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Montag, 11.12.2017

Vollbild | Beitrag vom 12.08.2017

Filmfest Locarno – Ehrenpreis für Todd Haynes Ein Kinderfilm ohne viel Worte

US-Regisseur Todd Haynes im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Screenshot aus dem Trailer des Films "Wonderstruck" von Todd Haynes (Screenshot Trailer "Wonderstruck")
Screenshot aus dem Trailer des Films "Wonderstruck" von Todd Haynes (Screenshot Trailer "Wonderstruck")

Um "Wonderstruck" zu drehen, habe er sogar ein wenig die Gebärdensprache gelernt, erzählt US-Regisseur Todd Haynes. Der Film über zwei gehörlose Kinder wurde beim internationalen Filmfest in Locarno gezeigt, wo Haynes auch mit dem Ehren-Leoparden ausgezeichnet wurde.

Patrick Wellinski: Sie wurden in Locarno mit dem Ehrenpreis des Festivals ausgezeichnet. Man kann sagen, Ihre Karriere begann ja auch hier, als Sie "Poison" 1992 im Wettbewerb gezeigt haben. Seitdem waren Sie aber nicht mehr hier. Wie empfinden Sie die Rückkehr?

Todd Haynes:  Es ist toll, denn es ist wirklich unglaublich lange her. Christine, meine Produzentin, war in der Zwischenzeit zweimal in Locarno. Aber ich hab es erst jetzt geschafft. Locarno ist ein verblüffender Ort.

Das Festival ist so alt wie das von Cannes und es widmet sich wirklich dem Welt-Kino, dem wirklichen Kino. Meinen Namen jetzt neben dem von Jean-Marie Straub zu sehen, das ist eine große Ehre. Ja, das war schon eine lange Reise hierher.

Die Elemente des Kinos in Reinform

Wellinski: Was war für Sie als Regisseur die große Herausforderung, das Kinderbuch "Wonderstruck" von Brian Selznick, in dem es um eine Familie geht, die nach sehr vielen Jahren zusammen kommt und in deren Zentrum zwei gehörlose* Kinder stehen, zu verfilmen?

Haynes: Ich hasse das Wort "pur", aber die Geschichte machte mir in gewisser Weise die Elemente des Kinos in Reinform zum Geschenk. In der Verfilmung zählt das gesprochene Wort nicht. Es kommen so gut wie keine Dialoge vor.

Eine Stunde lang wird kein Wort gesprochen

Ich las das Drehbuch, sah den Film vor mir, dann haben wir ihn gedreht und als er geschnitten war, begriff ich: Mein Gott, hier wird wirklich eine Stunde lang kein Wort gesprochen! Die beiden Kinder sind gehörlos. Und Ben hat die meiste Zeit während er durch New York läuft niemanden, mit dem er reden kann.

Musik, Ausstattung und Kostüme, das Minenspiel und der körperliche Ausdruck sind in dieser Produktion enorm wichtig. Und das sind schließlich die grundlegenden Elemente der kinematografischen Sprache.  Lass all das wirklich strahlen, ohne das von Gefühlen gesprochen wird.

Die Talente meines Teams kommen in einer so unverfälschten, ehrlichen Weise zum Ausdruck. Das betrifft die Fotografie, das Design, die Kostüme. Es geht um echte Handwerkskunst. Das Drehbuch von Brian Selznick schrie geradezu nach einer Filmadaption.

Größte Herausforderung: der Dreh mit Kindern

Ich wusste, dass der Rhythmus des Films ganz vom Schnitt abhängen würde. Das trifft natürlich auf alle Filme zu, aber umso mehr, wenn es um eine doppelte Erzählperspektive geht, um zwei verschiedene Zeitebenen.

Wellinski: Der Film spielt zu gleichen Teilen in den 1920er-Jahren und in den 70er-Jahren. Beide Zeitebenen sind sehr genau und unterschiedlich ausgearbeitet. Die Geschichte, die in den 20er-Jahren spielt, erzählen Sie als Schwarz-weiß-Stummfilm und die Episode in den 70er-Jahren wiederum als Hommage an das New-Hollywood-Kino. Welche Ebene war denn besonders schwierig zu inszenieren?

Haynes: Sie waren beide gleich schwer zu drehen, beide gehören der Vergangenheit an. Auch die Suche nach Drehorten war schwierig, besonders in New York. Nichts erinnert dort mehr an die 70er-Jahre. Die Stadt ist so dermaßen sauber heute. Damals war sie wirklich verarmt. Also, es war hart, geeignete Plätze zu finden.

Regisseur Todd Haynes während des 70. Filmfestivals in Cannes. (dpa / Ekaterina Chesnokova / Sputnik )Regisseur Todd Haynes während des 70. Filmfestivals in Cannes. (dpa / Ekaterina Chesnokova / Sputnik )

Die größte Herausforderung war allerdings das Drehen mit Kindern, denn länger als acht, neun Stunden geht das nicht. Ein normaler Drehtag, für den du eine Crew bezahlst, dauert sehr viel länger. Damit sich das einigermaßen rechnete, mussten wir Szenen der 20er- und der 70er-Jahre immer am selben Tag drehen.

Suche nach gehörlosen Kindern mit Schauspieltalent

Sie können sich vorstellen, was das für die Produktion bedeutete! All die Kulissen, Kostüme, Autos, die man braucht, um glaubhaft auszustatten. Obendrein mussten wir uns an eingeschränkte Drehzeiten im Naturkundemuseum halten und jeden Tag das ganze Equipment neu auf- und wieder abbauen. Die Szenen, in denen es blitzt, waren die einzigen, die wir digital gedreht haben.

Wellinski: Sie sagen, es gibt so gut wie keine Dialoge, aber es wird dann aber doch sehr viel gesprochen in "Wonderstruck", in Zeichensprache eben. Wie haben Sie eigentlich dafür recherchiert?

Haynes: Keines der beiden Kinder beherrscht die Gebärdensprache. Für den Film war es nicht wirklich relevant. Juliane Moore kann sich mittels Zeichen ausdrücken, sie hat es gelernt. Aber Milly, die die kleine Rose spielt, kann es nicht und Ben auch nicht.

Wir haben es als Chance gesehen, uns damit zu beschäftigen, wie man Gehörlose an dem ganzen Prozess des Drehens beteiligen kann. Das ging mit dem Casting für die Rolle der Rose los. Die Frage stellte sich: Warum besetzt man sie nicht mit einem gehörlosen Kind?

"Persönlichkeit drückt sich in der Zeichensprache aus"

Wir haben unkonventionelle Wege des Castings probiert. Wir sind über Land gezogen und haben Gehörlosen-Verbände** gesucht. In Schulen haben wir Notizen ans schwarze Brett geheftet oder auf Fluren angebracht. Wir haben wirklich alles versucht und uns gesagt, wenn wir niemanden finden, der die Rolle verkörpern kann, dann suchen wir Kinder, die hören können. Da haben wir natürlich eine große Auswahl. Es war ein Wunder, dass wir dieses kleine Mädchen gefunden haben.

Wellinski: Stand denn dieses Projekt ohne dieses junge Mädchen auf der Kippe, wenn Sie sie erst so spät gecasted haben?

Haynes:  Tja, für manche Kinoproduktionen kann man es sich leisten, ein Jahr lang nach der geeigneten Besetzung zu suchen, aber uns fehlten Zeit und Geld. Wir haben Einsendungen mit Aufnahmen von Kindern bekommen, die sich um die Rolle bewarben. Milly war schon in der ersten Runde dabei.

Es dauerte einen Monat, bis wir alles Material zusammen hatten.  Danach haben wir eine geballte Kampagne gestartet. Die dauerte zwei Monate. Ich habe mir ihre Aufnahme angeschaut und irgendwas passierte mit mir. Sie überzeugte mit ihrem ganzen Wesen. Wie sie ihren Körper einsetzte, um etwas auszudrücken, ihre Gesten, ihr Gesicht. Etwas springt über.

Eine Persönlichkeit drückt sich in der Zeichensprache vollständig aus. Es traf mich im Innersten. Und dann hoffst du einfach nur, dass sie die Rolle übernehmen kann. Es klappte, und cool war, dass wir die anderen Schauspieler zur Unterstützung für das Drehen der stillen Filmszenen gewannen.

Wir haben sehr viele taube Schauspieler am Prozess beteiligt, die auch Rollen für hörende Charaktere verkörpern konnten. Etliche kamen vom Gehörlosen-Theater und viele hatten bereits eine lange, interessante Karriere hinter sich. Für mich und die meisten in der Crew war das eine ganz neue Erfahrung, mit ihnen zu arbeiten. Es war fantastisch, Übersetzer am Set zu haben, und die ganze Crew hat nebenbei Unterricht in der Gebärdensprache bekommen.

Der erste Kinderfilm von Todd Haynes

Wellinski: Haben Sie eigentlich selber Zeichensprache gelernt?

Haynes:  Ja, das habe ich. Ein bisschen jedenfalls. Es ist schwer, die Zeichen zu behalten, wenn man sie nicht kontinuierlich anwendet. Ich konnte mit den Fingern immer gut buchstabieren. Ja, das war eine unglaubliche Erfahrung.

Wellinski: Jetzt ist "Wonderstruck" Ihr erster Familienfilm, der sich sogar ganz direkt an Kinder richtet. Damit werden viele Kinder zum ersten Mal einen Todd-Haynes-Film sehen. War Ihnen als Geschichtenerzähler diese Herausforderung, jetzt für ein junges Publikum zu erzählen, von Anfang an bewusst?

Haynes:  Ja, das war mir bewusst und deshalb haben wir Kinder während des Schnitts eingeladen, Teile des Films zu sehen. Ich mache das übrigens mit all meinen Filmen, dass ich Freunde der Familie und Freunde von Freunden einlade, erste Szenen zu sehen – einfach um ein Gespür dafür zu bekommen, ob der Film die Wirkung hat, die ich mir wünsche.

Wir waren schon sehr gespannt auf die Reaktion der Kinder.  Das betrifft etwas so einfaches wie die Filmlänge und erst recht die komplexe Struktur der zwei Erzählebenen wie auch das Fehlen von Dialogen, an die man in unserer Alltagskultur so sehr gewöhnt ist. Die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern ist generell nicht so hoch. Sie können einfach nicht lange still sitzen.

Hier war es anders. Sie waren sehr offen für die Erfahrung. Wir haben versucht, nachher keine manipulativen Fragen zu stellen, und sie haben gezielte Kommentare abgegeben. Sie erinnerten sich genau an Schnitte, es war beeindruckend. Die Alterspanne war auch recht groß. Die Kinder waren zwischen sieben und 15 Jahren alt. Sie haben uns wirklich sehr geholfen, herauszufinden, wie der Film am besten funktionieren könnte.

"Ich bin und bleibe Filmemacher"

Wellinski: Ist es Ihnen eigentlich wichtig, wo man Ihre Filme sieht? "Wonderstruck" ist jetzt eine Produktion des Streamingdienstes Amazon.  Sie haben auch schon fürs Fernsehen gearbeitet mit "Mildred Pierce". Ist das jetzt die Zukunft und das Kino tot?

Haynes:   Ja natürlich ist mir das wichtig. Ich bin und bleibe eben ein Filmemacher. Ich möchte, dass meine Filme auf der Leinwand gesehen werden.  

Amazon bevorzugt immer noch das Schauspiel und hat sogenannte Schauspiel-Fenster in alle seine Filmveröffentlichungen eingebaut. Ich wollte etwas ausprobieren, was mir eine Erfahrung wert zu sein schien.

Kabel-Produktionen und Streaming, all die Varianten, die es gibt, sind eine Bereicherung. Es belebt den Wettbewerb, und sicher wandern viele Talente vom Kino zum Fernsehen ab. Es werden verschiedene Erzählweisen für lange Produktionen im Serienformat probiert. Ich habe es geliebt, "Mildred Pierce" zu drehen, das war meine erste Erfahrung mit dem Drehen einer Serie.  Es war klasse, so ganz anders, ein interessantes Format.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


*In der Audio-Version spricht der Moderator von taubstummen Kindern.

** In der Audio-Version heißt es Taubstummenverbände.

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