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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.03.2017

Fischer / Appelhagen: "Chemiewende" Baugerüste aus Bambus, Autos aus Hanf

Von Susanne Billig

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Cover des Buches "Chemiewende" von H. Fischer und H. G. Appelhagen; Hintergrund: Baugerüst aus Bambus bei Renovierungsarbeiten am Ananda-Tempel in Bagan im Norden Myanmars  (imago / Verlag Antje Kunstmann / Promo; Montage DKultur)
H. Fischer und H. G. Appelhagen: "Chemiewende" (imago / Verlag Antje Kunstmann / Promo; Montage DKultur)

Der Erdölchemie gehen die Rohstoffe aus. Es ist an der Zeit, umzudenken, meinen Hermann Fischer und Horst Appelhagen. Der Mensch mit seinen gerade mal 200 Jahren Forschungserfahrung solle sich doch mal von den intelligenten Rohstoffen der Natur inspirieren lassen.

Wenn Erdölchemie und Asphalt am Ende sind, könnten sich neue Straßen aus intelligenten und vielleicht sogar bunten Naturstoff-Materialien durch die Landschaften schlängeln. Darauf fahren die Autos von morgen. Sie tanken ihre Energie aus der Sonne und haben Karosserien aus unkaputtbarem Hanf.

Eine drastische Metapher findet Hermann Fischer für das hanebüchene Fracking, bei dem giftige Chemikalien in rauen Mengen in den Erdboden gepresst werden, um die letzten Reste Erdgas aus undurchlässigem Gestein zu lösen: Die westliche Gesellschaft sei ein "Erdöl-Junkie" und mit dem Fracking treibe sie sich mittlerweile in den düstersten und gefährlichsten Straßen hinter dem Bahnhof herum, nur um an den nächsten Schuss zu kommen. 

Muscheln, Bambus und Moore als Zukunftsmaterialien

Ob Moor-Renaturierung, um erstaunliche Mengen CO2 im Boden zu binden, ob biologische Klebstoffe aus Muscheln, Baugerüste aus Bambus oder raffinierte Kosmetik aus pflanzlichen Ölen und Seifen – die Autoren jonglieren mit vielen Bällen, halten realistische Szenarien für die moderne Welt, eine sympathische Grundidee des Respekts vor Pflanzen und Tieren, politisch-strategische Überlegungen und die Bereitschaft zum Verzicht klug in der Waage. Insbesondere Hermann Fischers Ideen sind so überraschend, vielseitig und durchdacht, dass man sich erstaunt die Augen reibt, nicht viel öfter und mehr über die neue Naturstoff-Chemie zu hören.

Natur ist dem Menschen voraus

Milliarden von Jahren hatte die Evolution Zeit, all die Substanzen und Stoffwechselwege auszutüfteln, die in der Natur vorkommen. Hier könne der Mensch mit seinen gerade einmal 200 Jahren Forschungserfahrung in der Chemie einfach nicht mithalten, betont der Umwelt-Visionär. Seine Idee: Weltweit Datenbanken aufbauen, um verschüttetes und neues Wissen zusammenzutragen darüber, welche natürlichen Stoffe mit welchen Eigenschaften es eigentlich gibt. Im zweiten Schritt gelte es, mit dem alten Denken zu brechen, dass die Chemie alles erst in Reinsubstanzen verwandeln muss, um es dann neu zusammenzusetzen. Energetisch viel sinnvoller sei es, die hochkomplexen Hervorbringungen der Pflanzen direkt zu nutzen: Bauen mit Bambus, Möbel aus Rattan, Hanf-Karrosserien.

Optimistische Chemie-Vision

"Chemiewende" ist teils als Dialog angelegt, teils als Interview, und die Unentschiedenheit in der Rollenaufteilung (zu der sich einige Formatierungsfehler gesellen, so dass man als Leserin und Leser mitunter nicht mehr erkennt, wer spricht) und überhaupt die ganze etwas lose und fahrig wirkende Aufmachung als Gesprächsprotokoll tut ihm leider nicht sehr gut. Dennoch: Die überraschende und optimistische Kraft der Chemie-Visionen setzt sich durch.

Hermann Fischer und Horst G. Appelhagen: Chemiewende – Von der intelligenten Nutzung natürlicher Rohstoffe
Verlag Antje Kunstmann
144 Seiten, 14 Euro

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