der Medaille wollen viele Kreuztaler bis heute nicht sehen."

Umfrage:

"Ja, warum das denn? Dann fragen Sie ihn mal, was denn der Flick alles für Kreuztal getan hat! Ne Masse! Da kann man nicht dagegen arbeiten. Flick ist ein Kreuztaler gewesen. Und da kann ich nicht mehr in dem Alten rumwühlen, was mal gewesen ist."

"Gut, Flick ist hier geboren, er hat viel für Kreuztal getan."

Verehrung für Kriegsverbrecher Flick in Kreuztal 

Vor acht Jahren, als das Friedrich-Flick-Gymnasium umbenannt wurde, appellierte der damalige Bürgermeister Biermann an die Kreuztaler:

"Wer hat denn bisher daran gedacht, in Verneigung auch vor den Opfern der NS-Zeit sich schuldig zu bekennen beziehungsweise die Schuld mit zu tragen?"

Der ehemalige Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Kreuztal, Rudolf Biermann. (Thilo Schmidt)Der ehemalige Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Kreuztal, Rudolf Biermann (Thilo Schmidt)

Eine Initiative ehemaliger Schüler des Friedrich-Flick-Gymnasiums startete einige Monate vorher eine Kampagne mit dem Ziel, die Schule umzubenennen. Eine polnische Fernsehjournalistin taucht auf und erzählt vom Leid der Flick-Zwangsarbeiter. Der Rat der Stadt gibt im November 2008 nach. Ohne das menschliche Eintreten Biermanns wäre das nicht denkbar gewesen, sagt Patrick Fick, einer der Initiatoren der Kampagne.

"Er ist derjenige, ohne den das nicht funktioniert hätte. Wir haben die Diskussion angestoßen, aber hätte er das nicht aufs Gleis gestellt, dann hätte er glaube ich den Rat der Stadt Kreuztal nicht auf seine Seite gezogen und die Abstimmung wäre anders ausgegangen."

Überregionale Medien verfolgten die Debatte, Fernsehteams aus Osteuropa kamen. Und nahmen ungläubig zur Kenntnis, wie der Kriegsverbrecher Flick in seiner Heimatstadt geehrt und verehrt wird. Weil er Sportvereine und Kirchen bedachte, weil er den Bau des Gymnasiums bezuschusste. Politische Landschaftspflege. Initiativen, den 2großen Sohn" der Stadt zu hinterfragen und erfolglose Versuche, die Schule umzubenennen, gab es auch vorher schon. Aber dass sich der Bürgermeister persönlich dafür ausspricht, das war neu.

Mutiges Handeln im Nachhinein belohnt

Patrick Fick: "Also ich glaube tatsächlich, dass er sich – im Gegensatz zu anderen – intensiv beschäftigt hat mit der Geschichte der Stadt, mit der Geschichte Stadt und Flick, mit dieser Verknüpfung von Friedrich Flick und Kreuztal. Und hat da nicht nur die Wohltaten gesehen. Die Friedrich Flick der Stadt – aus bestimmten Gründen! – zukommen hat lassen, sondern er hat eben auch gesehen: Es gibt in Polen, in der Ukraine immer noch Opfer von Friedrich Flicks Unternehmen, und denen kann man es nicht erklären, dass man eine Schule nach diesem Mann benennt."

Die Umbenennung der Schule wurde beschlossen – gegen die Stimmen der CDU, der auch Biermann angehörte. Ein Jahr später war der einst beliebte Bürgermeister abgewählt. Im Wahlkampf hatten CDU-Wahlkämpfer davon abgeraten, den eigenen Kandidaten zu wählen.

Biermann: "Man hat ja Einsicht auch in die Wahlunterlagen, nachdem die Wahl abgeschlossen ist, und viele haben dann auf dem Wahlzettel gar kein Kreuzchen gemacht und einfach nur geschrieben: 'So nicht, Herr Biermann', und jeder, der sich in etwa in Kreuztal auskennt in der Gesamtsituation, der wird wissen, der wird wissen, was das bedeutet hat. Wer den Namen Flick hier in diesem Kreuztal verunglimpft, ist es nicht wert, Bürgermeister zu sein."

Nun, mit acht Jahren Verspätung, wird durch die Verleihung des Verdienstordens das mutige Handeln von Rudolf Biermann doch noch belohnt. Eine Genugtuung vielleicht. Das sieht auch der ein oder andere Kreuztaler so.

Umfrage:

"Ich war froh, dass das dann umbenannt wurde, und ich war ihm dankbar!"

Mehr zum Thema

Zu Ehren von ...
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 05.11.2008)

Historiker plädiert für Umbenennung des Friedrich-Flick-Gymnasiums
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 05.11.2008)

Der alte Mann und die Abstimmung
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 11.09.2008)

Bürgermeister von Kreuztal: Diskussion nicht auf Rücken der Lehrer und Kinder austragen
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 22.08.2008)

Stahlmagnat ohne Skrupel
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 27.09.2009)

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

Zoë Beck: "Die Lieferantin"Auf den Brexit folgt der Druxit
Cover: "Die Lieferantin" von Zoë Beck, im Hintergrund: ein Drogenabhängiger spritzt sich eine Dosis. (Suhrkamp / imago/Mavericks)

Blick in eine düstere Zukunft: Nach dem Brexit verhärten sich die gesellschaftlichen Fronten in Großbritannien: Nationalisten versuchen, eine knallharte Drogenpolitik durchzusetzen. Zoë Becks politischer Kriminalroman ist packend erzählt - und beklemmend realistisch.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur