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Sonntag, 21.01.2018

Interview / Archiv | Beitrag vom 14.11.2014

Fjodor Dostojewski Kritischer Geist seiner Zeit

Publizist Nitzberg sieht russsischen Dichter nicht als Aushängeschild der neuen Rechten

Moderator: Vladimir Balzer

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Der Schreibtisch des russischen Dichters Fjodor Michailowitsch Dostojewski im Museum in der Kusnetschni Straße in Sankt Petersburg. (Aufnahme vom Januar 1992). Dostojewski wurde am 11. November 1821 in Moskau geboren und starb am 9. Februar 1881 in St. Petersburg. Zu seinen bekanntesten Werken gehören "Die Brüder Karamasow", "Schuld und Sühne" und "Der Idiot". (picture-alliance / dpa / Tass)
Ein Schreibtisch des russischen Dichters Dostojewski in einem Museum in Sankt Petersburg (picture-alliance / dpa / Tass)

Die Persönlichkeit Fjodor Dostojewskis eigne sich nicht für tagespolitische Projekte, sagt Alexander Nitzberg. Die russische Rechte wäre schlecht beraten, den Schriftsteller für sich zu vereinnahmen, warnt der Publizist und Übersetzer.

"Wer so dumm ist, Dostojewski für irgendwelche tagespolitischen Projekte zu verwenden als Aushängeschild, der schadet sich damit wahrscheinlich selber, weil er dann einfach nur einen winzigen Teil Dostojewskis wahrnimmt und gerade nicht dieses Universalistische dieser Persönlichkeit", sagte Nitzberg, der 1980 aus Russland nach Deutschland zog und heute als Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Wien lebt. 

Er bescheinigte dem russischen Schriftsteller  des 19. Jahrhunderts damals ein "kritischer Geist" gewesen zu sein, der den westlichen Liberalismus und Kapitalismus kritisiert habe. Wichtig sei aber vor allem dessen Darstellung der Vielschichtigkeit der "russischen Seele" gewesen. "Ich denke, Dostojewski spricht grundsätzlich den Menschen an in all seiner Komplexität", sagte Nitzberg.

Dostojewski unter Antisemitismus-Verdacht?

Nitzberg nahm Dostojewski auch gegen den Vorwurf in Schutz, ein Antisemit gewesen zu sein.  "Ich denke, das ist belegbar. Nur ich denke, problematisch wird es dann, wenn wir unseren heutigen Antisemitismus-Begriff mit dem Antisemitismus-Begriff im 19. Jahrhundert einfach gleichsetzen", sagte er. "Das kann man nicht tun." Damals habe es sich um ein Phänomen unter den unterschiedlichen sozialen Schichten gehandelt.

Die russischen Schriftsteller hätten damals aus einer "aristokratischen Kultur" gestammt und Juden nie zu Gesicht bekommen, da diese damals meistens als kleine Händler außerhalb der Städte lebten. "Das heißt, wenn sie sie erwähnten, haben sie sie meist negativ erwähnt, so wie ein aristokratisch schreibender Autor über einen Krämer schreiben würde." Dostojewski sei zwar selbst kein aristokratischer Schriftsteller gewesen, aber er komme aus dieser russischen Literaturtradition, erläuterte Nitzberg. "Aber man findet bei ihm durchaus, in unserem heutigen Sinne, antisemitische Aussagen."

 

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